Das virologische Duett

Schuhbänder, eine Kanzler-Firmung und die Taliban, bringen Sie das einmal unter einen Hut!

Das wird jetzt vielleicht etwas intim, ich hoffe Sie verzeihen mir diese montägliche Zudringlichkeit. Aber ich finde, jetzt, wo alle wieder mit dem Zusperren flirten, sollte man gegensteuern, sich öffnen und aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr machen. Unsere Gehirne sind im letzten Jahr ja etwas nachdenklich geworden, fast melancholisch, mit dem Herzen denkt es sich jetzt eindeutig besser. Jedenfalls, um mich zu outen: Ich besitze ein paar schwarze Schuhe, in die schlüpfe ich hinein, ohne die Schuhbänder zu öffnen, und das seit Jahren. So, jetzt ist es raus. 

Bis jetzt das wunderbar geklappt, wenn ich allein daran denke, wie viel Zeit ich gespart habe, macht mein Herz einen großen Sprung in der Mördergrube. Vorige Woche aber war ich auf dem Weg in die Arbeit und das Schuhband meines linken Schuhes ging auf, ohne Vorwarnung, ohne Grund, nach Jahren, einfach so. Ich bückte mich altersangemessen sportlich, wenn ich einer Yogalehrerin ins Blickfeld geraten wäre, hätte sie sich mich blitzartig unter den Arm geklemmt und im nächsten Park so aufs Gras geworfen, dass sich der niederfallende Hund ganz von selbst ergeben hätte.

Mit den nun frisch gebundenen Schuhbändern ging ich vielleicht 200 Meter, dann waren sie wieder offen. Also von vorne, bücken, zubinden, Yoga, 200 Meter, alles beim Alten. Ich probierte vielerlei aus, fester binden und ganz leicht. Masche breiter machen und enger, nichts half, nicht an diesem Tag und nicht an den folgenden. Ich wurde immer zorniger. Ich wollte schon mitten auf der Straße stehen bleiben und meine Schuhbänder anbrüllen: „Was wollt ihr eigentlich von mir?“ Ich meine, ich zeige denen die ganze Welt, ich war mit meinen Schuhen sogar in New York und in Peking, glauben Sie ich habe irgendwann einmal ein Wort des Dankes gehört? Ehe Sie in Ihre Mördergrube hineinhören müssen, die Antwort lautet „nein“. 

Das Ärgerliche an Schuhbändern ist, dass sie so undeutlich reden. So wie kleine Kinder, die in die Küche stürzen, weil sie eine Biene in die Fußsohle gestochen hat, irgendwie liegen gleichzeitig alle Buchstaben übereinander. Deswegen hört den Schuhbändern auch niemand zu. Wozu auch? Man vernimmt in der Regel nur dieses übliche Gesudere, das schon Alfred Gusenbauer genervt hat. Immerhin: Der Ex-Kanzler bekam von seiner Suderanten-Partei nun die Viktor-Adler-Plakette geschenkt, die höchste SPÖ-Auszeichnung. „Du hast bewiesen, dass sich langer Atem auszahlt“, ehrte ihn die aktuelle Parteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner und war für sich guter Hoffnung.

Für Schuhbänder gibt es keine Viktor-Adler-Plaketten, die bekommen höchstens Pferdeäpfel zu sehen, hin und wieder werden sie mit etwas Schuhpasta angepatzt, die stinkt und unter den Achseln juckt. Gar nicht zu reden vom ewigen Kopfweh durch die Schläge auf den Asphalt.

Dann aber begann ich nachzudenken. Was wenn mir die Schuhbänder diesmal tatsächlich etwas Wichtiges sagen wollen? Vielleicht hören wir einfach zu wenig zu? Wie bei Corona, auch das Virus spricht dauernd zu uns, wir aber gehen pfeifend weiter, selbstverliebt, weil wir alles besser wissen. 18 Monate nach Ausbruch der Pandemie tun wir nach wie vor so, als kämen die Neuigkeiten über Nacht beim Fenster hereingeflogen, dabei sendet uns das Virus ständig Botschaften und das Wochen voraus: „Leutln, passt‘s auf! Neue Mutation von links“. Oder: „Vielleicht solltet ihr euch doch impfen lassen“. Ich meine diese Größe musst du einmal haben als Virus, dass du jemanden die Immunisierung gegen dich selbst empfiehlst.

Wir aber sind wie Schuhbänder. Wir sagen nicht „danke“. Nein, wir verschlafen den zweiten Sommer in Folge. Jetzt, im September, kommt plötzlich Bewegung in die politischen Bewegungen. „Was, schon so viel Uhr?“ Alles natürlich zu spät, zu zögerlich, zu unentschieden. Im Juni ließ der Kanzler Plakate drucken, auf denen stand: „Die Pandemie gemeistert“. Die Pandemie war gar nicht beleidigt, dass man sie auf Abstellgleis schob, sie schickte uns weiter fleißig Botschaften. Die Infektionszahlen schossen nach oben, die Krankenhausbetten begannen sich zu füllen, die Intensivstationen auch, die Patienten waren jetzt jünger, einige schafften es gar nicht mehr auf die „Intensiv“, sie starben gleich im Krankenzimmer. Österreich fuhr auf Urlaub und kam wieder zurück, es wurde gefeiert fast wie früher, keiner hatte ein schlechtes Gewissen, warum auch, der „Freiheits-Kanzler“ hatte schließlich die Pandemie beendet?

