30 Beobachtungen

In unserem Leben ist das Virus drin. Ein paar Gedanken und Gedenken.

Putzig oder? Wir überlegen gerade wie wir am besten zum Mars kommen und testen selbstfahrende Autos. Gleichzeitig lernen wir erst jetzt, wie man sich richtig die Hände wäscht.

Bitter oder? Es reicht übrigens nicht, sich halb so lange die Hände zu waschen, wenn man doppelt so viel Seife nimmt. Auch das habe ich schon gehört dieser Tage.

Ungewöhnlich oder? Wenn wir jetzt nach oben schauen, sehen wir keine Kondensstreifen, sondern nur blauen Himmel.

Kennen Sie oder? Bei jedem Anruf zuckt man jetzt zusammen. Hat es einen aus der Familie getroffen? Einen aus der Bekanntschaft? Einen aus der Firma und alle müssen in Quarantäne? Das Smartphone als Unglücksbote, diesen Ruf wird es auch nicht mehr so schnell los.

Nicht kompliziert oder? Eigentlich hatten wir alle Mathematik in der Schule. Selbst wenn wir nicht mehr viel davon wissen, muss doch eines einleuchten: Eine Berechnung, die am ersten, am zweiten, am dritten und am vierten Tag stimmt, wird vermutlich auch für den zwanzigsten Tag halten. Seit einer Woche lässt sich die Ausbreitung der Krankheit exakt berechnen, die Prognosen trafen bisher immer mit erschreckender Präzision zu, sogar dass es den ersten Toten zwischen dem 300 und dem 330 Erkrankungsfall geben wird, ließ sich aus internationalen Statistiken vorhersagen. Man kann natürlich auch an Voodoo glauben.

Ski heil

Allerweil

Sollte zu denken geben oder? Wenn ich 500 Intensivbetten habe, wird es beim 501. Intensivpatienten kritisch. Ärzte müssen dann entscheiden: Rette ich den einen oder den anderen? In Bergamo (Italien) sah das so aus: Im 1. Stock lagen die Patienten mit den Beatmungsgeräten und dem medizinischen Personal rundherum, im 2. Stock lagen die Patienten ohne Beatmungsgeräten und ohne medizinisches Personal rundherum. Im 1. Stock wurde gerettet, im 2. Stock wurde gestorben. So einfach, so brutal. Wollen wir auch einen 2. Stock? 

Blöd oder? Wir wissen nicht, wie viele Opfer die Krankheit fordern wird, aber eines traue ich mich jetzt schon zu prophezeien: Die Dummheit wird überleben.

Unglaublich oder? Als gestern nämlich die Ausgangsverbote verkündet wurden, dachten sich viele: Geil, endlich ein perfekter Tag zum Skifahren. Alle, die sich den Haxn gebrochen haben, nehmen jetzt den Corona-Kranken die Spitalsbetten weg. Danke sehr rücksichtsvoll.

Noch unglaublicher oder? In vielen Teilen Österreichs blieben die Skilifte tatsächlich auch gestern offen, sogar in Ischgl. Begründung: Eine geordnete Abreise der Gäste solle gesichert werden. Die fahren auf Skiern heim?

Am unglaublichsten oder? Hunderte Urlauber stauten schon am Freitag am Nachhauseweg aus dem Paznauntal, warteten bis zu sieben Stunden an den Checkpoints, 300 übernachteten dann in Innsbruck. Von Corona gibt es dafür ein Mitarbeitsplus.

Sperrstunde

Bärig oder? So viel Unfähigkeit wie die Tiroler Politik letzte Woche an den Tag legte, muss man erst schaffen. Leugnen, vertuschen, aussitzen wollen, Kontingente von Urlaubern in ein Gefahrengebiet locken, zuletzt zwei Ärzte aus Salzburg, die daheim das gesamte Personal ihres Spitals in Gefahr brachten. Noch am 8. März schrieb die Landesregierung in einer Presseaussendung. „Die Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar (gemeint ist das „Kitzloch“ in Ischgl) ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“. Schämt Euch!

