Danke!

Es gibt wieder Klopapier und viele weitere gute Nachrichten.

Sie fanden Ihre Kinder auch sympathischer als sie noch den Tag über bei Omi und Opi waren und dann müde heimkamen, man musste sie nur mehr abbrausen und ins Bett stecken? Ich natürlich nicht, nein, nein, aber es soll Leute geben, die begegnen seit Jahren Tag für Tag denselben Menschen und lernen sie erst jetzt kennen. Das können Kinder sein, oder Lebenspartner, Haustiere natürlich auch. Schildkröten vielleicht nicht, die durchschaut man schon am ersten Tag und da kommt auch nichts mehr, aber sonst gibt es derzeit viel zu entdecken im weiten Land der Krise. Man kann es kurzfassen, es ist eine fordernde Zeit, ja nennen wir sie fordernd, man könnte auch sagen es ist eine beschissene Zeit, aber wir wollen uns jetzt nicht gehen lassen. Nicht sofort jedenfalls.

Wer nun durch die Straßen geht, der kann die schlechten Nachrichten ohnehin in der Schürze ganz einfach auffangen wie ein Sterntalermädchen, es sind so viele, man trägt bald recht schwer daran. Immer mehr erkranken, sterben, man liest von Ärztinnen und Ärzten, medizinischem Personal, das sich ansteckt. Dort wo eigentlich geholfen werden soll, im Krankenhaus nämlich, beißt das Virus zu wie eine Schlange, es sind Bilder, die man schwer aus dem Kopf bekommt und die beklemmend sind.

"Abräumen, geht schon!"

Aber es gibt auch gutes Zeug, Lichtblicke in der Düsternis. Zum Beispiel ist wieder Klopapier da. Also genauer gesagt, es war Klopapier da, in einem Supermarkt in Niederösterreich nämlich, jetzt ist es natürlich wieder weg. Sich das Video anzusehen, wie die Warenlieferung Häuslpapier bei dem Diskonter ausgerollt wird, ist kein Griff ins Klo, wirklich nicht. Es handelt sich übrigens um Floralys soft, dreilagig, zehn Rollen befinden sich in der Packung, jede Rolle enthält 200 Stück Abrisspapier, man kommt schon eine Zeitlang aus damit. 

Leider weiß man derzeit nicht wie lange eine Zeitlang genau ist, deshalb ist Vorratshaltung ratsam. Bei der Aneignung von Klopapier handelt es sich im strengeren Sinn auch nicht um einen Hamsterkauf, denn üblicherweise hamstert man Lebensmittel, man kann also ein reines Gewissen haben, wenn man sich den Einkaufswagen mit Klopapier zuscheißt. 2,99 Euro kostet die Packung übrigens, bei Amazon ist das Produkt derzeit ausverkauft, vergriffen könnte man sagen, wenn das nicht ein bisschen ungustiös wäre. Highlight der Packung ist die Blitzöffnung rechts oben, oder links unten, wenn man sie verkehrt hält. Eine Blitzöffnung kann bei Klopapier Leben retten. Auch so eine Sache, über die niemand gern redet.

Die Verkäuferin fährt die zwei Paletten Floralys soft, dreilagig, um 2,99 Euro mit einem Hubstapler aus dem Lager ins Geschäft und preist ihre Ware so lautstark an wie die Fetzentandler früher ihre Lederjacken am Markt in Tarvis. „So da, Klopapier, Klopapier, kommt, bitte schön“, schreit sie, „Klopapier für alle da“, was nicht ganz stimmt, denn bald ist das Klopapier nicht mehr für alle da. Die Performance erregt die Aufmerksamkeit des geneigten Publikums, als Kleinkünstler muss man sich in der Krise neue Wege überlegen. Dieser Weg führt die Verkäuferin jedenfalls mitten in den Laden. Dort ist ein Stück freie Fläche und in Wirklichkeit beginnt das Video erst jetzt richtig.

