Bosniens toter Sohn ruht jetzt in Österreich

Am Freitag wurde David Dragicevic unter großer Trauer zum zweiten Mal beerdigt. Die Proteste in seinem Namen werden aber kein Ende finden.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, vor dem Wiener Neustädter Friedhof (Niederösterreich) finde eine Demonstration statt. Dutzende Menschen haben sich Freitagmittag versammelt, immer mehr kommen hinzu.

Sie tragen das Bild eines jungen Mannes.

Auf Buttons, T-Shirts, ausgedruckten Blättern und roten Kartonherzen. Sie fordern mit erhobenen Fäusten „Gerechtigkeit für David“. Doch es ist keine Demonstration – zumindest nicht primär. Es ist das Begräbnis von David Dragicevic. Einem bosnischen Studenten, dessen Tod eine riesige Protestbewegung entfacht hat.

Hunderte Menschen kamen, um sich von David zu verabschieden. (Bild: heute.at)

Hunderte Menschen kamen, um sich von David zu verabschieden. (Bild: heute.at)

Ein rätselhafter Todesfall

Bild: privat

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Der Fall nahm vor fast einem Jahr seinen Anfang. Am 18. März 2018 wurde David das letzte Mal lebend in seiner Heimatstadt Banja Luka (Bosnien-Herzegowina) gesehen. Nach sechs Tagen quälender Ungewissheit erhielten Eltern und Freunde des 21-jährigen die entsetzliche Nachricht. David war tot. Er wurde in einem Bachbett gefunden.

Laut Behörden soll David im Drogenrausch in ein Haus eingebrochen, zum Bach getorkelt und dort ertrunken sein. Davids Familie ist hingegen überzeugt, dass der junge Mann misshandelt und ermordet wurde. Sie orten zu viele Unstimmigkeiten, bezichtigen die Ermittler der Lüge. Die hätten ihn als Drogensüchtigen dargestellt, Überwachungsvideos manipuliert und die Ergebnisse der Obduktion gefälscht, um die Hintergründe zu vertuschen.

Davids Vater Davor Dragicevic demonstrierte daraufhin monatelang. Jeden Tag um 18 Uhr stand er auf dem Hauptplatz von Banja Luka und sprach vor einer wachsenden Zahl an Demonstranten. Derzeit gilt er als untergetaucht. Die Behörden haben einen Haftbefehl gegen ihn erlassen, weil er zwei serbische Politiker mit dem Tod bedroht haben soll.

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David wurde nur 21 Jahre alt. (Bild: privat)

David wurde nur 21 Jahre alt. (Bild: privat)

Davor Dragicevic. Davids trauernder Vater bei einer Demonstration in Bosnien. (Bild: picturedesk)

Davor Dragicevic. Davids trauernder Vater bei einer Demonstration in Bosnien. (Bild: picturedesk)

Dennoch ist Davor Dragicevic heute nach Wiener Neustadt gekommen. Zur zweiten Bestattung seines Sohnes. Vor dem Friedhof begrüßt er alle Neuankömmlinge, schüttelt Hände, bedankt sich für die Anteilnahme mit Umarmungen. Einige Trauergäste können schon jetzt ihre Tränen kaum zurückhalten. Sie stützen sich gegenseitig, geben einander Halt an diesem traurigen Tag.

Davids Vater in Wiener Neustadt. (Bild: heute.at)

Davids Vater in Wiener Neustadt. (Bild: heute.at)

Zwei Tage zuvor ist Davids Leichnam in den frühen Morgenstunden auf dem Friedhof von Banja Luka exhumiert worden. Die Eltern hatten nicht ertragen, dass ihr Sohn in einem „Mafiastaat“, wie sie das Land nennen, begraben liegt. Warum Wiener Neustadt als letzte Ruhestätte? Es ist der Wohnort von Davids Mutter Suzana, sie lebt getrennt vom Vater.

