Kinder, wie
die Zeit vergeht

Nicht jeder hat Schwein im Leben.

Mit Verordnungen verhält es sich in Österreich etwa so wie mit Kindereiern. Man weiß nicht genau, wann man sie bekommt, wozu sie gut sind und was drin versteckt ist. Der Kanzler und der Gesundheitsminister hatten vergangenen Mittwoch die neuen Corona-Maßnahmen vorgestellt, den Bundesländern wurden die gesetzlichen Grundlagen dazu bis Freitag versprochen. Da langte die Verordnung dann aber nicht ein. Auch nicht am Samstag. Oder am Sonntag, nicht einmal bis Montag. Heute ab Mitternacht sollen die neuen Bestimmungen in Geltung treten. Allen Betroffenen bleibt nicht einmal ein Tag Zeit für die Umsetzung. Ein politischer Kindereiertanz. Dafür hätte sich Rudi Anschober nicht selber in die Wüste schicken müssen, um als österreichischer Stieg Larsson nun Romane zu verfassen.

Ich muss mich aber gleich zu Beginn aufrichtig entschuldigen. Bei Ihnen, beim Land, bei der Regierung. Denn während ich diese Zeilen schreibe, schwänze ich eigentlich eine gute Tat. Die Koalition hat neue Schutzbedürftige für uns entdeckt und die kommen nicht aus Afghanistan oder von Lesbos, sondern aus dem Nirwana. Man müsse jetzt auf die Ungeimpften aufpassen, sagte der Gesundheitsminister bei der Ankündigung der Verordnung, die er dann doch nicht verordnete. Die Geimpften sind ab sofort relativ wurscht, die sollen schauen, wo sie bleiben. Den Ungeimpften aber, diesen Bauxerln, denen muss jetzt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Wie immer, wenn die Politik zur mir spricht, nehme ich mir das erst zur Brust und dann zu Herzen. Ich versuche also jetzt, wie aufgetragen, Umgeimpfte zu schützen, am besten vor sich selbst. „Es gibt kein ungeimpftes Österreich. Es gibt auch kein geimpftes Österreich. Es gibt ein Österreich. Wir passen aufeinander auf“, sagte Wolfgang Mückstein und gab sich große Mühe, dem Auswendiggelernten eine spontane Note zu verleihen. Es war der Moment, in dem Sebastian Kurz auf den geläuterten Gesundheitsminister neben sich blickte, ihn musterte und sein Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, was er sagen wollte, sich  aber tunlichst verbiss: „Amen!“

Pater Mückstein ließ sich davon nicht beirren. Er hatte sich ein fesches, schwarzes Sakko angezogen, kam frisch vom Friseur, der ihm einen Undercut im Stil von Charlène von Monaco ins Haar gefräst hatte, und predigte uns neues Wohlverhalten. Wir dürfen die Ungeimpften nun nicht mehr ungut angehen, sie als Falotten beschimpfen und ihnen die Pest an den Hals wünschen, nein, wir sollten ab jetzt nett zu ihnen sein, verständnisvoll, am besten wir umarmen sie, ob sie wollen oder nicht. Nun gut.

Es wird ein Ruck gehen durch das Land. Ich sehe Menschen vor mir, die Ungeimpften über die Straße helfen. Rollstuhlfahrer stehen auf, wenn ein Ungeimpfter die Bim betritt, und bieten einen Sitzplatz an. Wer mit einem Herzinfarkt ins Spital eingeliefert wird, erkundigt sich, ob schon alle Ungeimpften versorgt werden konnten, schließlich will man niemandem lebenserhaltende Apparaturen wegschnappen. Wer ins Koma fällt, hat ab sofort ein schlechtes Gewissen. Wenn wir erfahren, dass ein Ungeimpfter beabsichtigt, durch die Kärntner Straße zu gehen, dann fahren wir hin und versuchen auf der gesamten Strecke bis zum Stephansdom alle Viren wegzuatmen. Wir tun das nicht aus einem Zwang heraus, sondern weil wir das als unsere Bürgerpflicht ansehen.

