Canon EOS RP im Test
Wie gut kann spiegelloses Vollformat für 1.500€ sein?

Sony mischt mit seinen Alpha-Kameras schon länger den Markt auf und konnte viele Fotografen zum Umstieg von einer klassischen Spiegelreflex-Kamera zu einem spiegellosen Gerät bewegen. Höchste Zeit also, dass jetzt auch Nikon und Canon eine erste Generation an Vollformat-DSLMs in die Läden gebracht haben. Den günstigsten Einstieg ermöglicht Canon mit der RP (derzeit 1.509,99 Euro mit dem Adapter für EF-Objektive). Wir haben das Leichtgewicht gemeinsam mit dem Set-Objektiv 24-105 f4 (samt Adapter um 2.519,99 Euro) und dem neuen 50 f1,2 getestet.

Als Canon die EOS R vorstellte, gingen die meisten Branchenkenner davon aus, dass es sich um das neue Einsteigermodell handelte und demnächst eine spiegellose Profi-Kamera folgen dürfte. Tatsächlich aber dürfte Canon die EOS R als Mittelklassemodell positioniert haben – um kurz darauf die RP als Einsteigergerät herauszubringen. Viel Aufsehen wurde seitens des Kameraherstellers um das neue, kleinere und in mancher Hinsicht abgespeckte Modell jedenfalls nicht gemacht. Kein Wunder, ließt sich das Datenblatt nicht allzu spektakulär.

Das Haupt-Verkaufsargument der EOS RP ist der Vollformatsensor in Kombination mit der spiegellosen Technologie. Der elektronische Sucher mit 2,36 Millionen Bildpunkten zeigt die zu erwartende Belichtung und erleichtert das Fotografieren mit manuellen Einstellungen. Er ist hell, kontrastreich und arbeitet ohne spürbare Verzögerung. Nur, wenn man etwas schief durch den Sucher blickt, verschwimmt das Bild.

Der Sensor der RP löst mit 26,2 MP auf, er dürfte nahezu identisch mit jenem in der 6D II sein. Bei der Bildqualität hat die RP trotzdem die Nase vorne, denn in ihr werkt der verbesserte, um eine Generation neuere DIGIC 8-Prozessor. Gegenüber der EOS R zieht die RP den Kürzeren – vergleicht man RAW-Dateien beider Kameras, weist die letztere einen geringeren Dynamikumfang auf. Beim Bearbeiten in der digitalen Dunkelkammer bietet sie dementsprechend etwas weniger Spielraum. Auch das Gehäuse hat gegenüber der R an Funktionen eingebüßt. Das Display an der Oberseite ist einem Einstellrad gewichen und die Touch-Bar an der Rückseite ist Geschichte. Wir finden: Sinnvolle Änderungen, schließlich wählen wir jetzt schneller zwischen den verschiedenen Modi und die Touchbar wurde ohnehin als unpraktikabel kritisiert.

Ein echtes Fliegengewicht

Mit 485 Gramm kommt die RP deutlich leichter und kleiner daher, als die R und 6D II. So klein, dass Canon eine Griffverlängerung anbietet, damit alle Finger Halt finden. Die Funktion eines Batteriegriffs mit einem eigenen Auslöseknopf für Hochformatfotos ist darin aber nicht enthalten – bis auf die Vergrößerung des Kamerabodys bietet er keinen Nutzen. Immerhin: Der Akku lässt sich dank einer Öffnung an der Unterseite wechseln, ohne dass der Griff abgenommen werden muss.

Für Nutzer einer Spiegelreflexkamera wie der 6D oder 5D fühlt sich die RP äußerst klein und leicht, fast fragil an. Der Vergleich zwischen RP und 6D II macht Sinn, denn beide Kameras sind derzeit für den gleichen Preis erhältlich, haben aber ganz unterschiedliche Stärken und Schwächen. Wer jetzt bereits auf ein spiegelloses Gerät umsteigen und den RF-Mount für die neuesten Objektive nützen möchte, ist mit der RP gut bedient. Sie ist in Kombination mit dem Kit-Objektiv eine gute, leichte und flexible Reisekamera, die zügig und zuverlässig fokussiert, Fotos kabellos ans Smartphone sendet und per USB-C aufgeladen werden kann.

Für Action- und Sportfotografen bietet die RP hingegen wenig Reizvolles. Die Serienbildgeschwindigkeit von 5 Bildern pro Sekunde erreicht sie nur mit fixiertem Fokus. Mit Servo-AF knipst sie überhaupt nur 4 Bilder pro Sekunde. Die 6D II ist mit 6,5 Bildern auch im kontinuierlichen Fokus deutlich schneller. Außerdem fällt die Bedienung dank des großen Einstellrads auf der Rückseite leichter. Die massivere Konstruktion der Spiegelreflexkamera bietet besseren Schutz gegen Schmutz, Staub und Regen. Die RP muss etwas behutsamer angefasst werden und auch beim Objektivwechsel ist Vorsicht angesagt, denn der Verschluss schützt den Sensor, anders als jener der R, während des Wechsels nicht vor Staub.

