TikTok Taktik

Na "Bravo": Wer ist schuld am verschwundenen Rednerpult?

Es war der Tag, an dem alle in Kurzarbeit gingen, sogar Sebastian Kurz. Der Kanzler gab gestern gemeinsam mit dem Vizekanzler eine Pressekonferenz, die er vor allem dazu nützte, weitere Pressekonferenzen anzukündigen. Die Regierung wolle die Wirtschaft auch „mittelfristig ankurbeln“, sagte Kurz, was kurzfristig gesehen auf lange Frist vernünftig erscheint. Drei Schwerpunkte sollen in den nächsten zehn Tagen näher definiert werden: Entlastung der Wirtschaft, Investitionen in Klimaschutz, Digitalisierung, Regionalisierung und Steuerentlastungen. „Gerade jenen Menschen, die in der Coronavirus-Krise das öffentliche Leben am Laufen gehalten haben, soll mehr zum Leben bleiben“, sagte Österreichs neuer Bruno Kreisky von eigenen Gnaden. Die Rolle als Linker scheint Kurz zu gefallen.

Weil aber der Tag der Arbeit vor der Tür steht, der historisch gesehen eigentlich der Tag der Arbeiterbewegung ist, diese Arbeiterbewegung aber heute den Tag der Arbeitslosen begeht, machte Kurz kurzerhand den Mitttwoch zum Tag der Kurzarbeit und redete nur 270 Sekunden lang. Gottlob hatte er Werner Kogler an seiner Seite, denn der Vizekanzler legte gute zehn Minuten drauf und so wurde aus der Pressekonferenz doch noch ein solides Kurzarbeitsmodell. Geht doch!

Aber wo waren die Rednerpulte? Der Kanzler und der Vizekanzler standen plötzlich nackt da, geschützt nur durch Plexiglasscheiben vor den Reportern, ein Paravent, der aussah wie eine Mauer aus Glas, es war kein schöner Anblick muss ich sagen. Die Mauer aus Glas trennte hüben von drüben mehr ab als sie sollte. Mein diesbezüglicher Dialog mit dem Kanzleramt geriet karg. 
„Wo sind die Pulte?“
„Heute mal ohne Pulte“.
„Grund?“
„Nach rund 60 PKs mal eine Auflockerung. Es war als Pressestatement gedacht“.
Kurzarbeit eben, aber wir lernen: Pressekonferenz Pulte da, Pressestatement Pulte weg. 

Runder Tisch

"Tear down this wall"

Ich sehe die Rednerpulte vor mir, wie sie atemlos irgendwo am Gang stehen, erschöpft von 60 Pressekonferenzen, angespuckt, unterbezahlt, überfordert. Sie sollen in den Saal getrieben werden, aber sie wehren sich nach Plexiglaskräften. Ich glaube ja, dass der neue, linke Sozialkurz die Pulte meint, wenn er sagt, dass alle jene mehr zum Leben haben sollten, die in der Coronavirus-Krise das öffentliche Leben am Laufen gehalten haben. Vielleicht haben die Rednerpulte längst eine Gewerkschaft gegründet und ziehen morgen am 1. Mai auf den Rathausplatz, eine rote Nelke am Mikrophon angesteckt und rufen „hoch die internationale Solidarität, Pulte erhebt euch.“ Vielleicht aber auch nicht.

Die Doppelconférence von Kanzler und Vizekanzler barg aber auch Überraschungen und die kamen ans Tageslicht, als Fragen gestellt werden durften. Die erste lautete: „War es eine Strategie der Regierung, der Bevölkerung bewusst Angst zu machen, Herr Bundeskanzler?“ Kurz hätte jetzt sagen können: „Nein, wo denken Sie hin?“ Oder näher an der Wahrheit: „Klar haben wir Angst erzeugt, hat ja auch gewirkt“. Er entschied sich aber für die Koglerroute und nahm bei der Antwort den langen Weg. „Unsere Strategie war immer klar, nämlich verantwortungsvoll zu agieren. Ich glaube, dass es richtig war, Gefahren oder Probleme nicht unter den Teppich zu kehren, sondern diese transparent zu machen und die Bevölkerung auch auf die Gefahr des Virus zu sensibilisieren“. Tatsächlich kehrte er ein paar Sätze mehr unter dem Teppich hervor, aber mit der Transparenz übertrieb er es dabei nicht.