Als Volk mit sozialer Verantwortung stehen wir vor der Gründung einer neuen Rettungsorganisation. Neben dem Roten Kreuz und der Feuerwehr, wird es die Aerosoliten geben, die Wegatmer, die dafür sorgen, dass es die Ungeimpften im Alltag sicher haben. Politiker werden in ihren Sonntagsreden die „lieben Aerosoliten und Aerosolitinnen“ ansprechen, ihnen danken und Mut machen. Es wird zwar keine Geldprämien für die engagierten Menschen geben, aber wir werden vielleicht einmal in der Woche für sie klatschen, zu mehr hat es das Personal in den medizinischen Einrichtungen schließlich bis heute auch nicht gebracht.

Nicht abschauen!

Mmmpff!

Wir sollten auch sprachlich abrüsten. „Impfgegner“, „Impfskeptiker“ oder gar „Impftrottel“, das geht gar nicht mehr. Wir müssen eine neue Form der Sensibilität für Menschen entwickeln, die das Gemeinwesen mit schweren Krankheitsverläufen bereichern. „Impfbeobachter“ wäre eine Möglichkeit, das symbolisiert ein grundsätzliches Interesse an der Immunisierung, wenn auch von der Warte des Zuschauers aus. Oder „Impfspender“, weil man die Spritze aus Großzügigkeit jemandem anderen überlässt. „Impfbegleiter“ wäre ebenfalls möglich, das klingt nach „lasst uns ein Stück des Weges gemeinsam gehen!“ Schön oder?  Es nutzt auch nichts, wenn wir immer betonen, dass fast alle in den Spitalsbetten und auf den Intensivstationen ungeimpft sind. Wir müssen das als Chance begreifen, als Herausforderung, als Challenge. Gewinner ist, wer es als Geimpfter als Erster in die ICU schafft. Ninja Warriors Corona ist hiermit feierlich eröffnet.

Weg mit der Schulmedizin, Wissen verwirrt, Gefühle sind das neue Gehirngold. Warum nicht vegane Impfungen anbieten, Pfizer/Biontech in Globuli gepresst oder als homöopathische Salbe zum Einreiben, vielleicht vorher ausgependelt? Vor rund drei Jahren wollte das Linzer Marketinstitut wissen, woran die Österreicher so alles glauben, der „Standard“ hat darüber berichtet. 72 Prozent denken demnach, dass gute Handlungen ein positives Karma erzeugen, 60 Prozent glauben an Kraftplätze, 45 Prozent an Wünschelruten-Geher, 29 Prozent, dass man ein Haus energetisch reinigen kann, 22 Prozent an Schamanen, immerhin noch 6 Prozent an Teufelsaustreibungen und 2 Prozent an Vampire. Nur falls Sie sich fragen, warum man jetzt einen Golf GTI verlosen muss, um Menschen zum Impfen zu bewegen.

Qual der Wahl (wieder einmal)

Ehe wir im Schweinsledersitz Platz nehmen können, geben wir aber den Masken wieder mehr Raum in unserem Leben. Heute soll die entsprechende Verordnung des Gesundheitsministeriums endlich bei uns aufschlagen, verstanden hat schon die bestehenden Bestimmungen kaum jemand mehr. Wenn Sie heute in Wien zum Ikea Nord fahren, um sich dort Klippan oder Bolmen zu holen und um sich danach vielleicht als Absacker einen Äppelkaka zu gönnen, dann müssen Sie Maske tragen. Wenn Sie zum Ikea Süd fahren, dann benötigen Sie keinen Mundschutz, denn der eine Ikea liegt in Wien, der andere schon in Niederösterreich, Luftlinie 20 Kilometer entfernt. Klippan, Bolmen und Äppelkaka gibt es da wie dort, die Angestellten tragen dieselben Uniformen, atmen dieselbe Luft, schauen demselben Publikum ins Gesicht. In einem Laden allerdings nur zur Hälfte.

Jetzt wird alles anders, aber besser? Übersichtlicher? Wohl kaum. Wenn Sie geimpft sind, oder auch nicht, dann brauchen Sie ab morgen für den Supermarkt wieder eine FFP2-Maske. Wenn Sie dann in einem Geschäft weiter eine neue Unterflack, im nächsten einen Radiergummi und im übernächsten den neuen Rita Falk-Roman „Reh-Ragout-Rendezvous“ kaufen wollen, dann können Sie die FFP2-Maske abnehmen und eine Stoffmaske aufsetzen. Außer Sie sind ungeimpft, dann bleibt die FFP2 drauf.