Nachhaltig oder? Schweden hat (Stand gestern Abend) 992 Corona-Kranke, 179 (18 Prozent) davon steckten sich in Österreich an. Dänemark hat 785 Fälle, 265 holten sich den Virus in Österreich, Norwegen hat 907 Infizierte, gleich 459 davon hatten Corona als Mitbringsel aus Österreich im Gepäck. Die Tiroler haben nachhaltig etwas für unseren Tourismus getan, da darf man mit Lob nicht sparen.

Nichts Neues oder? Günther Platter war als Innenminister ein Duckmäuser, dann verschaffte ihm die ÖVP den Job als Landeshauptmann von Tirol, da sollte er nicht so viel anstellen können. Das war ein Irrtum. Erst die Krise verleugnet, dann den Kopf in den Sand gesteckt, schließlich desaströs gemanagt. Wenn alles vorbei ist, sollte er seine Sachen packen. Ich mag die Tiroler, sie haben sich etwas Besseres verdient.

Ignorant oder? Die Mariahilfer Straße, die Parks von Wien bis Bregenz, das Innufer in Innsbruck, die Wiener Märkte – alles war am Wochenende noch gut besucht. Welchen Teil von Daheimbleiben haben die Leute eigentlich nicht verstanden?

Mahner in der Wüste

Zum Fressen oder? Die PR-Managerin Christina Aumayr schrieb auf Twitter, dass ein Gasthaus in ihrem Geburtsort in Oberösterreich für Sonntag komplett ausreserviert sei. 60 Plätze Indoor. Es gibt offenbar viele Ischgls in Österreich.

Zugedröhnt oder? Es gab sogar eigene Corona-Partys und Viren-Feten in ganz Österreich. Wer so etwas veranstaltet oder dort hingeht, lässt seine Kinder später sicher auch nicht gegen Masern impfen.

Haarig oder? Als klar war, dass die Geschäfte für ein paar Tage oder Wochen zusperren müssen, liefen die Telefone bei den Friseuren heiß: Die Locken dem eigenen Geschick überlassen zu müssen, ist für viele eine ziemliche Packung. Wie föhn!

Erwartbar oder? Nein, ich mache jetzt keine Liste von Leuten, die in mir noch bis vor wenigen Tagen einen Paranoiker und Hysteriker gesehen haben, weil ich vor der Gefahr des Virus gewarnt habe. Ich bin nicht stolz darauf, früh geahnt zu haben, was kommt, eher verärgert über mich, nicht mehr Panik verbreitet zu haben.

Gut oder? Ein paar Blauäugige sind inzwischen geläutert, haben ihre Fehleinschätzung eingestanden und sind ins genaue Gegenteil gekippt, sie sind die eindringlichsten Warner vor der Ausbreitung. Respekt, das hilft, ehrlich gemeint!

Erstaunlich oder? Politiker, die respektvoll miteinander umgehen, nicht nur hinter der Kamera, und die im Parlament mitbeschließen, was sinnvoll ist und schnell gehen muss. Einstimmig. Wir sollten uns nicht daran gewöhnen, es wird bald wieder anders sein, aber für einen Augenblick war es schön.

Neue Zeiten oder? Als Werner Faymann am Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 solo bei „Im Zentrum“ interviewt wurde, wetterte die ÖVP darüber. „Bestellfunk“ nannte Reinhold Mitterlehner, ja er war einmal wirklich Vizekanzler von Österreich, den ORF. Man vergesse nicht: SPÖ und ÖVP bildeten damals so eine Art Koalition. Gestern hielt Kanzler Sebastian Kurz zur besten Sendezeit, knapp vor 20 Uhr, eine Rede zur Lage der Nation, sie wurde parallel in ORF 1, ORF 2, ORF III und ORF Sport plus übertragen, von „Bestellfunk“ hörte ich nichts, wird an meinen Ohren liegen.