Dann allerdings erlebte Österreich einen seltenen Moment. Ohne Not nämlich übernahm jemand Verantwortung. Werner Kogler hätte Sebastian Kurz jetzt allein dastehen lassen können, die Öffentlichkeit und die Journalisten das Bild des Furchtkanzlers, des Angst- und Bangkanzlers weitermalen lassen, aber das tat er nicht. „Der Bundeskanzler“, sagte er vielmehr, „bedarf ja meiner Ergänzung oder Verteidigung gar nicht, aber die drastischen Worte habe ich gebraucht“. Kogler zog die Vorwürfe, wenn es denn welche waren, auf sich, er nahm in Kauf, dass er nun als jener Regierungspolitiker in Erinnerung bleibt, der anregte, den Österreichern so richtig  Feuer unterm Hintern zu machen, auch unter Verwendung des Stilmittels Übertreibung. Das ist schon ein erstaunliches Maß an Rückgrat.

Ich blödle ja hier gern ein bisschen herum, auch über Werner Kogler, aber in diesem Moment war mir ausnahmsweise einmal wurscht, welche Farbe sein Hemd hatte (rosa), der Auftritt hat mir imponiert, obwohl er etwas unterging. Offenbar war ich nicht der Einzige. Als Gerald Fleischmann, der als Kommunikationschef der Regierung die Pressekonferenz leitete, nämlich wissen wollte, ob es „auf dieser Seite noch eine Frage“ gäbe, da blieb es still. „Das ist nicht der Fall“, schloss er daraus. Kurzarbeit eben, manchmal auch von Journalisten.

Locker bleiben

Auch Pamela Rendi-Wagner ist offenbar auf Kurzarbeit. Der 1. Mai fällt für die SPÖ heuer ins Wasser, einmal weil er wetterbedingt tatsächlich ins Wasser fällt, einmal weil Corona Veranstaltungen über 30 Personen verbietet, was die Roten zwar noch mit Ach und Krach zustande gebracht hätten, aber vermutlich wollte man kein Risiko eingehen. Gestern tauchte dann ein Video auf, das eine Gruppe von SPÖ-Funktionären für den „Tag der Arbeitslosen“ gedreht hatte, der traditionell am 30. April, also am Tag vor dem 1. Mai, begangen wird. Pamela Rendi-Wagner kommt darin nicht vor. Das Seltsame ist, dass sie das nicht seltsam findet. Man stelle sich vor, die ÖVP würde ein fünfminütiges Video drehen und Sebastian Kurz würde darin nicht sechs Minuten die Hauptrolle spielen. Schon allein daran zu denken, ist ein Flirt mit der Idee des Landesverweises. 

Bei der SPÖ ist das anders. Da wird das erste Video im Vorfeld des 1. Mai auf den Markt geworfen und für die Parteichefin ist in den 2.36 Minuten kein Platz. Der Clip wurde über den YouTube-Channel von Andreas Schieder verteilt, sie habe aber, erzählte mir Rendi-Wagner gestern in einem Telefonat durchaus ernsthaft, ihrem Social-Media-Team die Anweisung erteilt, das Video zu teilen. „Das hätte ich ja nicht gemacht, wenn ich dagegen wäre“. Das Video zu teilen ist grundsätzlich keine schlechte Idee, denn der YouTube-Kanal von Schieder ist nicht das neue Netflix und auch nicht auf dem besten Weg dorthin, denn er hat nur 68 Abonnenten. 

