5 Punkte für ein Halleluja

Ein historischer TV-Abend und warum wir davon heute wenig spüren werden.

Der entscheidende Satz fiel in Minute 34. „Ich bin persönlich sehr froh, dass es menschliches Leben gibt“, sagte Sebastian Kurz Montagabend bei den „Sommergesprächen“ zu Lou Lorenz-Dittlbacher und den Menschen daheim fiel ein Nierenstein vom Herzen. Endlich wertschätzte ein Politiker öffentlich die Errungenschaften der Evolution. Dass sich der Kanzler sogar „persönlich sehr froh“ darüber zeigte, dass wir keine Lurche mehr sind, gab dem Ganzen noch mehr Gewicht als es sonst schon hatte.

Im Paralleluniversum spielte sich fast zeitgleich ebenfalls Bedeutsames ab: Auf millionenfachen Publikumswunsch von Wolfgang Fellner war Wolfgang Fellner zu Wolfgang Fellner ins „Fernsehen“ zurückgekehrt, nachdem er sich selbst von allen Vorwürfen, ein Grapscher zu sein, exkulpiert hatte. Nunmehr saß Wolfgang Fellner im Studio von Wolfgang Fellner und wollte mit seiner Talkshow beginnen, wenn man das so nennen mag.

An eine seiner mehreren Schokoladeseite hatte er Robert Misik platziert, der den linken Flügel der SPÖ repräsentiert, ohne dass die SPÖ überhaupt weiß, ob sie einen solchen linken Flügel überhaupt besitzt oder braucht, und wenn doch, ob er im Fernsehen repräsentiert werden müsste, egal ob von Misik oder jemand anderem. Auf einer anderen Schokoladenseite von Fellner saß Johannes Hübner, den die FPÖ, nach einigen antisemitischen Auslassungen, vom Nationalrat in den Bundesrat befördert hatte. Er dürfte mit dem, was folgte, keine gröberen moralischen Anstände mit sich gehabt haben. Misik eventuell schon, aber er will nichts gehört haben. Drei Leute im Studio, da kann es schon recht laut krachen.

Das Missverständnis von „Fellner live“ manifestiert sich schon im Sendungstitel und das gleich doppelt, er enthält nämlich die Worte „Fellner“ und „live“. Beide Begriffe sind allein genommen schon hochproblematisch, in Kombination allerdings toxisch. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Fellner saß live im Studio von „Fellner live“, die Sendung sollte beginnen, aber es gab Kalamitäten, die in diesem Trialog mündeten, vielleicht schreibt Andrew Lloyd Webber beizeiten die Musik dazu. Ich sage zur Sicherheit dazu, es handelt sich um eine Abschrift und nicht um Satire:

Fellner: „Ja und zum Schluss der heutigen Sendung das Montags-Duell. Der eine, der ist immer da, nämlich Robert Misik …“
Robert Misik: „Außer wenn ich nicht da bin …“
Fellner: „Genau … Freunde, ich habe kein Licht im Gesicht.“

Mitarbeiter aus dem Off: „Ok, Moment. Tschuldigung“ (der Bildschirm wird schwarz).
In Dunkle hinein: „Na, jetzt hat man wenigstens Urlaubsbräune“ (Rest unverständlich).
Fellner: „Ja, ihr müsst’s jetzt nur bitte einen Scheinwerfer auf mich richten, der ist komplettest … derzeit kein einziger Scheinwerfer auf mich gerichtet. Schaut ein bissl komisch aus, wenn da dazwischen ein Neger im Tunnel sitzt. Des da … wie wär’s mit dem? Von mir aus auch des da oben, ist mir auch egal. Aber es geht auch der da drüben. Ja, müssts nur aufpassen, dass jetzt nicht dann der Herr Hübner das Licht verliert.“

