„Der tut nix“

Mit Sozialminister Anschober in den Untergrund, mit Bürgermeister Ludwig in den 8. Stock. Das Leben ist ein ewiges Auf und Ab.

Es ist einer der übleren Wesenszüge der Zukunft, dass sie sich gern verspätet. Sie kommt einfach nicht. Dann glaubt man wieder, sie ist da, hört sie bereits klopfen, aber nichts passiert, oft ziemlich lang nicht. Wenn man dann nicht mehr mit der Zukunft rechnet, dann taucht sie plötzlich auf, wie aus dem Nichts, bestens gelaunt, ohne jedes Schuldbewusstsein, sie winkt und lächelt und lässt sich von der Gegenwart beklatschen, es ist ein höflicher Applaus, mehr nicht, denn die Gegenwart glaubt meist ja ohnehin, dass in der Vergangenheit alles besser war.

So also warteten gestern 150 Interessierte der Neigungsgruppe SPÖ im „K47“ darauf, dass Michael Ludwig nicht den Wahlkampf eröffnete. Für 12 Uhr war die Nichtankündigung des Termins der Wahl, verbunden mit dem Nichtstart des Wahlkampfes avisiert, aber nichts passierte zunächst. Es gibt nämlich nur einen Aufzug in die lichten Höhen von „Wiens exklusivstem Penthouse“, wie die Eventlocation am Franz-Josefs-Kai im Internet angepriesen wird. Der Glaswürfel von „Wiens exklusivstem Penthouse“ liegt im achten Stock mit Blick auf Donaukanal, Stephansdom oder Kahlenberg, der einzige Lift führt nur bis zum siebenten Stock, dann muss man gehen. Unten im Erdgeschoss bildeten sich lange Schlangen, oben begann die Temperatur zu steigen und zu steigen, dass sollte später noch ein Thema werden.

Reden und reden lassen

Um 12.06 Uhr startete ein Film, ich glaube ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Michael Ludwig kommt darin ein paarmal vor. Er winkt einem Busfahrer nach, tanzt mit Pensionisten, trägt Baustellenhelm, er verabschiedet ein Postpackerl, das sich auf einem Förderband vor ihm davonmacht. Man sieht Ludwig beim Schleppen von Mannerschnitten, beim Backen von Brezerln, beim Abklatschen, Reden, Kopfnicken, Gehen, Stehen, Händeschütteln, Spaß machen und Spaß haben. Am Ende ein Standbild, dazu der Slogan „Entschlossen für Wien“. Ich werde nicht ganz schlau daraus, vielleicht bin ich zu unentschlossen.

Man kannte also den Mann einigermaßen gut, der um 12.07 Uhr die Bühne betrat, grauer Anzug, rote, gepunktete Krawatte, aber nicht so grell wie es die Roten früher gerne hatten. Die Haare hatte sich Ludwig für den Nichtstart des Wahlkampfes kürzer schneiden lassen, er trägt sie zurückgekämmt wie Sebastian Kurz, aber weniger pommadiert. Er betritt gemäßigten Schrittes die Bühne, die aus nicht mehr als einem Rednerpult mit Mikro und einer taubengrauen Wand dahinter besteht, lächelt, tritt hinter das Pult, nimmt den Applaus mit Wohlgefallen zur Kenntnis, macht einen Schritt nach rechts und winkt und verbeugt sich, wechselt dann auf die linke Seite neben das Pult, lächelt weiter, winkt, verbeugt sich. Früher gab es so kleine Wetterhäuschen, abwechselnd drehte sich die männliche und die weibliche Figur je nach Luftdruck raus aus der Holzhütte, die Sonnenfrau stand für gutes Wetter, der Regenmann für schlechtes. Nicht alles im Leben bedarf einer Deutung.

