Das Leben ist ein Hit

Eltern am Limit und ein Hund, der über sich hinauswächst.

Es sind die Konstanten im Leben, die eine Krise erträglich machen. Der geneigte Österreicher weiß, dass er sich diesbezüglich auf die hiesige Bürokratie verlassen kann. Da kann uns ein Komet treffen, am nächsten Tag langt ein Amtsschreiben bei uns ein, wenn das seine Bestimmung ist, meistens eingeschrieben. So wird die Bürokratie auch in Zeiten von Corona nicht müde, uns täglich ihre uneingeschränkte Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, aber so schwach sind wir noch nicht, dass wir zurückweichen. Noch nicht.

Vor ungefähr zwölf Jahren legte sich der Wiener Agenturchef Josef „Joe“ Kalina einen Hund zu. Es war eine Lebensentscheidung. Kalina, einst Journalist, Ende des letzten Jahrtausends Sprecher des damaligen Kanzlers Viktor Klima, dann Bundesgeschäftsführer der SPÖ, kehrte 2008 der Politik den Rücken, ein weiser Entschluss, denn seit jeher ist es klüger, der Politik den Rücken zu kehren als ihr den Rücken zuzukehren. Jedenfalls holte sich Kalina seinen Familienzuwachs aus Kärnten, der Hund hieß seltsamerweise Luigi und nicht Luignig, was angesichts seiner Herkunft logischer erschienen wäre.

Bei Luigi oder Luignig handelt es sich um einen Parson Russell Terrier, eine britische Rasse, die gern mit dem Jack Russell Terrier verwechselt wird. Sie nehmen das sehr persönlich, zeigen das aber nicht gleich, sondern lassen einen das im Umgang spüren. Ich kenne den Hund persönlich, ich war einmal bei ihm auf Besuch, Kalina war auch da, als Gastgeber am Papier aber eher in einer Nebenrolle tätig. Parson Russell Terrier gelten als zäh, sehr lebhaft und eigenwillig, man könnte auch sagen sie können anstrengend sein, aber das wusste der Manager, denn als er ihn übernahm, sagte die Züchterin zu ihm, also zu Kalina, nicht zu Luignig: „Da bekommen sie sehr viel Hund in sehr wenig Körper“. 

Hey Joe

Einmal im Jahr wird Kalina für Luignig zur Kasse gebeten. Er bekommt dann Post, auch jetzt in Zeiten von Corona, eine gewisse Grundordnung tut dem Staat gut und steht ihm auch zu Gesicht. Die MA 60 der Stadt Wien, „Veterinäramt und Tierschutz“, die in der Karl-Farkas-Gasse 16 residiert, was vom Standpunkt der Satire aus bedeutsam erscheint, schrieb dem „sehr geehrten Hundehalter“. Eigentlich ging es darum, dass die jährliche Hundeabgabe zu entrichten war, 70 Euro, auch das erscheint sehr viel für so wenig Hund, aber das Amt hatte auch eine Botschaft.

„Die Stadt Wien“, schrieb die Stadt Wien, „möchte Sie mit diesem Schreiben auf zwei Themen aufmerksam machen. Thema Nummer zwei war wurscht, darin ging es um Listenhunde, eine Kategorie, in die es Luignig nie schaffen wird, aber Thema Nummer 1 betraf ihn mit Haut und Haaren. „In Wien werden sehr viele entlaufene Hunde in das TierQuarTier gebracht“, schrieb das Amt aus der Karl-Farkas-Gasse 16. „Die Rückgabe an die BesitzerInnen ist oft schwierig“. Nicht, dass Luignig je weglaufen wollte, aber wenn man sehr viel Hund in sehr wenig Körper an seiner Seite hat, erwartet man sich vielleicht viel Dankbarkeit und am Ende ist es dann recht wenig. Das soll auch bei Menschen so sein. 