Dasselbe gilt für Museen, sickerte gestern Abend durch. Hubert Scheibl in der Albertina gibt es für Ungeimpfte hinter FFP2, für Geimpfte unter Stoff. Im Theater, im Kino, am Konzert, bei Großveranstaltungen, überall dort wo die 3-Regel gilt, die vielleicht bald eine 2G-Regel wird, oder eine 1G-Regel, trägt man weiter Maske, oder auch nicht, je nachdem ob man in die Staatsoper (Mund-Nasenschutz Pflicht) oder ins Landestheater St. Pölten (Mund-Nasenschutz nur empfohlen) geht. 

Die Polizei soll das überprüfen, will sich aber nicht als Lauch verkleiden oder sich in einer Wüllkiste für Damenunterbekleidung verstecken. Die Geschäftsleute möchten auch keine Impfpässe kontrollieren, also werden wir nun lauter Geimpfte in den Geschäften haben, die FFP2 tragen, weil sie nicht müssen, dafür lauter Ungeimpfte, die Stofffetzerln oder gar nichts aufhaben, obwohl FFP2 für sie Vorschrift ist. Kindereier überzuckert man schneller.

Leuchtkörper

In den Schulen ist inzwischen das eingetreten, was alle erwartet hatten, außer die politisch dafür Verantwortlichen. Laut „Kurier“ sind allein in Wien schon 285 Klassen in Quarantäne, darauf war man im Bildungsministerium und in der Wiener Bildungsdirektion offenkundig nicht vorbereitet. Also wird jetzt überlegt, welche Kinder man in Quarantäne schicken sollte, alle in der Klasse, oder nur ein paar? Ob man Volksschüler anders behandeln müsste als Gymnasiasten, von denen ja schon einige geimpft sind? Ob die Quarantäne vielleicht nur fünf Tage dauern könnte und nicht zehn? Im Sommer war für derartige Gedankengänge keine Zeit, die wurde benötigt, um andere Vorarbeiten nicht zu erledigen.

Etwa die Freistellung von Eltern. Die Politik erkennt nun, dass Halb- oder Viertelwüchsige untertags so eine Art Beaufsichtigung benötigen, wenn sie nicht in die Schule können, weil ein Mitschüler positiv getestet wurde. Sie auf die Tangente spielen zu schicken, mag die Mädchen und Buben charakterlich robuster machen, die meisten Eltern hätten ihre Kinder aber lieber längerfristig an sich gebunden, zumindest zeitweise. Nun aber wird die Elternfreistellung verlängert, heureka, es besteht wieder ein Rechtsanspruch auf drei Wochen Sonderbetreuungszeit, wenn Not an Mann oder Frau ist, Unternehmen bekommen die Kosten dafür vom Staat ersetzt. Beginn? 1. Oktober! Ernsthaft, nicht sofort. Wer seine Kinder bis 1. Oktober von der Schule heimgeschickt bekommt, hat eben Pech gehabt. Kleiner Tipp, liebe Politiker: Ändern, heute noch!

Ich wünsche einen wunderbaren Dienstag, nein, ich verordne Ihnen einen wunderbaren Dienstag. Falls Sie sich fragen, was es mit dem Foto am Kopf dieser Kolumne auf sich hat, dann muss ich Ihnen sagen, eigentlich nichts. Es kursiert seit einigen Tagen in den sozialen Medien, ich fand es putzig. Das Bild stammt aus einem „News“ 2010 und zeigt drei damalige Jungpolitiker, die sich für eine Reichensteuer engagieren – Wolfgang Moitzi, damals 26 und Chef der Sozialistischen Jugend, heute im steirischen Landtag, Sigrid Maurer (25), nunmehr Klubchefin der Grünen, und Sebastian Kurz (23). Was aus ihm wurde, ist leider unbekannt. Tipps?

Fotos:
Jungpolitiker: Picturedesk, Martin Vukovits
Sebastian Kurz, Wolfgang Mückstein: "Heute", Helmut Graf
Werner Kogler: "Heute", Denise Auer
Heinz Faßmann: "Heute", Helmut Graf

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