Ehe Ludwig nicht den Wahlkampf startet und nicht den Termin für die Wienwahl nennt, sagt er, worüber er an diesem Tag sonst so nicht reden will. Er werde sich „nicht abgrenzen gegenüber anderen Parteien. Auch nicht gegenüber der eigenen“, fügt er an, schmunzelt und schaut seinem eigenen Sickerwitz nach, wie er sich ins Publikum aufmacht hinein in die Köpfe der Anwesenden. Die gesamte Stadtregierung sitzt da in der ersten Reihe – aber niemand aus der Bundespartei, auch nicht die Parteivorsitzende – und versteht, was gemeint ist. Ludwig will sich von der Löwelstraße nicht abgrenzen und tut damit doch genau das. Auf dem Pult ist ein Schild angebracht, auf dem „Entschlossen für Wien 2020“ steht, hinter Ludwig auf der taubengrauen Wand ist der Slogan „Entschlossen für Wien 2020“ aufgedruckt, daneben auf dem Monitor liest man „Entschlossen für Wien 2020“. Entschlossen ist Ludwig vor allem zu einem: Ich lasse mir die Party hier von Rendi-Wagner & Co nicht versauen.

150 Entschlossene

Der Bürgermeister hat zwei Zettel vor sich auf dem Pult liegen, aber er schaut in den 62 Minuten, die seine Rede dauert, so gut wie nie hin, für einen Nichtwahlauftakt hat er sich ziemlich gut vorbereitet. Er blickt abwechselnd nach links und nach rechts, nicht nach unten, auch nicht als er geschichtlich weit ausholt und die Namen der Politiker der ersten Stadtregierung aufzählt, um sein Team („auf das ich sehr stolz bin“) auf eine Ebene mit sozialistischen Säulenheiligen zu stellen.

Auch das fällt auf. „Ich darf etwas unbescheiden anführen“, sagt Ludwig, „ich glaube unser Stadtratsteam kann sich durchaus mit historischen Beispielen messen“. Es gäbe keine Konkurrenz, sondern Zusammenarbeit. Er könnte jetzt zum Fenster gehen, es aufreißen und in Richtung Löwelstraße hinüberbrüllen. „So macht man das nämlich, nicht indem man Leute auf die Straße setzt oder sich in Mitgliederbefragungen flüchtet“. Aber das macht er natürlich nicht, denn zu seiner eigenen Bundespartei sagt er an diesem Tag nicht mehr, als dass er nichts zur ihr sagt. Der Rest ist Schweigen.

Was folgt ist eine Mischung aus Hans Peter Doskozil, Sebastian Kurz und Peter Kaiser. Ludwig spricht wie der Kanzler von „Bewegung“, nicht von Partei, er hat nicht die Stadthalle gemietet oder sich einen Wanderprediger an die Seite gestellt, aber „Ludwig 2020“ erinnert doch an die „Auf.Takt.Tour. Kurz 2019“. Weniger Türkis, altmodischer, getragener, aber dieselben Ziele: Präsenz, Themensetzung. Die Wienwahl solle ein „Wettbewerb der besten Ideen“ werden, „keine Schlammschlacht“, Kurz nannte das Anpatzen.

Wie Doskozil warnt Ludwig vor weiteren Privatisierungen, vorm Neoliberalismus, er räumt dem Pflegethema viel Platz ein. Und einen Tag nach dem Kärntner Landeshauptmann, erwähnt er ebenfalls Ralf Dahrendorf und seine Prognose vom „Ende der Sozialdemokratie“, er stellt noch Francis Fukuyamas und dessen „Ende der Geschichte“ daneben, ich glaube Kaiser und Ludwig waren in derselben Bibliothek, oder haben sich bei Amazon Prime die gleichen Bücher bestellt.

Wo ist der Spaß?

