"Dass ich Auschwitz überlebte, war reines Glück"

Helga Pollak-Kinsky war 12 Jahre alt, als sie von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wurde. Mit 14 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Die Wienerin schrieb ein Tagebuch, in dem sie ihre Erlebnisse festhielt.

"Denik" steht auf dem kleinen schwarzen Büchlein. Helga nannte das Notizheft, das sie uns in ihrer Döblinger Wohnung beim Interview zeigte, aber nur "Bruder Spinne". Am 17. Jänner 1943 hatte Helga die ersten Sätze hineingeschrieben: "Nicht den Kopf hängen lassen, aber mit erhobenem Haupt von zu Hause weggehen!", notierte sie. Nur Stunden später wurde sie per Viehwaggon ins Konzentrationslager Theresienstadt in der ehemaligen Tschechoslowakei deportiert.

Helga wurde am 28. Mai 1930 als Tochter von Frieda und Otto Pollak in Wien geboren. Ihrem Vater gehörte das Konzertcafé Palmhof in der Mariahilferstraße 135. Das Mädchen wuchs als Einzelkind in einer Etagenwohnung im ersten Stock über dem Café, in dem tagein und tagaus berühmte Musiker auftraten, auf. Religion spielte im Leben der kleinen jüdischen Familie keine Rolle – bis Hitler kam.

"An das Erste, woran ich mich aus der Nazi-Zeit erinnern kann, war eine Bombe, die rückwärts von unserem Haus hochging." Der Palmhof war im Zusammenhang mit dem Putsch der österreichischen Nazis und der Ermordung des Regierungschefs Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 Zielscheibe terroristischer Aktionen der Nazis. "Ich bin in der Nacht vom Geräusch der Explosion aufgewacht. Gott sei Dank war die Bombe so platziert, dass das Haus nicht in die Luft flog, aber in der ganzen Umgebung sind die Fenster zersprungen. Was damals vor sich ging, verstand ich nicht", erinnert sich Helga Pollak-Kinsky, die damals erst vier Jahre alt war.

"Ich durfte als jüdisches Kind nicht mehr in die Schule gehen"

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 in Österreich nahm das Leben der Pollaks eine dramatische Wende. Helga erinnert sich, dass sie am 11. März 1938, um 19.47 Uhr, im Radio hörte, wie Bundeskanzler Kurt Schuschnigg abdankte. Am nächsten Tag schon marschierten deutsche Truppen durch Wien. Aus beinahe allen Fenstern hingen Hakenkreuzfahnen. Überall in Österreich – und ganz besonders in der Hauptstadt – kam es zu Exzessen gegenüber Juden, die noch schlimmer waren, als jene im Deutschen Reich. Mit 20. Mai 1938 traten letztendlich die Nürnberger Rassengesetze in Kraft: Juden wurden von den Nachbarn vernadert, auf offener Straße misshandelt. Hunderte wurden nach dem Einmarsch Hitlers in Konzentrationslager deportiert, Tausende flüchteten – so lange sie konnten.

"Ich verabschiedete mich in der Klasse von meinen Schulfreundinnen, alle weinten."

Helga ging damals in der Friesgasse in die Volksschule; kurz nach Hitlers Einmarsch war das vorbei. "Ich durfte als jüdisches Kind nicht mehr in meine Schule gehen." Von einem Tag auf den anderen musste Helga ihre Klasse verlassen, sich von allen verabschieden: "Meine Lehrerin war traurig. Alle Kinder, zumindest hat man es mir so erzählt, weinten. Ich habe damals für meine Freundin und Sitznachbarin Edith ein Bild mit einem Weihnachtsbaum gemalt." Sie besitzt die Zeichnung heute noch. Als die Sommerferien begannen, wurde Helga von ihrem Vater zu Verwandten nach Südmähren geschickt. Dass sie nicht mehr nach Wien zurückkehren wird, wusste Helga damals nicht.

