Olles Woiza, heast oida!

Opernball 2020: "Donald" Van der Bellen, Bussi-Lugner und was "ne mogu da vjerujem" heißt.

Zeit für ein Bekenntnis: Ich war noch nie auf dem Opernball. Es ist nicht so, dass ich nicht wollte. In manchen Jahren hatte ich nur keine Lust dazu, in anderen mochte ich nicht, es ist gar nicht so kompliziert. Ich habe also an die 15 Opernbälle redaktionell betreut, mit glühenden Augen Berichte gegengelesen, wie es in der Oper so zugeht, ohne zu wissen, wo was ist, mein Stellvertreter Peter Lattinger feiert heuer sogar ungefähr genau sein 20-jähriges Opernballjubiläum, auch er war noch nie dort. Sie merken, so viel Expertise wie hier bekommen Sie geballt nirgendwo. Wenn ich morgen tot umfalle, was ich nicht plane wohlgemerkt, aber dem Schicksal steckt ja oft der Schalk im Nacken, dann wird in meinen Nachrufen vielleicht stehen: Er war da und dort, schrieb über dies und das, auf den Opernball schaffte er es nie.

Auf der Opernball-Demo allerdings, als es die noch gab, war ich ein paarmal als junger Reporter. Sogar zu einem Vorbereitungstreffen der Organisatoren ging ich, es fand im WUK in der Währingerstraße statt. Früher wurde dort heiß über den Kampf gegen das Establishment debattiert, heute steht das WUK in der Zeitung, weil es jetzt Unisex-Toiletten einführt, wobei einführen kein Wort ist, das man bei Artikeln über die Einführung von Unisex-Toiletten benutzen sollte, benutzen vielleicht auch nicht.

Jedenfalls gab es mehrere Sesselreihen, ich saß recht weit hinten. Vorne am Podium erklärte ein Aktivist den Ablauf der Demo, dann gingen Flugblätter mit den wichtigsten Infos durch die Reihen. Man muss dazusagen, ich sah damals noch recht bieder aus, nicht so ausgeflippt wie heute und deshalb kam es zu einer unangenehmen Verwechslung. Ich übernahm den Packen Zettel von meinem Nebenmann, zupfte mir das oberste Blatt herunter und reichte den Stapel an den Kerl rechts von mir weiter. Der drehte sich zu mir her und sagte: „Nehmt’s ihr von da Stapo normalerweise ned zwa Zedl?“ Stapo, so nannte man früher kurz die Staatspolizei, in den Reihen der Aktivisten waren die Beamten etwa so beliebt wie heute Heinz-Christian Strache bei der aktuellen FPÖ-Führung.

Helmpflicht

Her damit!

Der Stapo und der uniformierten Polizei standen gegen Ende der achziger Jahre immer im Februar ein paar Hundert Demonstranten gegenüber, die mehr oder weniger jedes Jahr der gleiche Appetit überkam: „Eat the rich“, also so viel ändert sich auch wieder nicht auf der Welt. Ich postierte mich jeweils irgendwo zwischen den feindlichen Reihen. Am 2. Februar 1989 hatte ich erstmals einen neuartigen Apparat mit. Er war etwa so groß wie ein Heizkörper, wog um die 20 Kilo, ich trug ihn an einem Schultergurt, was zur Folge hatte, dass ich im Laufe des Abends zwar nicht mein inneres, aber mein äußeres Gleichgewicht verlor. Das mit der Work-Life-Balance war damals aber noch kein großes Thema.

Der riesige, schwere Apparat war eines der ersten Mobiltelefone, genau genommen war es ein Akku mit einem Telefonhörer dran. Ich konnte damit in der Redaktion anrufen, musste mich aber sputen, denn der „Saft“ reichte nur für ein paar Minuten, bei Kälte nicht einmal das. Aber es gab ja noch keine Handys oder Smartphones, wenn man Texte durchgeben wollte, dann musste man eine Telefonzelle finden oder in ein Kaffeehaus in der Nähe gehen, aber dann war man für diese Zeit weg vom Schuss, Brieftauben wiederum waren schon etwas aus der Mode.