Davids Leichnam wird exhumiert. (Bild: picturedesk)

Davids Leichnam wird exhumiert. (Bild: picturedesk)

Die letzte Ruhestätte

Bild: heute.at

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Sofija mit Davids Vater Davor. (Bild: privat)

Sofija mit Davids Vater Davor. (Bild: privat)

Die Friedhofskapelle von Wiener Neustadt ist nicht für dermaßen große Trauergesellschaften gebaut. Sie ist zur Gänze gefüllt, trotzdem stehen noch viele Gäste in einem Halbkreis und warten. Er wird nach etwa 20 Minuten herausgeschoben, die Trauerprozession dahinter.

Unter wolkenverhangenem Himmel wird Davids dunkelbrauner, mit Gold verzierter Sarg wenige Minuten zu seiner letzten Ruhestätte gebracht. Hunderte Menschen folgen ihm, ganz vorne Davids Eltern, die nun schon lange für Gerechtigkeit kämpfen.

Darunter auch Sofija Grmusa. “David war positiv, freundlich und hatte immer ein Lächeln auf den Lippen“, erinnert sich die junge Frau gegenüber „Heute.at“.

Die Trauergesellschaft vor Davids Sarg. (Bild: heute.at)

Die Trauergesellschaft vor Davids Sarg. (Bild: heute.at)

Sie kannte David wie sonst wohl nur wenige Menschen. Die 29-Jährige war jahrelang Nachbarin des Studenten, wuchs auf demselben Hügel in Banja Luka auf, der bevölkerungsreichsten Gemeinde Bosniens. Nun ist die Frau mit dem Rosentattoo auf dem rechten Unterarm immer an vorderster Front dabei, wenn es darum geht, „Gerechtigkeit für David“ zu fordern.

„Ich glaube, dass es in Bosnien bislang keine Demonstrationen in diesem Ausmaß gab“, sagt Sofija. „In dieser Form sind sie einzigartig. Und sie sind sehr emotional. Es gibt viele Tränen, viel Schmerz. Gleichzeitig versprühen die Versammlungen immer so viel Liebe. Es ist jedes Mal eine besondere Energie. Man kann es gar nicht beschreiben.“

Laut Sofija habe Davids Tod das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Wut habe es schon lange gegeben. Das Vertrauen in den Staat sei fort, doch bis dahin habe niemand den Mut gehabt, aufzustehen und zu kämpfen. „Davids Vater Davor gibt den Menschen nun eine Stimme. Er gab ihnen den Glauben und die Kraft wieder zurück. Er hat alle aufgeweckt.“

Davids Vater vor dem Grab seines Sohnes. (Bild: heute.at)

Davids Vater vor dem Grab seines Sohnes. (Bild: heute.at)

Jetzt ist Davor aber still. Er küsst den Sarg seines Sohnes, bevor er in die Erde hinabgesenkt wird. Nachdem der trauernde Vater eine Handvoll Erde in das Grab geworfen hat, stellt er sich daneben und überblickt das Geschehen. Eine nicht enden wollende Menschenschlange verabschiedet sich von David. Frauen, Männer, Kinder. Eine Mutter ist mit ihrem schlafenden Baby unter der Jacke gekommen. Der mit einer Mütze bedeckte Kopf lugt hervor, Tränen tropfen herab.

Die Beerdigung dauert weit über eine Stunde. Um das Grab bildet sich eine gewaltige Menschentraube. Trauernde, Kamerateams, eine Frau streamt die Zeremonie sogar mit ihrem Smartphone ins Internet. Zum Schluss hält Dragan Dabic, einer der Organisatoren der Demonstrationen für David, eine flammende Rede. Er bedankt sich im Namen der Familie für die Mithilfe. Normalerweise sollten Kinder ihre Eltern begraben, in diesem Fall hätten die Eltern ihren Sohn zweimal beerdigen müssen. Man werde weiterkämpfen.

Das bestätigt auch Sofija gegenüber „Heute.at“. „Wir werden so lange auf die Straßen gehen, bis es Gerechtigkeit gibt.“

Blumen an Davids letzter Ruhestelle. (Bild: heute.at)

Blumen an Davids letzter Ruhestelle. (Bild: heute.at)