Die SPÖ hat momentan ein seltenes und seltsames Geschick darin, sich in sich selbst zu verheddern. Jahrzehntelang war der 1. Mai ein Tag, an dem sich die Partei stolz zeigte und geschichtsbewusst und einig und mächtiger als sie es vielleicht zum jeweiligen Zeitpunkt noch war. 2016 wurde der damalige Kanzler Werner Faymann dann auf offener Bühne ausgepfiffen und das gefiel einigen offenbar so gut, dass dies kurzerhand zur Tradition erklärt wurde und deshalb fürchtet sich die SPÖ heute vor dem 1. Mai mehr als sie sich auf ihren Jubeltag freut. Ich habe gestern erfolglos versucht, der Parteivorsitzenden zu erklären, dass eine Parteivorsitzende im ersten Parteivideo, das die Partei publiziert, nicht nur vorkommen, sondern dass sie darin eine tragende Rolle spielen muss. Sie hat mir gegenüber darauf hingewiesen, sie habe für heute einen Gastkommentar in der „Presse“ geschrieben, was ich gut finde, was aber gleichzeitig dem Klassenkampf keine neue Klasse verleihen wird, von Feuer erst einmal gar nicht zu reden.

Um den Herren
rechts geht es

Während sich die SPÖ-Chefin mit Videos beschäftigt, in denen sie nicht vorkommt, flutet Sebastian Kurz TikTok. Tiktok was? Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber, denn die chinesische Plattform ist die weltweite Nummer 1 für Handykurzvideos und unter Kids Kult. Für alle unter 20 ist Facebook heute ein Channel für Oma und Opa, schlimmer noch für die Eltern, die nimmt man ja auch nicht in die Clubs mit, wobei die Jungen auch nicht mehr in die Clubs gingen, als es noch gar kein Corona gab, es ist kompliziert. Jedenfalls tauchen seit einigen Tagen auf TikTok Videos von Sebastian Kurz auf und zwar nicht ein paar, sondern viele, wirklich viele. Dutzende Accounts schießen aus dem Boden wie die Ohrenschwammerln, sie nennen sich „Shorty“ oder „basti short“ oder „basti shawty“ und sie alle stellen Kurz in einem positiven Licht dar, aber nicht so ein bisschen, sondern sie himmeln den Kanzler regelrecht an. Was früher der Starschnitt in „Bravo“ war, ist heute der Kurz-Clip auf TicToc.

„Ich habe mich verliebt“, steht da. Oder „sein Lächeln ist unbeschreiblich“. Das Foto dazu ist mit Sternchen verziert, wurde über 400 Mal geteilt und 3.859 Mal mit Herzchen versehen. Der Clip „50 Shades of Shorty“ schaffte fast 10.000 Herzchen „Sein Lächeln verzaubert“, schrieb ein User oder eine Userin dazu. Die schiere Menge der Videos führte nun auf Tiktok selbst zu Diskussionen. „Meine ganze for you ist voll mit edits von ihm“, ist zu lesen, bitte mich nicht zu fragen, was eine „ganze for you“ ist, aber sie ist jedenfalls voll mit „edits“ von Kurz, anderen fiel auf, dass es bereits das „23. Shorty video heute“ war, das ihm oder ihr zugetragen wurde. Unklar ist, wer dahintersteckt. Einige vermuten die ÖVP, offizielle Auftritte von Kurz gibt es allerdings bisher nur auf Facebook, Twitter und Instagram, nicht auf TikTok. Wird hier ein Versuchsballon gestartet?