Es ging ziemlich zur Sache an diesem 2. Februar 1989. Es flogen Molotowcocktails, ein Mercedes wurde als Rammbock benutzt, damals wusste man die Fähigkeiten von Autos halt noch hochzuschätzen, probieren Sie das heute einmal mit einem Lastenrad. Der Mercedes fiel den Demonstranten mehr oder weniger per Zufall in die Hände. Aus einem Irrtum oder aus Bestemm heraus, hatte ein Ballbesucher mit seinem Auto genau den Weg durch die Linie der Demonstranten gewählt. Als die nicht zur Seite gehen wollten, sondern einfach weiterdemonstrierten als wäre nichts passiert, weil ja auch nichts passiert war, betätigte der Lenker mehrmals die Hupe, was mittelgut ankam.

Die Demonstranten umzingelten den Wagen, erst flüchtete die Frau des Autofahrers, dann der Lenker selber, der mannhaft ein paar Sekunden länger zugewartet hatte, oder ungeschickter beim Aussteigen war. Die Aktivisten schoben den Mercedes Richtung Polizei, vielleicht wollten sie ihn auch nur aus der Gefahrenzone bringen, denn das Schicksal des Wagens ging ihnen eventuell nahe. Die Exekutive verstand das aber nicht richtig, sondern spritzte die Gruppe mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen nass. Es waren brutale Zeiten.

Keine Durchfahrt

Ich weiß nicht, auf welcher Demo Ulrike Lunacek war, jedenfalls aber erzählte sie nun auf Puls 4, dass sie früher gemeinsam mit Grünen vor der Oper stand und gegen Frack und Robe anschrie. „Damals gab es einen Grundprotest gegen etwas nur für die Reichen und die Eliten“, sagte sie. Diesen „Grundprotest“ trug die nunmehrige Staatssekretärin für Kultur, die nun selbst von den „Reichen und den Eliten“ umgeben ist, gestern zumindest im Herzen in die Staatsoper hinein, es kam aber zu keinen aktenkundigen Zwischenfällen. Sie trat also weder Gernot Blümel gegen das Schienbein, noch rief sie vom Tanzparkett aus Richtung Logen: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Die Grünen schwächeln seit sie bei der ÖVP schwach wurden.

Lunacek sieht den Opernball nunmehr geläutert als „kulturpolitischen Auftrag, wie auch anders, denn so steht es seit 2015 im „Bundestheaterorganisationgesetz“ festgeschrieben. Ich finde die Bezeichnung Opernball ohnehin etwas herabwürdigend, vielleicht lädt Bogdan Roščić als neuer Operndirektor nächstes Jahr angemessen zur „gehobenen Tanzveranstaltung gemäß dem „Bundestheaterorganisationsgesetz“, unter diesem Titel wären auch ausländische Gäste viel einfacher zu bekommen. Laut Staatssekretärin werden in der Ballnacht immerhin 4,7 Millionen Euro eingenommen und 3,6 Millionen Euro ausgegeben, bleibt also ein Gewinn von 1,1 Millionen Euro, für so einen Pipifax-Betrag schreibt Eurofighter nicht einmal ein E-Mail an die Verteidigungsministerin.

Die Politik spielte heuer in der Staatsoper keine große Rolle, vielleicht war das auch so eine Art „Grundprotest“ gegen das „Bundestheaterorganisationsgesetz“. Sebastian Kurz versteckte sich bei der EU, Werner Kogler legte sich ins Bett, der Hund von Rudi Anschober hatte keine Zeit, Heinz Faßmann wurde bei der Maturahotline aufgehalten, Susanne Raab zählt immer noch die Klos, für deren Sanierung Heinz-Christian Strache 96.600 Euro ausgab, Klaudia Tanner bekam keinen Flieger mehr, Karl Nehammer wurde von der Polizei nicht durchgelassen und weil die einen nicht gingen, wollten die anderen auch nicht mehr, man kennt das von Schulfesten.

Herrschaftszeiten

So blieb es dem Bundespräsidenten, den „Juli“ nur sehr ungern ziehen ließ, und zwei Ministern und zwei Ministerinnen vorbehalten, die Republik zu repräsentieren. Finanzminister Gernot Blümel schaute auf dem Weg zur Geburtsklinik mit seiner hochschwangeren Freundin Clivia Treidl vorbei, Margarete Schramböck hatte ihren Dauerverlobten Marcel im Schlepptau, Europaministerin Karoline Edtstadler kam solo und suchte den ganzen Abend den Kanzler, der allerdings gerade Europa die Welt erklärte, wenn ich die beigebrachten Bilder richtig interpretiere. Außenminister Alexander Schallenberg wich in der Präsidentenloge Alexander Van der Bellen nicht von der Seite, vielleicht will er auch der nächsten Regierung angehören, da schadet frühes Networking nie. 