Video-Features eher eingeschränkt

Im Video-Bereich glänzt die RP nicht. Zwar lassen sich externe Mikrofone und Kopfhörer anschließen, der 4K-Modus wird aber durch den starken Crop fast unbrauchbar gemacht. Aus einer strategischen Perspektive ist verständlich, dass Canon viele Video-Features den teuren Modellen vorbehält – wer kauft einen hochpreisigen Camcorder, wenn die Einsteigerkamera das Gleiche liefert? – im Vergleich zu Sony und Nikon fallen diese Beschränkungen aber negativ auf. Hier wird sich langfristig zeigen, ob Canon daran festhält und wie diese Strategie aufgeht.

Der Farbeindruck unterscheidet sich nicht von den vorherigen Canon-Spiegelreflexkameras.

Der Farbeindruck unterscheidet sich nicht von den vorherigen Canon-Spiegelreflexkameras.

Kit-Objektiv RF 24-105 f4 überzeugt

Wer seine Objektive für den Spiegelreflex-Mount (EF) an der spiegellosen RP nutzen will, kann diese per Adapter anschließen. Für uns waren bei Autofokus und Qualität keine Einbußen zu bemerken.

Die RP ist keine Action-Kamera, mit ein bisschen Geschick lassen sich aber auch dynamische Situationen festhalten.

Die RP ist keine Action-Kamera, mit ein bisschen Geschick lassen sich aber auch dynamische Situationen festhalten.

Gemeinsam mit dem RF 24-105 f4 ist die EOS RP für 2.519,99 Euro erhältlich. Das erste Objektiv für den RF-Mount räumt mit Vorurteilen auf. Nein, ein Kit-Objektiv muss kein Reinfall sein, das neue 24-105 ist eine echte "L"-Optik und ist sowohl bei den optischen Eigenschaften, als auch in der Fertigungsqualität gewohnt erstklassig. Mit seiner vergleichsweise kleinen Offblende ist das Kit-Objektiv zwar nicht für Action-Aufnahmen in Innenräumen oder bei Nacht gemacht, als handliches Reise- und Alltagsobjektiv weiß es aber durchaus zu überzeugen. Der gut nutzbare Brennweitenbereich ermöglicht mehr Flexibilität als eine traditionelle 24-70-Optik.

Die Verzerrung hält sich über den gesamten Brennweitenbereich in Grenzen, ein Großteil wird durch die interne Bildverarbeitung bereits korrigiert. Die folgende Aufnahme entstand bei 50mm.

Chromatische Farbabweichungen sind bei Offblende sichtbar, verschwinden schon bei f5 aber fast vollständig.

Neues 50mm genügt höchsten Ansprüchen

Als echtes Highlight hat sich das RF 50 1,2 erwiesen. Das neue extrem lichtstarke 50mm-Objektiv übertrifft sogar seinen sehr beliebten Vorgänger für den EF-Mount. Besonders wichtig: Der Autofokus in Verbindung mit der RP funktioniert perfekt; sogar bei der sehr geringen Schärfentiefe eines 1,2-Objektivs sitzt der Schärfepunkt stets dort, wo er sein soll. Von den optischen Eigenschaften ist das 50 1,2 über jeden Zweifel erhaben – keine Verzerrungen, ultra scharfe Bilder bei entsprechendem fotografischen Können, keine Aberrationen bei Offblende. In der Porträt- und Pressefotografie wird das neue RF-Standardobjektiv den höchsten Ansprüchen gerecht.

Das RF 50 1,2 an der EOS R

Das RF 50 1,2 an der EOS R

Einziger Nachteil des 50 1,2 gegenüber seinem Vorgänger für Spiegelreflexkameras: Die neue Optik ist um einiges größer und schwerer – was dem Anspruch eines spiegellosen Systems eher widerspricht. Unklar ist freilich auch, wie viele Besitzer einer eher günstigen RP ein Objektiv um 2.500 Euro zukaufen werden. Für sie ist das neue 50 1,2 aber auch nicht gemacht. Es richtet sich an Profifotografen und wird seinen Platz vor allem an der ersten vollprofessionellen spiegellosen Canon finden. Bleibt zu hoffen, dass diese bald vorgestellt wird.

Unser Fazit

Canon setzt die Schwelle für den Einstieg ins spiegellose Vollformat mit der EOS RP so niedrig, wie kein anderer Hersteller. Nikon bekam für seine etwas teurere Z6 viel Applaus, wurde aber wegen eher liebloser Objektive für das neue System kritisiert. Bei Canon verhält es sich umgekehrt: Die RF ist eine solide Einstiegskamera, wird aber niemanden zu Begeisterungsstürmen verleiten. Das Kit-Objektiv 24-105 sowie das neue 50 1,2 hingegen sind gewohnt erstklassige L-Optiken, an denen es nichts auszusetzen gibt und die ihren Wert noch lange halten werden.

Wer jetzt günstig eine Kamera mit Vollformat-Sensor und den Vorteilen der spiegellosen Technologie sucht, kann mit der RF nicht viel falsch machen. Aus heutiger Sicht scheint es aber auch kein Fehler zu sein, noch die nächste Generation an spiegellosen Canons abzuwarten und den Markt ein oder zwei Jahre zur Entscheidungsfindung zu beobachten.