Auch Armin Wolf ist auf Kurzarbeit, also eigentlich nicht er, sondern seine Kontaktlinse und eigentlich ist sie nicht auf Kurzarbeit, sondern sie machte halbe-halbe. Die Linse fürs linke Auge „zerbröselte“, wie er schrieb, leider verblieb ein Teil länger im Auge. Wolf musste also die „Zeit im Bild 2“ am Dienstag mit Brille bestreiten, die neue Kombination aus Bart und Augengläsern war für einige Seher zu viel des Guten oder Schlechten, je nach (eingeschränkter) Sichtweise. „Ich habe zeit meines Berufslebens nie einen Bart getragen“, schrieb ihm ein Ingenieur, dem offenbar wichtig war, dass er ein Ingenieur ist, jedenfalls richtete er Wolf aus: „Wenn Sie sich in den Spiegel schauen täten, dann würden Sie feststellen, dass sie wie ein Gnom aussehen“. Dem Ingenieur wurden seine eigenen Worte dann aber doch zu schwör und er schrieb ein zweites Mail: „Wenn Sie sich beleidigt fühlen, dann wollte ich das nicht. Im übrigen verstehe ich alle Männer nicht, die sich einen Bart wachsen lassen – für mich sind das Minderwertigkeitskomplexe“. Wenn man einen Schnurrbart hat, Herr Ingenieur, hat man dann halbe Minderwertigkeitskomplexe? Ich frage für einen Freund.

Ziemlich komplexiglas

Ich weiß nicht, ob der Ingenieur das beantworten kann, aber er scheint ein Mann der vielen Rätsel zu sein: „Ich würde Ihnen trotzdem empfehlen sich einmal jetzt und vergleichsweise vorher in den Spiegel zu schauen“, schrieb er an Armin Wolf. Dieser Satz geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf. Wie schaut man sich nachher vorher in den Spiegel? Funktioniert das und wenn ja, welche Kontaktlinsen braucht man dafür? Die halbe von Wolf wird nicht reichen. 

Das Schöne an Twitter ist ja die steile Lernkurve vieler User. Innerhalb von ein paar Tagen gelingt es ihnen, sich vom Teamchef zum Virologen und dann weiter zum Orthoptisten zu bilden, dabei aber nicht Mittelklasse zu bleiben, sondern in allen genannten Jobs eine Höhenlage zu erreichen, die etwa jener von Christian Drosten in der Virologie entspricht. Wolf wurde überhäuft von guten oder zumindest gut gemeinten Ratschlägen wie er mit Augengläsern und Linsen besser zurande käme, auch das Lasern wurde ihm nahegelegt. Nach und nach erfuhren wir, dass der ZiB 2-Anchor am linken Auge 12 Dioptrien hat, rechts 15, dass er seit 12 Jahren Dauerlinsen trägt und zwar extrem weiche, luftdurchlässige, diese aber nur für die Sendung verwendet, weil er sie nicht länger verträgt. Sein Malheur beschrieb er so: „Hab sie reingegeben und hatte plötzlich ein kleines Teil am Finger. Und das andere war irgendwo im Auge verschwunden. Brauchte Stunden, um sie im Auge zu finden“. 

Erst Bart, dann für einen Abend Brille (gestern Abend waren die Ersatzlinsen eingetroffen), Wolf musste energisch Gerüchten entgegentreten, er plane weitere Schritte des Umstylings, etwa „Dauerwelle, Tattoo oder T-Shirt im Studio. Keine Sorge nix davon“, sagte er. Rätselhaft, warum viele meinen, es gäbe keine guten Nachrichten mehr.

Verbringen Sie ein wunderbares langes Wochenende, ich hoffe Sie haben frei und das aus freien Stücken. Samstag sperren viele große Geschäfte erstmals nach der Krise auf, aber auch die Friseure und Kosmetikerinnen, ich lasse allen den Vortritt, bei denen es mehr pressiert. Ich mutmaße, dass es noch eine Zeitlang zu keinen Lustkäufen kommen wird. Wir werden uns erst entfürchten müssen, ehe wir wieder Spaß am Shoppen haben.

Ach ja, die Kopfnüsse gibt es jetzt auch als Podcast, gelesen von Christian Sinemus, anzuhören auf heute.at, auf iTunes und Spotify. Wenn Sie Lust haben, bitte einfach ausprobieren. Bis Montag, wenn Sie mögen.

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Die 4 Maskarmoniker
"Na, du Küken"
Ätsch Bätsch
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Corona wegflexen
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Ein Bild von einem Kanzler

Meer oder weniger
Bildschön, oder?
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... - .-. .- -.-. .... .
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