Eingebunkert oder? Gestern luden Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (erneut richtig geschrieben) und Zivildienstministerin Elisabeth Köstinger zur Pressekonferenz ins Kanzleramt. Damit ist nun Schluss. Ab jetzt dürfen nur mehr der ORF und die Austria Presseagentur zu Medienstatements ins BKA. „Message control?“ Wohl nicht, eher „Corona control“.

Das macht ja Schule

Scheinheilig oder? Ein Politiker, der auf Twitter von Hamsterkäufen abrät, weil „die Versorgung gesichert ist“ und der schreibt, es bringe nichts, sich „in einer Menschenmenge zum Virusträger zu machen“. Ein Foto auf Facebook zeigt denselben Politiker aber beim Hamstern im Supermarkt.

Blau oder? Die Regierung bemüht sich redlich, die Krise in den Griff zu kriegen. Der FPÖ fällt zu Gesundheitsminister Rudolf Anschober folgendes ein: „Dieser Herr ist eine Gefahr für die Gesundheit“. Die Blauen hatten das Ohr auch schon einmal näher an der Bevölkerung. 

Falscher Zeitpunkt oder? Natürlich wird man zeitnah über die Schattenseiten der Globalisierung reden müssen. Aber an alle, die eine Debatte jetzt schon anstoßen: Die Globalisierung wird dafür sorgen, dass hoffentlich irgendwann bald einmal eine Impfung gegen die verfluchte Krankheit gefunden wird. Sie wird von irgendwoher aus der Welt zu uns kommen und nicht eingebacken im Zaunerstollen aus Bad Ischl.

Neue Töne oder? Von „Süddeutscher Zeitung“ bis „Spiegel“ gibt es Lob für unser Krisenmanagement. Der „Politikbetrieb in Österreich“, so die „Süddeutsche“, wirke „oft schläfrig bis tapsig und immer schlagzeilenbewusst. Aber in der Corona-Krise wird offensichtlich schnell und sinnvoll regiert – ein positives Zack-zack-zack“. Danke, und über das tapsig reden wir noch einmal, wenn alles vorbei ist, okay?

Nicht klug oder? Unser Schutzschild weist immer noch gefährliche Lücken auf. Gestern etwa landete ein AUA-Flieger aus der Schweiz in Schwechat. Die Passagiere gingen ohne Kontrolle heim, keiner bekam einen Bescheid, sich 14 Tage in Quarantäne zu begeben. Man kann es mit der Freiwilligkeit auch übertreiben.

Wird wieder oder? Der Bundespräsident schüttelt in Zeiten der Krise keine Hände, er hält Abstand, verbeugt sich nach asiatischem Vorbild mit gefalteten Händen. Er ist vor allem ein Mutmacher. „Wir haben eine Pandemie. Wir müssen uns jetzt diszipliniert verhalten“, sagte er zu Conny Bischofberger, die ihn für die „Krone“ interviewte. „Aber es ist auch Frühling. Die Bäume und Büsche blühen. Wie heißt es bei Monty Python? ,Always look on the bright side auf life’ – dann ist es nicht so düster.“ Schauen wir dem Frühling halt durch die Fensterscheibe beim Wachsen zu.

Toll oder? Bei all den verrückten Bilder aus den Skigebieten, den Irrlichtenden in der Krise, den Abwieglern und Leugnern – der Großteil der Österreicherinnen und Österreicher ist vernünftig, verhält sich besonnen, tut das, was momentan richtig erscheint. So alles in allem, grob gesprochen, zusammengefasst, im Allgemeinen und im Großen und Ganzen, vereinfacht gesagt und ohne jetzt in die Einzelheiten zu gehen sind wir doch ein recht lässiges Volk, die hier Lebenden mitgemeint.

Möge es für uns alle bald wieder wunderbar sein. Schauen wird bis dahin halt Schulfernsehen.

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Fotos:
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Ski heil: Webcam
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Werner Kogler: APA, Georges Schneider
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