Mitarbeiter: „Ja, schauen wir gleich … So …“
Fellner: „Ja, aber die zwei sollen ja genauso Belichtung wie vorher ... jetzt ist das ganze Licht auf mir und nicht auf den beiden. (Licht geht wieder an).“
Fellner: „Ah, schauen wir mal. Na geht. Ok. Passt, oder“ (zu Misik und Hübner). „Jetzt bin ich zwar ein bissl zu hell, aber das halte ich aus. So! Geht’s?“
Mitarbeiter: „Ja.“ (Bildschirm wird wieder schwarz, Trailer der Sendung startet)

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Ein paar Stunden war das Stream der Sendung gestern noch online, dann verschwand er wie von Zauberhand. Aber in der modernen Welt ist ja nichts wirklich weg, was nicht immer ein Vorteil ist, wie man spätestens seit den Chats weiß, also tauchten am Tag darauf in den sozialen Medien Erinnerunsstücke an den historischen Abend auf. Fellner ist darin zu sehen und zu hören und das deutlich: „Schaut ein bissl komisch aus, wenn da dazwischen ein Neger im Tunnel sitzt…“ Ein Wutlüfterl erhob sich, in vielen anderen Ländern hätten die Wände gewackelt, bei uns wurde es nur ein bisschen zugig. Jeder Hurrikan, in der Politik, der Gesellschaft oder sonstwo, kommt in Österreich an als hätte jemand bloß eine Autotür zugeschlagen.

Man muss der Ehrlichkeit halber dazusagen, dass ein Orkan unangemessen gewesen wäre. Einerseits hat Fellner die Formulierung nicht zum ersten Mal verwendet. Im Vorjahr saß Herbert Kickl daneben und dem heutigen FPÖ-Chef gefiel „N* im Tunnel“ ausnehmend gut, er lachte im Rahmen seiner Möglichkeiten herzlich. Andererseits hat Fellner auch nichts falsch gemacht, er ist einfach nur nicht richtig verstanden worden. So in der Art wie Sebastian Kurz im U-Ausschuss, zwei Männer, im Schicksal vereint. Tatsächlich hat Fellner ja nicht gesagt, dass es „ein bissl komisch“ ausschaue, „wenn da dazwischen ein Neger im Tunnel sitzt“. Nein, der Wortlaut war: „Schaut ein bissl komisch aus, wenn da dazwischen ein Näher im Tunnel sitzt“. „Näher“, nicht „N*“.

Gemeint hat er unter Garantie jene Arbeiter, die in Tunnels unterwegs sind, um Schweißnähte zu reparieren. Die Näher sind so blass, weil sie immer unter der Erde zu tun haben, Fellner ja auch, aber der wird dabei sogar braun, also im Gesicht. Jedenfalls handelt es sich um die bösartigste Unterstellung seit der Schmiergeld-Affäre um die Eurofighter, als in den Akten die Herren „Dr. Lüssel“, „J. Laider“ und „K.H. Lasser“ auftauchten und tollkühn Parallelen zu damals tätigen Politikern gezogen wurden. Pfui!

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Da hatte es Lou Lorenz-Dittlbacher diesmal einfacher. Sie begrüßte Sebastian Kurz als letzten Parteichef in den diesjährigen „Sommergesprächen“ und das Kanzleramt wollte galant sein. Die Presseabteilung verschickte schon am Nachmittag die Antworten, die Kurz am Abend geben wollte, an weitgehend alle Medienredaktionen des Landes, als Sperrfrist wurde 19 Uhr vorgegeben. Lorenz-Dittlbacher hätte sich also nur mehr die Fragen überlegen müssen, die zu den Antworten passen könnten. Es war ein feiner Zug von ihr, dass sie es nicht so hielt und damit den Kanzler aus dem Konzept brachte. Sein 5-Punkte-Plan hatte plötzlich nur mehr vier Punkte, vielleicht auch nur mehr drei. Er trug sie mit einer Art Dackelblick vor, Kurz zieht jetzt häufig die Stirnfalten zusammen, ein bisschen pampig war er auch diesmal.