Das Bild des Abends postete der Präsident. Es zeigt ihn in der Hofburg, er hat schon Frack an und Schärpe um und er blättert im neuen „Lustigen Taschenbuch“, in dem es Donald Duck nach Wien verschlägt, wo er in Mundart verfällt oder der Mundart verfällt. „Meiner Sö, Donald“, sagt Daisy in dem Heftl, „echt am Opernball? Des hob i ma ois Madl schon imma gwunschn.“ Tatsächlich landen die Entenhausener schließlich „in der Ansapanier“ auf dem Ball. Dort heißt es: „Olles Woiza, heast oida!“ Man kann jedenfalls mit Fug und Recht sagen: Es war wie immer sehr schön, es hat uns sehr gefreut.

Und das obwohl eigentlich so gut wie gar nichts passierte. Richard Lugner hatte zunächst Ärger mit dem ORF, weil dieser seinen Ehrengast Ornella Muti nicht in ausreichendem Maße würdigte, sondern die italienische Schauspielerin als "dritte Wahl" abqualifizierte. Später beruhigte er sich, im zweiten Anlauf schaffte er ein Gespräch mit dem ORF zu Ende zu bringen und überraschte dabei mit der Ansage, dass Muti ohnehin seine erste Wahl gewesen sei, aber mit der "Windsey Vonn" habe er halt schon einen Vertrag gehabt.

Mit Muti lief alles supi, sogar tanzen gingen die beiden und schmusten sich dabei ab, dem "Zebra" kamen vor Staunen fast die Streifen abhanden, die sie sich sogar in die Frisur gemacht hatte. Nina Proll, die um Mitternacht eventuell schon einen Damenspitz hatte, dürfte ihr Kleid verkehrt herum angezogen haben, als Ausschnitt konnte man das jedenfalls nichts mehr bezeichnen. Vielleicht hatte sie aber nur das Saxophon-Solo von Maria Großbauer so traurig gestimmt und sie musste ihren Schmerz wegtrinken, einen Saal spielt die scheidende Opernball-Organisatorin locker leer. Sie merken: Es war ein hochwertiges Fest in einem würdigen Rahmen.

Fahrt ins Glück

Eine Geschichte darf ich Ihnen zum Schluss noch ans Herz legen. Wie Justizminister Alma Zadić kam Amra Duric als Flüchtlingskind aus Bosnien nach Österreich, erst nach Tirol, dann nach Wien. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Redakteurin bei „Heute“, gestern war sie das erste Mal in ihrem Leben am Opernball. „Mehr integriert geht nicht,“ sagt sie. Bei ihrer Familie löste der Besuch ungeahnte Ekstase aus. „Ne mogu da vjerujem, ich kann es nicht glauben“, rief ihre Mama verzückt, als sie davon erfuhr. Sie war den Tränen nahe, organisierte in Innsbruck ein familiäres Public Viewing, schickte die Fotos um die halbe Welt, nach Schweden und in die USA, wo Verwandtschaft lebt, es gibt seit Tagen kein anderes Thema.

Heute muss Amra einen Packen „Heute“ nach Innsbruck schicken, die gehen dann nach Bosnien, mit der Geschichte über die neue Nationalheldin drin. Mehr über dieses Märchen, das wahr wurde, lesen Sie auf heute.at.. Es tut gut, in Zeiten wie diesen.

Möge Ihr Wochenende wunderbar sein, jedenfalls aber eine große Oper.

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Fotos:
Van der Bellen: APA, Roland Schlager
Van der Bellen, Donald: Facebook VdB
Demo Polizisten: APA, Votava
Demo Demonstranten: APA, Newald
Demo Auto: APA, Newald
Gernot Blümel: Andreas Tischler
Karoline Edtstadler: APA, Roland Schlager
Margarete Schramböck: Andreas Tischer
Amra Duric: Privat

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