Augenzucken als Souvenir

… und Livestreams im Urlaub

Eigentlich ist der Urlaub da, um sich zu erholen. Man ignoriert E-Mails, geht Hobbys nach, oder tut einfach gar nichts. Bei mir hat das nicht ganz geklappt. Zumindest mein rechtes Auge konnte sich nicht entspannen. Aber von vorne. Während einer Regierungskrise in den Urlaub zu fahren ist gut und schlecht zugleich. Falls Sie jetzt nicht wissen, was in den vergangenen Wochen in Österreich los war, führen Sie ein wirklich unbeschwertes Leben. Ich fasse zusammen: Sebastian Kurz ist nicht mehr Bundeskanzler. Ich erspare Ihnen an dieser Stelle jegliche Analysen. Nationale und internationale Medien haben bereits ausführlich darüber berichtet.

Während ich mich am Strand sonnte, ging es in den Redaktionen und Parteizentralen des Landes heiß her. Ganz Österreich, zumindest kam es einem so vor, saß vorm TV. Ohne Fernseher, aber dafür mit Livestream am Handy verfolgte ich zwischen Sandstrand und Sangria die Entwicklungen in der Heimat. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen weniger Zeit am Telefon zu verbringen und scheiterte bevor der Urlaub überhaupt richtig angefangen hatte. Statt den Krimi-Roman aufzuschlagen, verfolgte ich drei Tage lang den heimischen Polit-Thriller am Smartphone. Als schließlich klar war, dass Alexander Schallenberg den Platz von Kurz einnehmen würde, beschloss ich endlich vom Handy aufzublicken und war fast überrascht das Meer zu sehen.

Überrascht war ich auch von meinem Spiegelbild. Aber nicht im Guten. Während in Österreich Steuerzahler:innen schäumten, Politiker:innen bebten und manch Verleger zitterte, fiel mir auf, dass nach drei Tagen News-Binging mein rechtes Auge heftig zuckte. Daraufhin beschloss ich eine Polit-Pause einzulegen und mich auf den Urlaub zu konzentrieren. Auch das Smartphone hatte sich eine Auszeit verdient. Es konnte die Powerbank schon nicht mehr sehen. Doch das Zucken blieb mein ständiger Begleiter und gerade als Relaxen zur Routine wurde, war der Urlaub, wie könnte es auch anders sein, vorbei.  

(K)ein Urlaub fürs Auge

Ich ging davon aus, dass sich das Zucken bei der Abreise verabschieden würde. In Wien bemerkte ich aber, dass es mitgeflogen war. Nach zehn Tagen ohne Besserung ging es mir schließlich wie meinem pulsierenden Augenlid – ich wurde unruhig. Was man in dieser Situation auf keinen Fall machen sollte: der Balkan-Mama vom Leid am Lid berichten.

Denn in Bosnien ist zum Arzt zu gehen selten der erste Ratschlag. Verspürt man in der linken Handfläche ein Jucken, so darf man sich, zumindest wenn es nach meiner Mutter geht, Geld erwarten. Muss man sich die rechte Handfläche kratzen, so wird man Geld ausgeben. Spürt man ein Kribbeln in der Nase, ist der nächste Streit vorprogrammiert. Hört man in einem Ohr ein schrilles Summen, so fragt man die Person, die einem physisch am nächsten steht, welches Ohr denn gerade summt. Tippt diese auf das richtige Ohr, wird ihr etwas Gutes widerfahren. Kracht man mit dem Ellenbogen gegen den Türrahmen, so darf man sich nicht auf die schmerzende Stelle greifen, sondern soll sich etwas wünschen. Beim zuckenden Auge lautete die mütterliche Diagnose: Stress – oder jemand war sauer auf mich.

Nach Mama fragte ich Dr. Google um Rat. Der nächste Fehler. Als mir diverse Nervenerkrankungen und ein Hirntumor diagnostiziert wurden, beschloss ich meine Hausärztin aufzusuchen. Die riet mir zu Magnesium und Vitamin B12. Als ich ihr erklärte, dass ich das Zucken zwar sehen, aber nicht spüren könne, lautete ihre Diagnose: "schon seltsam" Als lang praktizierende Hypochonderin hört man so etwas ungern.

Das Zucken hatte mittlerweile Promistatus erreicht. Freund:innen und Kolleg:innen bestaunten neugierig das seltene Urlaubssouvenir. Täglich fragte man nach, wie es denn dem zuckenden Auge gehe. Wurde aber über Themen wie Korruption, gefälschte Umfragen oder politischer Machtmissbrauch gesprochen, war das Zucken besonders gut zu sehen. Es stand wohl wirklich gerne im Rampenlicht.

Auf TikTok wäre das tanzende Unterlied bestimmt viral gegangen. Ich wollte es aber nicht noch berühmter machen. Also schickte ich Magnesium und (viel zu teures) VitaminB12 los, um das Zucken zu stoppen. Dem war das aber recht egal, zumindest bis vergangenen Freitag. Das pulsierende Lid und ich waren zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Natürlich drängte sich das Zucken auch dort in den Mittelpunkt. Doch einige Stunden und Spritzer später sollte ein Toilettenbesuch alles ändern.

Beim Händewaschen blickte ich in den Spiegel und traute meinen Augen nicht ganz. Mein rechtes Auge konnte es auch kaum fassen. Das Zucken war verschwunden. Mit prüfenden Blicken vergewisserte sich auch die Geburtstagsrunde vom Abgang des unerwünschten Gastes. Auch in den darauffolgenden Tagen kehrte das Zucken nicht mehr zurück. Es war verschwunden – ganz ohne Abschiedsgruß. Vielleicht lag es an den Vitaminen, vielleicht aber auch daran, dass am besagten Abend in der Runde (fast) kein Polit-Talk stattfand. Dafür juckt es mich nun seit zwei Tagen in der linken Handfläche. Meine Ärztin muss ich deswegen nicht aufsuchen, sollte aber vielleicht Lotto spielen…

 Fotos: privat