Damit das nicht zu sehr abdriftet in Richtung Intellekt, haut Ludwig jetzt ein paar Kalauer raus. „Beim Pensionistenverband“, sagt er, „ist es oft lustiger als bei den Jugendorganisationen“. Dann wechselt er in die Mundart, es geht um die Essverbote in der U-Bahn. „Mir wär es als Jugendlicher ned eingefallen, dass i in da Straßenbohn wos essen tua“. Der Vortrag nähert sich seinem Höhepunkt. Ludwig verspricht, dass alle 63 Ganztagsschulen ab dem kommenden Schuljahr gratis sein werden – inklusive Mittagessen. Die Eltern der 17.000 Schüler ersparen sich monatlich 180 Euro, 25 Millionen Euro kostet das im Jahr. Es soll eine Lehrplatzgarantie geben und eine Pflegegarantie, jeder soll einen Platz in einem Pensionistenwohnheim oder einer Pflegeeinrichtung finden. Auf die Finanzierung geht Ludwig nicht weiter ein, auch das erinnert an Kurz.

Die Grünen erwähnt er in keinem Wort, aber er richtet seinem Koalitionspartner aus, dass seine SPÖ in Sachen Klimaschutz „besser als der politische Mitbewerber“ sei und „an den großen Rädern“ drehe. „Da geht’s nicht um die Behübschung von einzelnen Straßenzügen“. Dieser Nichtwahlkampf für die Nichtwahl ist auch nicht nichts. Am Ende sagt Ludwig „Glück auf“, alle erheben sich, applaudieren, es ist jetzt siedend heiß im Raum, man sieht es allen an. Was dann passiert, kann ich nicht sagen, denn das Video endet und eingeladen zu der Veranstaltung war ich ja nicht.

"Muss sein"

Als Ludwig im achten Stock zu reden begann, war Agur schon längst wieder aus der Unterwelt aufgetaucht, ins Büro mitgetrabt und hatte dort mit seinem obligaten Mittagsschlaf begonnen. Der zehn Jahre alte und 48 Kilo schwere Hund von Sozialminister Rudolf Anschober begleitete sein Herrl beim Öffi-Talk von „Heute“, was zur Folge hatte, dass sich um den Politiker keiner und um den Golden Retriever alle kümmerten. Anschober weiß das. „Ich würde Agur zu Interviews immer mitnehmen“, sagt er, „das Problem ist, dann hört mir absolut niemand mehr zu“.

Das könnte auch daran liegen, dass sich Anschober selbst am besten mit dem Hund unterhält, vermutlich weiß der Retriever inzwischen mehr über Österreichs Sozialgesetzgebung als Beate Hartinger-Klein. „Du bist ganz konzentriert, gell“, sagt der Minister am Bahnsteig zu Agur. „Wie schaut’s aus? Du könntest Fahrdienstleiter werden, wenn du einmal groß bist. Wenn einmal die Anzeige ausfällt, könntest du das machen. Noch zwei Minuten bis die U-Bahn kommt“.  

Der Hund hasst Autofahren, aber liebt Öffis, praktisch für einen Grünen. Vor allem von U-Bahnen ist er begeistert, „er liebt sie“, sagt Anschober. „Die Geräusche, man sieht die U-Bahn noch nicht, wir können sie auch noch nicht hören, er spürt sie aber schon“. Mit Maulkorb wohlgemerkt. „Da ist er nicht heiß drauf, aber es muss sein“. Agur ist Anschobers erst zweiter Hund, aber er kennt sich aus. Als er um die 20 Jahre alt war, hat sein Bruder Afghanische Windhunde gezüchtet. Deshalb kommt er mit dem Retriever auch so gut zurecht, denn der hat „einen ziemlichen Dickschädel“. Gassigehen ist ihm am liebsten mit ministerieller Begleitung, vorsichtig gesagt. „Der tut nix“, steht am Brustgeschirr von Agur und das ist durchaus wörtlich gemeint. Wenn ihm etwas nicht passt, dann passt ihm etwas nicht.

Das ist auch bei Michael Ludwig so. Ohne dass es am Brustgeschirr steht. Haben sie einen hunderbaren Mittwoch.

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