Es wurde die Registrierung des Tieres empfohlen. „Registrieren bedeutet, dass die Daten des Mikrochips und ihre Daten als BesitzerInnen miteinander verknüpft in einer Datenbank, der sogenannten Heimtierdatenbank des Bundesministeriums, abgespeichert sind“. Welches Bundesministerium gemeint ist, wurde nicht erklärt, auch nicht, warum die Leute aus der Karl-Farkas-Gasse 16 die Registrierungseintreiber für – mutmaßlich – Elisabeth Köstinger sind. Aber der Gedanke, dass sich die Landwirtschaftsministerin bei Josef Kalina meldet, wenn Luignig einmal von daheim abhaut, hat etwas Tröstliches an sich in Zeiten wie diesen. Mit Luignig könnte sich Köstinger gut verständigen, beide sind Kärntner, das haftet ein Leben lang an, das Virus ist da vergänglicher. Hoffentlich!

Jedenfalls wollte das Amt aus der Karl-Farkas-Gasse 16 es dem „sehr geehrten Hundehalter“ leicht machen und nannte drei Optionen für die Registrierung. Der Hundehalter selbst könne sie über die Bürgerkarte durchführen, er könnte einen Tierarzt oder eine Tierärztin beauftragen oder aber die Registrierung kann „von in Wien gemeldeten Hunden bei der Stadt – Veterinäramt und Tierschutz – durchgeführt werden", vom Hund also selbst. Das ist sehr umsichtig jetzt, wo keiner raus darf. Kalina wird also demnächst Luignig seine Bürgerkarte geben, den Hund vor der Tür absetzen, ihm die Adresse Karl-Farkas-Gasse 16 nennen und eventuell vortanzen, wenn der Fellbeutel nicht gleich verstehen sollte. Der Parson Russell Terrier aus Kärnten kann dann allein aufs Amt laufen und sich registrieren lassen. Am Heimweg sollte er dann gleich einkaufen gehen, als Mensch wird man in Supermärkten derzeit ja recht oft schief angeschaut.

Neulich in China

Hary, fahr den Jet vor

In Geschäften wird derzeit vor allem argwöhnisch beäugt, wer Hefe kauft. Ich habe gestern schon erwähnt, dass die Leute jetzt Germ statt Klopapier hamstern, also vielleicht nicht statt Klopapier, sondern zusätzlich, aber sie hamstern. Ich hatte keine rechte Erklärung dafür, aber jetzt weiß ich Bescheid. Die Analytiker von geizhals.at haben dokumentiert, wie sich unser Einkaufsverhalten seit Ausbruch der Corona-Krise verändert hat. Platz 1 war recht erwartbar, wenn auch das Plus von 1.087 Prozent bei verkauften Webcams erstaunlich hoch ausfiel. Gleich danach kommen Brotbackautomaten. Ernsthaft Brotbackautomaten. Verkaufsplus 407 Prozent. Wir sind schon eine seltsame Partie, wir Österreicher. Etwas teigig, aber vor allem seltsam.

Wer jemals einen Brotbackautomaten gesehen hat, der weiß, dass man da viel Gerät für recht wenig Nutzen bekommt. Brotbackautomaten sind im Grunde genommen sehr blöd, sie können meist nur eines, nämlich Brot backen, aber vielleicht tue ich ihnen da Unrecht, schließlich kann das Coronavirus auch nicht viel mehr als krank machen und bekommt derzeit trotzdem laufend Titelseiten. Brotbackautomaten schauen aus wie Mikrowellengeräte, die man auf die Schnauze stellt oder aufs Kreuz legt, das muss sein, denn sie werden von oben befüllt. Einige haben ein Sichtfenster und man kann dem Teig beim Geknetetwerden und später dem Brot beim Backen zuschauen, lachen Sie nicht, aber viel abwechslungsreicher ist unser Leben derzeit nicht. 