Die Nazis zerstörten indes während des Novemberpogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 42 Synagogen, 6.547 Juden wurden festgenommen. 3.700 von ihnen ins KZ Dachau gebracht – die meisten überlebten nicht. Wer als Jude in Wien blieb, riskierte sein Leben. Das wusste auch Helgas Mutter Frieda: Sie rettet sich dank eines Dienstbotenvisums 1939 nach Großbritannien, ihre Tochter ging indes in Brünn zur Schule. Frieda plante, das Mädchen mittels Kindertransport nachzuholen. Am 25. März schrieb Frieda von einem Schiff aus an ihre Tochter: "Bald wirst du den gleichen Weg nehmen." Doch dazu kam es nicht: Just als Helga die Papiere für den Transport beisammen hatte, brach der Zweite Weltkrieg aus. Die Grenzen wurden dichtgemacht.

In Wien war längst das Café von Helgas Vaters arisiert, die Wohnung beschlagnahmt. Otto Pollak suchte verzweifelt nach einem Ausweg: Ihm gelang es, nach Kyjov zu seiner Tochter zu kommen – dort befanden sich schon massenhaft Juden. Die Nazis hatten die umliegenden Ortschaften judenrein gemacht, sie in Kyjov "zusammengetrieben". Von dort war ein großer Transport ins Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien geplant.

"Wir wussten, dass wir bald deportiert werden"

Es kam, was kommen musste: Auch die Pollaks standen auf der Deportationsliste. Für die Familie war das nicht überraschend: "Wir haben gewusst, dass wir die nächsten sind, die auf einen Transport kommen. Wir färbten schon Wochen vorher unsere Bettwäsche blau, packten Lebensmittel ein, die lange haltbar waren." Was in Helgas Koffer drinnen war? "Ich habe nur Kleidungsstücke für den Winter mitgenommen – und das kleine Notizheft, das mir mein Vater gab."

Am 23. Jänner 1943 wurde Helga mit ihrem Vater nach Theresienstadt deportiert. Erst per Zug, dann mussten sie dass letzte Stück nach Theresienstadt zu Fuss gehen: "Mein Vater schleppte sich auf einem Stock und Krücken. Otto Pollak war Kriegsinvalide. Er hatte ja nur noch ein Bein", so Helga.

Im KZ Theresienstadt befanden sich zu dieser Zeit 58.652 Menschen – darunter 15.266 Juden aus Österreich. In ihrem Tagebuch notiert Helga nach der Ankunft: "Die Mädchen haben mich nicht gern, ich weiß es." Sie kann sich lange nicht an Ela, Lenka oder Handa gewöhnen, die mit ihr und 24 weiteren Mädchen das Zimmer 28 im Mädchenheim L410 teilen. Das Zimmer selbst war spartanisch eingerichtet. Mit Stockbetten ohne Matratzen, einem Regal, einem Ofen, Tisch und Sessel. "Jeden Morgen mussten wir die Bettdecken lüften." Wer zu welcher Zeit lüften musste, war streng vorgegeben. Betreut wurden die Kinder von "Tella", einer Pianistin, die mit den Mädchen einen Kinderchor gründete. "Sie hat mit uns hebräische und deutsche Lieder gesungen." Überhaupt spielte in Theresienstadt die Musik eine große Rolle: Alle tschechischen Juden gingen durch Theresienstadt, darunter waren sehr viele Musiker, Komponisten und Dirigenten, auch die Wiener Philharmoniker. Auf engem Raum gab es in Theresienstadt viele Musikgenies. Mit der Musik versuchte man, die letzte Menschenwürde  zu erhalten. "Im Keller des Mädchenheimes musizierte Rafael Schächter. Verdis Requiem wurde ständig geprobt", so Pollak-Kinsky. Kaum war aber etwas einstudiert, fand schon der nächste Transport nach Auschwitz statt und die deportierten Musiker mussten ersetzt werden und die Proben fingen von vorne an. "Mit den Deportationen löschten die Nazis die Künstler und ihre Musik aus."

35.000 Menschen starben in Theresienstadt an Hunger oder an Krankheit. Von den 15.000 Kindern wurden mehr als 14.000 umgebracht. Die Meisten der über 180.000 Juden, die nach Theresienstadt deportiert worden waren, kamen in den Gaskammern der Nazis um. Doch die Welt sollte davon nichts erfahren.