Von allen Seiten strömen Interessenten herbei und greifen nach den Packungen Floralys soft, dreilagig, um 2,99 Euro, aber offenbar zu zögerlich, denn die Verkäuferin ist zwar nun nicht mehr zu sehen, aber recht gut zu hören, sie steht offenbar hinter den Paletten und brüllt „abräumen, abräumen, damit wir weitermachen können. Geht schon“. Womit sie weitermachen will, erklärt sie nicht, vielleicht aber hat sie weitere, heiße Ware im Lager, es pressiert ihr jedenfalls, denn sie klatscht nun in die Hände. Sie hat mittlerweile einen der Hubwagen bestiegen, schwenkt eine Packung Floralys soft, dreilagig, um 2,99 Euro hin und her und schreit dazu weiter klatschend „Klopapier, Klopapier, abräumen“. Dann ist das Video leider aus, vielleicht ist es nur ein Teaser auf eine neue Netflix-Serie, „Häusl of Cards“ könnte sie heißen, der Titelsong eventuell „Wish you were here“.

Der Glaube versetzt Berge

Wir müssen einfach wieder optimistischer werden, es nützt ja nichts. Wir müssen sagen, die Klopapierrolle ist nicht halbleer, sondern halbvoll. Natürlich, die Krise wird Wochen dauern, vielleicht sogar Monate, die Briten glauben überhaupt, dass Corona erst 2021 beherrschbar sein wird, aber hey, es sind schon zwei Tage vorüber. Zwei volle Tage Hausarrest haben wir schon überstanden. Sie waren kein Heimspül.

Vermutlich haben sie die Wohnung aufgeräumt, mehrmals wahrscheinlich und nicht nur ein bisschen, sondern wirklich. Vielleicht haben sie dabei ein paar Sachen gefunden, die ihnen schon eine Zeitlang abgingen, ein Essiggurkerl, das vor ein paar Monaten vom Tisch flutschte, oder ein Stück Zehennagel, der beim Schneiden fröhlich wegsprang, eventuell haben sie auch ein Kind vermisst, also nicht wirklich vermisst, es war halt einfach nicht da. Sie haben die Bücher nach Farben und Größen sortiert, vielleicht sogar ein vor langer Zeit angefangenes Werk zu Ende gelesen. Sie hatten Zeit für ein paar Telefonate, nicht nur „hallo, wie geht’s? Danke mir auch. Bis bald. Baba“. Sie kommen jetzt dazu, den ganzen Plunder, den sie die letzten Jahre gekauft haben, auch anzuschauen und sich über sich selber zu wundern. Vielleicht haben Sie einfach nur ferngeschaut und sich die Augen gerieben, was es untertags alles so spielt.

Auch der Abend aber kann erstaunen. Montag etwa saß der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg in der ZiB 2“. Er war aus dem Landesstudio Innsbruck zugeschaltet, ein fröhlicher Mann mit einem rundlichen Gesicht, sehr artig gekampelt fürs Fernsehen, die Tiroler sehen aber ohnehin mehr oder weniger alle aus wie Hüttenwirte, egal ob sie jetzt eine Speckjause vor sich stehen haben oder nicht. Armin Wolf konfrontierte den ÖVP-Politiker mit ein paar Fakten zur eher, sagen wir einmal, schludrigen Handhabung der Corona-Krise, einen Hüttenwirt hat so etwas freilich noch nie aus der Ruhe gebracht, Tilg schon gar nicht. Er sagte im Grunde genommen immer nur einen Satz: „Wir haben alles richtig gemacht“.

Das stimmt genaugenommen auch, denn in Tirol gibt es eine ganz klare Hierarchie: Erst kommt der Liftbetreiber, dann der Hotelier, dann der Gastronom, dann der Mensch. Weil der Liftbetreiber, der Hotelier und der Gastronom oft ein- und dieselbe Person oder ein- und dieselbe Gesellschaft sind, hat man als Mensch ziemlich schlechte Karten. Deshalb kommt es in der Analyse auch nicht darauf an, ob man die Touristen und die Einheimischen nicht hätte früher warnen, testen oder in Quarantäne schicken hätte sollen. Ob man eine Bar, ein Skigebiet, einen Ort oder meinetwegen ein ganzes Bundesland sperren hätte sollen. Ob es klug war, Coronakranke oder Coronaverdächtige über halb Europa zu verteilen. Es geht einzig darum, dass man „alles richtig gemacht hat“. Für das Virus könne man schließlich nichts, das sei „leider in das Paznauntal hineingetragen worden," wie Tilg sagt.