Am Boden des Brotbackautomaten ist ein Knethaken, damit uns nicht die Arme abfallen, was sie würden, wenn wir den Teig per Hand bearbeiten müssten. Die meisten Brotbackautomaten haben ein Display, das einen auf dem Laufenden hält, wie es dem Teig so geht. Man kann natürlich auch den Deckel aufmachen und ins Gerät schauen, aber das hat der Teig nicht Germ. Da kommt also die Hefe ins Spiel, die derzeit so massenweise gekauft wird und die darüber entscheidet, ob aus dem Brotbackautomaten etwas rauskommt, dass eher ausieht wie ein Brot oder eher wie ein Kuhfladen. Haben wir das auch geklärt.

Reife Prüfung

Bei Ö3 müssen sie auch so eine Art Germ haben oder irgendeine andere Zutat, denn Karrieren gehen dort erstaunlich gern auf. Der ehemalige Ö3-Chef Bogdan Roščić wird irgendwann demnächst die Staatsoper unter seine Fittiche nehmen, wenn Corona uns nicht mehr unter seinen Fittichen hat. Als Roščić noch den Radiosender leitete, da moderierte ein schlagfertiger, junger Mann den Wecker, die meistgehörte Frühshow des Landes. Er hieß Hary Raithofer, genau genommen heißt er auch heute noch so, aber jetzt geht er uns nicht mehr auf den Wecker, sondern pilotiert Jets. Der mittlerweile 54-Jährige saß am Steuerknüppel einer der AUA-Boeings, die Schutzkleidung aus China abholte.

Was Raithofer nach der Landung gestern in Wien erzählte, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Wir flogen in eine total andere Welt“. China beutelt gerade das Virus ab, die Zahl der Erkrankten und Toten ist stark zurückgegangen, aber die Crew aus Wien wurde empfangen als würde es sich um lauter Außerirdische handeln und um keine Österreicher, was sich mit freiem Auge vielleicht auch manchmal nicht so leicht unterscheiden lässt. Vier Stunden lang wurde Raithofer medizinisch untersucht, alle, die ihm begegneten, trugen Ganzkörper-Schutzanzüge, im abgeschirmten Hotel gab es keinen Kontakt zum Personal, das Essen wurde vor die Tür gestellt. Wenn das alles nötig ist, um den Virus dauerhaft zu besiegen, dann haben wir echt noch einen weiten Weg vor uns.

Ein weiter Weg droht auch den Maturanten des Jahrgangs 2020. Gestern wurde die Reifeprüfung, die am 4. Mai hätten beginnen sollten, um zwei Wochen nach hinten verschoben, ich bin mir nicht sicher, ob das reichen wird. Einer, der es wissen muss, der Kanzler nämlich, erzählte mir am Telefon, dass wir noch einen Marathon vor uns haben, das bisher wären bestenfalls Aufwärmübungen gewesen. Gestern gingen die Erkrankungszahlen in Österreich besorgniserregend nach oben, überall in Europa werden nun harte Maßnahmen ergriffen. Frankreich ging gestern in „Lockdown“, Rad fahren aus Spaß ist verboten, joggen darf man nur maximal zwei Kilometer vom Wohnsitz entfernt, eine Bescheinigung muss mitgeführt werden. In einer TV-Ansprache verkündete der britische Premier Boris Johnson eine „mindestens dreiwöchige Ausgangssperre“, die Maßnahmen ähneln denen von Österreich. 

Moment, war nicht Boris Johnson jener Mann, der noch vor zwei Wochen gegen jede Einschränkung des öffentlichen Lebens auftrat und auf „Herdenimmunität“ setzte? Möglichst viele sollten sich möglichst schnell anstecken, um immun zu werden, auch in Österreich flirteten sogar einige „Gesundheitsexperten“ mit der Idee. Dann rechnete das „Imperial College“ dem britischen Premier vor, dass seine Nicht-Maßnahmen zum Tod von 250.000 Menschen führen werden und das wollte Johnson dann auch wieder nicht und schwenkte um. Ach ja: In den USA übernimmt in der Krisenbewältigung langsam die Armee das Kommando von einem hoffnungslos überforderten Präsidenten. Ich mutmaße nach der Pandemie werden ein paar Populisten nicht mehr sehr populär sein.