Elende Propaganda-Show der Nazis

Die Nazis verkauften der Welt Theresienstadt als "Vorzeige-Ghetto", in dem sich prominente Häftlinge, Künstler und Kriegsveteranen befinden würden. Ihnen ginge es gut. Als Ende 1943 mehr als 450 Juden aus Dänemark nach Theresienstadt deportiert wurden, wollte sich die dänische Regierung selbst davon überzeugen und schickte Kontrolleure nach Theresienstadt. Die Delegation des Internationalen Roten Kreuzes traf am 23. Juni 1944 in Theresienstadt ein. Die Nazis trugen alles bei, um eine perfekte Show zu inszenieren: Unter Aufsicht hoher SS-Offiziere wurde Wochen zuvor die Strecke des Rundganges der Delegation durch das Lager bis ins kleinste Detail geplant. Häftlinge ließ man Antworten, die sie der Delegation geben sollten, einstudieren. Es handelte sich letztendlich um ein inszeniertes Theater, an dem Lagerinsassen als "Schauspieler" unter Todesdrohungen teilnehmen mussten.

Für die große Propagandashow wurde schon Wochen vorher alles hergerichtet: Die Gebäude wurde neu gestrichen, der Zaun um den Hauptplatz weggerissen. Der Hauptplatz wurde neu bepflanzt und die SS wurde von dort abgezogen. Für die perfekte Inszenierung war sogar eigens ein Kinderspielplatz aufgestellt und Kinderspielzeug gebracht worden. "Kaum war der dazugehörende Propagandafilm im Kasten, räumten sie alles wieder weg“, erinnert sich Helga. Beim Rundgang im Lager besuchte die Kommission sogar die "Wäschesammelstelle" und eine Dampfwäscherei, konnte dort beobachten, dass sich Menschen frei in der Stadt bewegten. In einem Speisesaal wurden Kellnerinnen in weißen Schürzen vorgeführt, zu sehen gab es auch eine "Bäckerei" und ein vorzüglich eingerichtetes Kinderheim, in dem sich auch Helga befunden hatte. In der Sudetenkaserne ließ man, als die Kommission vorbei schritt, Häftlinge Fußball spielen. Auf dem Weg zur Landwirtschaftabteilung traf man singende und vergnügte Mädchen. "Zufällig" begegnete man auch den mit weißen Handschuhen arbeitenden Brotverteilern. Mit dem Besuch des Kinderpavillons endete der Besuch der Kommission. Er währte von 11-19 Uhr, dann rückte die Delegation ab. Den Delegierten fiel nichts auf, obwohl bereits 32.000 Menschen zu diesem Zeitpunkt in Theresienstadt ums Leben gekommen waren, 68.000 Menschen deportiert worden waren. Anschließend wurden Berichte über Theresienstadt abgegeben, die großen Schaden anrichteten.

"Noch einmal, noch einmal", rief der Regisseur

Der Nazi-Propaganda sollte auch ein Film dienen, der im August und September 1944 in Theresienstadt unter dem Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" gedreht wurde. Die Kulissen der frisch verschönerten Stadt dienten zur Präsentation des Vorzeige-Ghettos. Zur Teilnahme an den Dreharbeiten wurden auch Häftlinge gezwungen. Auch Helga Pollak war Statistin: "Wir marschierten x-mal vor der Kirche mit Spaten und Rechen von links nach rechts und mussten singen. Regisseur Gerron stand auf der Stiege und pfiff: 'Noch einmal!'"

Die Dreharbeiten selbst verliefen nach Befehlen der SS. Aufnahmen zeigten ein Kabarett in der Natur, eine Aufführung der Kinderoper "Brundibár" sowie ein Fußballspiel in einem Theresienstädter Kasernenhof – die meisten Spieler und Zuschauer starben nur wenige Wochen später in Auschwitz. Gedreht wurde der Dokumentarfilm vom jüdischen Regisseur Kurt Gerron. Er hoffte, mit dem Film seinem Transport ins KZ zu entkommen. Ironie des Schicksals: Gerron wurde im Herbst 1944 trotzdem nach Auschwitz deportiert und ermordet. Er soll zuletzt vor einem offenen Waggon in Theresienstadt gesehen worden sein: Er lag vor einem SS-Mann auf den Knien, sagte: Er habe den Film gemacht. Die Antwort war ein Tritt mit dem Stiefel.