Wolfgang Mückstein wäre glücklich gewesen, wenn er auch nur einen Punkt gemacht hätte. Letzte Woche unterhielt uns der Gesundheitsminister mit der Botschaft er habe schon „einen sehr konkreten Plan“ für den Herbst, verriet ihn aber nicht. Den „sehr konkreten Plan“ schickte er am Wochenende ins Kanzleramt. Dort landete er vermutlich im Eingangsfach. Als Kurz aus Serbien zurückkam, wird er ihn gesehen haben. „Ah, vom Wolfi. Schaue ich mir am Donnerstag an, am Tag nach dem Gipfel habe ich dann Zeit“.

Der Kanzler erstellte lieber selber seinen eigenen „sehr konkreten Plan“. Sonntag absolvierte er das Sommergespräch auf Servus TV, nach der Aufzeichnung ab 18.30 Uhr traf er sich am Abend mit Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und legte mit ihr die Linie für die Gespräche mit den anderen Landeschefs und den Experten am Mittwoch fest.

Während der Gesundheitsminister weiter eisern „sehr konkret“ schwieg, informierte das Kanzleramt am Montag Nachmittag die Medien „sehr konkret“ über die Pläne des Kanzlers. Erst auf den Onlineseiten, dann im „Sommergespräch“ des ORF, am nächsten Tag in den Printausgaben wurde der wenig konkrete Plan des Kanzlers sehr konkret besprochen, der eigentlich zuständige Gesundheitsminister fand nicht mehr statt, Parteichef Werner Kogler sowieso nicht, beide durften Dienstag die Ideen von Kurz lässig finden.

Den roten Landeshauptleuten fiel die Rolle zu wütend zu sein. Sie stellen sich heute einer offenen Diskussion zu einem längst geschlossenen Pakt. Beim Gipfel ist aber nur von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig nennenswerter Widerspruch zu erwarten, sein anfangs gutes Verhältnis zum Kanzler hat sich merklich abgekühlt. Burgenlands Hans Peter Doskozil reist gar nicht erst an. Den Ländern wird bei den Corona-Maßnahmen etwas mehr Autonomie zugesprochen. große Würfe sind aber nicht zu erwarten. Die Sitzung startet um 8.30 Uhr, schon für 10 Uhr sind Pressestatements angekündigt. Die Beratungen mit Experten und Landeschefs sollen also nur 90 Minuten dauern. Das wird eng für Grundsätzliches.

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Vielleicht lohnt sich die Liebe zum Detail an anderer Stelle. Ich höre aus den unterschiedlichsten Quellen, dass die Tests in den Schulen ein ziemliches Chaos sein sollen und ich nehme dieses Wort nur höchst ungern in die Hand. Teströhrchen wurden Montag nicht abgeholt, weggeschmissen, nicht überprüft. Tests fanden nicht statt, die Kits wurden erst gar nicht geliefert oder die Kinder und ihre Eltern damit allein gelassen. Es ist unklar, ob Antikörper-Zertifikate gelten, und wenn ja wie lange, wer welche Tests machen muss, sie finden momentan auch recht willkürlich statt. Wer sich beim Gurgeltest mit Schule und Klasse vernetzen will, muss sich einen halben Tag freinehmen. In Wien kam eine Lehrerin mit acht PCR-Tests in der Hand in eine Oberstufenklasse, es gibt dort aber 26 Schüler. Teamarbeit bringt nicht immer die besten Ergebnisse.

Ich wünsche einen wunderbaren Mittwoch und danke unserer Fußballmannschaft an dieser Stelle für das mutige Statement gestern Abend. Treffender kann man die Menschenrechtsverletzungen in Katar nicht anprangern, als dass man sich absichtlich nicht für eine WM qualifizieren will. Ihr verliert derzeit doch absichtlich oder? Nach der peinlichen Niederlage gegen Israel forderte der ORF-Reporter gestern vor dem Match von unserem Team eine „Erektion“ ein. Es wurde dann nicht einmal eine Reaktion daraus. Oder vielleicht doch.

Alle Fotos: "Heute", Helmut Graf

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