"Heute" sind wir daheim

Bis die Krise vorbei ist, heißt es mit der Krise zu leben. Im ORF wurden „Isolationsbereiche“ geschaffen, um immer den Sendebetrieb garantieren zu können. Diese „Isolationsbereiche“ dürfen die betroffenen Mitarbeiter auch in ihrer Freizeit und zum Schlafen nicht verlassen. Heute zieht auch ein Team der ZiB in einen solchen „Isolationsbereich“, 14 Tage lang bleiben Armin Wolf, Nadja Bernhard, Tarek Leitner und Margit Laufer kaserniert. Im "Big Brother-Haus" werden sie sich über die neue Konkurrenz wundern.

"Isolationsbereich", das kenne ich doch, werden sich jetzt viele Eltern sagen. Seit ungefähr drei Jahren, so lange kommt es manchen Papas und Mamas jetzt schon vor, dürfen die lieben Kleinen nicht mehr in die Schule und es werden reichlich Erfahrungen gesammelt, ohne die man auch gut ausgekommen wäre. Dass Lehrer vielleicht gar kein so toller Beruf ist. Dass die Mäderln und Buben, die wir sonst nachmittags oder abends aus der Schule zurückbekommen, untertags ziemliche Satansbraten sind. Dass die Hauptstadt von Honduras Tegucigalpa heißt. Und dass wir nur auf Unterstufen-Niveau rechnen können. Missy May hat das Szenario für unsere Aktion "wir packen das" mit ihrer Tochter Marie (10) wunderbar nachgestellt, das Foto finden sie am Kopf dieses Blogs. "Eltern am Limit" haben wir das Bild genannt, ich darf daran erinnern, es ist erst Woche zwei.

Bei „Heute“ arbeiten die meisten Mitarbeiter schon seit voriger Woche im Homeoffice, nur je ein Tages- und ein Abendlayouter (die sich nicht begegnen dürfen), ein Chef vom Dienst und ein Chefredakteur (also ich) sind im Newsroom, um die Printausgabe zu produzieren. Einmal am Tag schalten wir uns zusammen und plaudern miteinander, die Newsroomleute und die Homeofficeleute, ich habe schon ein paar interessante Küchen und Wohnzimmer im Hintergrund gesehen.

Bleiben sie gesund und munter, irgendwann wird alles sicher wieder wunderbar. Oder zumindest besser als jetzt, was wiederum keine große Kunst ist.

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Im Bett mit Kurz
Park mas an!
Unser Retter?
Danke!

Neulich in Balkonien
30 Beobachtungen

Das Ende der Party

Im Teufelskreis

"Happy birthday"

Das Virus und wir

Sternderl schauen

Streicheleinheiten

Ganz große Oper

That's Life

Patsch Handi zam

Rabimmel, rabammel, rabum

Wir sind Virus

Na dann Prost!

Küssen verboten

Unterm Glassturz

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Der tut nix

Im Krapfenwaldl
Wohin des Weges?

Es fliegt, es fliegt

Lieber Christian

Ein Leben am Limit

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Hexenjagd am Klo
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Eine Frage der Ehre

Frühstücken mit Kurz

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"Warum steigt's nicht ein?
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Die Teufelsaustreibung

Romeo und Julia

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Brot und Spiele

It´s my lei lei life!

Der Zug der Zeit

Der Hauch des Todes

... - .-. .- -.-. .... .
Inselbegabungen
 
Big Bang für einen Big Mac

Auf einen Apfelputz beim Minister

Von Brüssel ins Fitness-Studio

"Es ist alles so real
"
"No words needed"
 
"So wahr mir Gott helfe"

Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne

Fotos:
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Josef Kalina: privat
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