"Ich hatte Bonbons für meine Cousine, doch die war längst vergast"

Der Tag der Deportation ins Todeslager rückte auch für Helga näher: Am 23. Oktober 1944 stand Helgas Name auf der Liste jener Menschen, die mit dem "Osttransport" nach Auschwitz in Polen gebracht werden sollen. Gesamt pfercht man an diesem Tag 1.707 Menschen in einen Zug. "Es ging alles sehr schnell. Ich konnte mich nicht einmal richtig von meinem Vater verabschieden", so Helga. "Wir mussten in Theresienstadt in der Hamburger Kaserne antreten, uns in Reihen aufstellen." Bevor Helga in den Viehwagon gepfercht wurde, bekam sie von der Jugendfürsorge ein Sackerl mit Schokoladenbonbons. Helga rührte die Bonbons nicht an. "Ich habe sie für meine Cousine Lea (damals 3) aufgehoben. Ich wollte ihr das Sackerl bei unserem Wiedersehen in Auschwitz geben. Doch sie war längst schon vergast."

"Die rechts blieben am Leben, die links gingen in den Tod"

Als der Zug mit Helga in Auschwitz anhielt, war es totenstill. Dann wurden die verriegelten Türen aufgerissen und kahlgeschorene Häftlinge in gestreifter Kleidung riefen: "Raus, schnell raus hier." Helga musste sich in einer Fünferreihe vor KZ-Lagerarzt Josef Mengele aufstellen, ihren Namen und Geburtsdatum sagen. Dann entschied er: rechts oder links.

"Die rechts blieben am Leben, die links gingen in den Tod", erzählt Helga. 1.500 Menschen mussten nach links gehen. Die restlichen 200 haben durch Glück überlebt. "Dass ich überlebte, war reines Glück". Jene, die am Leben blieben, wurden in einen Raum gebracht, der neben den Gaskammern war. "Wir mussten die Kleider ausziehen und alles, was wir hatten, auf einen Haufen werfen. Dann wurden uns die Haare rasiert und wir mussten unter die Dusche." Eine SS-Offizierin brachte die Frauen zu ihrer Baracke, teilte ihnen Stockbetten ohne Matratzen zu. Man schlief auf dem nackten Holz: "Sie gaben uns eine Decke für acht Personen. Wir sind gelegen wie die Sardinen." Helga wird am nächsten Morgen einer Gruppe von Frauen zugeteilt, die als Zwangsarbeiterinnen nach Oederan in Sachsen verlegt wurden – das rettete ihr das Leben.

Im April 1945 hieß es dann: "Antreten zur Evakuierung vor dem Feind!" Der Zug, in den man Helga warf, blieb in Theresienstadt stehen. Dort sah sie auch ihren Vater wieder, der noch am Leben war. Am 2. Mai hingen die SS- und Hakenkreuzfahnen im Lager auf Halbmast. Grund dafür war die Nachricht, dass sich Adolf Hitler am 28. April umgebracht hat. Das Ghetto wurde unter den Schutz des Roten Kreuzes gestellt, am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Für die meisten kam das zu spät: Das Lager überlebten gesamt nur 1.654 Menschen. Von den 55 Mädchen, die mit Helga im Zimmer 28 des Mädchenheims waren, überlebten nur 10.

Heute lebt Helga Pollak-Kinsky in Wien. Ihr Tagebuch aus Theresienstadt ist als Buch im Verlag Edition 28 ("Mein Theresienstädter Tagebuch 1943 – 1944, 288 Seiten) erschienen. Einmal im Jahr treffen sich die Mädchen aus dem Zimmer 28 im Riesengebirge. Manchmal singen sie dann auch noch die alten Lieder.

Erlebtes hat Helga Pollak-Kinsky auch in einem selbst gesungenen Lied auf einer CD verarbeitet, die der Wiener Künstler David Rubin produzierte. Rubin interviewte dazu Shoah-Überlebende, textete aus den Interviews Songs und komponierte Musik dazu. Helgas berührendes Lied "Theresienklang" und Lieder weiterer Überlebender können Sie hier downloaden.

Wer mehr über das Schicksal der Familie Pollak erfahren möchte, hat jetzt die Gelegenheit: Im Jüdischen Museum Wien gibt es derzeit die Ausstellung "Wir bitten zum Tanz. Der Wiener Cafetier Otto Pollak", die die Kuratorinnen Theresa Eckstein und Janine Zettl auf die Beine gestellt haben – sehenswert!