Das ist offenbar auch die Meinung seines Chefs, was nie das Schlechteste ist, wenn man der gleichen Meinung ist wie der Chef oder der Chef der gleichen Meinung ist wie man selber, das passiert nur seltener. Jedenfalls gab Günther Platter gestern eine Videopressekonferenz (wie der Kanzler auch), jetzt werden sie ja langsam vorsichtiger im heiligen Land, und auch er wies alle Kritik am Management der Krise brüsk zurück. Man habe das „Menschenmöglichste“ getan, sagte der Tiroler Landeshauptmann. Außerdem sei das Virus nicht in Ischgl entstanden, ich glaube, dass hatte bisher auch noch niemand behauptet, aber das macht nichts, denn wenig fällt leichter als etwas zu dementieren, was vorher gar nicht argumentiert wurde.

Klinik ohne Palmen

Trotzdem, es ist nicht die Zeit der Wut. Das fällt schwer, ich weiß, denn vieles, was jetzt passiert, macht zornig und fassungslos. Aber gerade Fassung ist etwas, das wir derzeit behalten sollten. Die Zeit der Aufarbeitung wird kommen, nun dürfen wir uns nicht aufschaukeln oder aufschaukeln lassen, wir brauchen den Kopf frei für den Kampf gegen das Virus, ich meine das ernst. In ein, zwei Wochen wird uns der Lagerkoller überkommen, es wird uns die Decke auf den Kopf fallen, das Virus hat alle Zeit der Welt, es tut das „Menschenmöglichste“ um uns auf die Nerven zu gehen, deshalb sollten wir versuchen, so cool zu bleiben wie es nur geht. 

Es ist nicht die Zeit der Wut, sondern die Zeit von Mut, von Taten, die Kraft geben. Die Wiener Krankenschwester Jenifer Damith stellte sich mit einer Kollegin in einen OP-Saal des Wiener Wilhelminenspitals. Die beiden halten ein Schild in der Hand, darauf ist zu lesen: „Wir bleiben für euch da, bleibt Ihr bitte für uns daheim“. Überall im Internet tauchen mittlerweile ÄrztInnen, Schwestern und Pfleger mit ähnlichen Schildern auf, mittlerweile auch Polizisten. Das Foto ging viral, wie man das heute nennt. „Ich bekomme Nachrichten aus aller Welt“, sagt Damith im „Heute“-Gespräch. Sie ist eine der vielen Heldinnen dieser Zeit, die das Leben am Laufen halten, eine Mutmacherin. Unser Mut muss jetzt stärker sein als unsere Wut.

Menschen stehen jetzt jeden Tag um 18 Uhr an offenen Fenstern und applaudieren den Mutmacherinnen, in Österreich und anderswo. Immer mehr Promis unterhalten das Land mit „Balkon-Songs“, erst gestern legte sich Gregor Glanz in die Badewanne und sang „I am from Austria“. Der italienische Pfarrer Giuseppe Corbari muss in einer leeren Kirche predigen – Ausgangssperre in Giussano. Also ließ er sich von seinen Gläubigen Selfies schicken, druckte sie aus und klebte sie an die Kirchenbänke. Das Nobellokal „Steirereck“ kocht gratis für Einsatzkräfte. Immer mehr Menschen engagieren sich in der Nachbarschaftshilfe und kaufen für ältere Menschen ein. In Wien entstand in Windeseile eine Betreuungseinrichtung für bis zu 880 Coronakranke.

"It's a video life"

Immer mehr Initiativen entstehen, die gegen die Langeweile daheim ankämpfen. Michael Niavarani ließ quasi über Nacht einen Videoplayer gegen das „Oarschloch-Virus“ basteln, seine herrlichen Aufführungen wie „Romeo & Julia“ oder „Richard III.“ aus dem Globe können nun gratis online angesehen werden. Der Tiergarten Schönbrunn lädt fortlaufend neue Videos auf Instagram umd Facebook hoch. Man kann Eisbärbaby Finja nun zwar nicht live sehen, aber irgendwie doch. Der ORF startet heute sein Schulprogramm „Freistunde“, Kardinal Schönborn zelebriert von Montag bis Samstag jeden Tag um 8 Uhr eine Messe, per Streaming kann man sie live mitverfolgen. 

Das Virus kann uns einengen, schaden, ärgern, aber es kann uns die Freude am Leben nicht nehmen. Denken Sie daran und haben Sie einen wunderbaren Mittwoch.

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