Und jetzt? Alle wieder da, auch das Virus, mitten unter uns, ansteckender als vorher. Leider hat das einstige, angebliche Virus-Wunderland Österreich, das besser durch die Pandemie gekommen sein will als die Pandemie selbst, die Impfkampagne in den Sand gesetzt. Aus diesem Bunker kommen wir auch nicht mehr heraus. Wenn die Geimpften wegen der Ungeimpften Einschränkungen erleben werden, daheimbleiben müssen, ihre Kinder in Quarantäne oder Home-Schooling wechseln sollen, dann wird die Wut steigen. Die Impfzahlen werden nicht mehr nennenswert nach oben klettern, der Zorn aber schon. Wutmonat werden wir den September vielleicht später einmal nennen, eventuell ist es erst im Oktober so weit.

"Mit Taliban reden"

Aber es gibt ja den Gesundheitsminister, Wolfgang „Fast Lane“ Mückstein. Letzte Woche sagte er, dass er schon einen „sehr konkreten Plan“ für den Herbst hätte. Diesen Sonntag erzählte er der „Krone“, dass er seinen „sehr konkreten Plan“ bereits dem Kanzleramt übermittelt habe. Was drin steht, verrät er nicht. „Wir müssen aus dem Sommermodus raus“, sagte Mückstein, ich weiß jetzt nicht, an wen sich der Appell richtet, denn ich kenne haufenweise Menschen, die waren gar nie in diesem „Sommermodus“ drin, sondern hatten schon im Juni, spätestens im Juli sehr konkrete Vorstellungen davon, was im Herbst auf uns zukommen wird. Der Gesundheitsminister denkt inzwischen aber ohnehin schon weiter, an den Winter. Après Ski werde schwierig, prophezeit er. Mhm!

Der „sehr konkrete Plan“ liegt im Kanzleramt einmal auf der faulen Haut. Am Mittwoch um 8.30 Uhr bittet die Regierung dann wie im Frühjahr die Experten und den Landeshauptleuten zu sich. Da erfährt Mückstein dann, was von seinem „sehr konkreten Plan“ übriggeblieben ist, die Erfahrung zeigt „sehr konkret“ oft recht wenig. Zunächst hobeln die Fachleute daran herum, dann schremmen die Bundesländer etwas ab, zum Schluss kommt der Kanzler und baut sich aus den Restln sein eigenes Schaustück zurecht, indem er das Beste aus seinen beiden Welten außen andübelt.

Loch auf, Loch zu

Alle anderen Parteichefs hatten schon ein „Sommergespräch“, Sebastian Kurz absolviert jetzt gleich zwei innerhalb von 24 Stunden. Heute sitzt er im ORF Lou Lorenz-Dittlbacher gegenüber, ich glaube er wird sehr oft „Frau Lorenz-Dittlbacher“ zu Frau Lorenz-Dittlbacher sagen. Gestern war Sebastian Kurz bei „Servus TV“ zu Gast, Michael Fleischhacker befragte ihn mit zitronigem Gesicht. Die Sendung wurde in St. Marx aufgezeichnet, am früheren Rinderhof, heute ein Medienzentrum, werden jetzt zuweilen Wahrheiten geschlachtet.

Kurz kam fünf Minuten vor der Aufzeichnung, direkt von einer Firmung im Familienkreis in Niederösterreich, seiner zweiten Heimat, oder ersten, je nachdem. Ehe die Show losging, putzte er sich noch selber schnell die Schuhe. 100 Leute seien in der Kirche gewesen, erzählte er, auch das Wirtshaus sei danach voll gewesen. „Durch die Impfung leben wir absolut in der Normalität. Das Leben findet wieder statt, das ist gut so.“ Für das Virus in jedem Fall.

Mückstein wird es nicht leicht haben, den Kanzler von seinem „sehr konkreten Plan“ zu überzeugen. Mit großen Würfen rechne ich am Mittwoch nicht. Ein paar kleine Verschärfungen – das Wort wird tunlichst vermieden werden – in der Nachtgastro vielleicht, ein bisschen mehr Maske, sonst kommen wohl eher Appelle. Impfen lassen, aufpassen, schauen wir einmal. Österreich ist längst auf einen Weg eingeschwenkt, den auch die Israelis und die Briten beschreiten. Das Virus, von dem der Kanzler gestern sagte, dass wir es auch in zehn Jahren noch haben werden, soll durchrauschen durchs Land. Die Geimpften werden mehrheitlich geringe Probleme haben, die Ungeimpften sollen schauen, wo sie bleiben. Problem nur: In Israel und in Großbritannien ist die Zahl der Immunisierten um ein Vielfaches höher. Good luck!

Ich wünsche einen wunderbaren Start in die neue Woche und ins neue Schuljahr. Inzwischen hält mein linkes Schuhband übrigens felsenfest, ohne dass ich erahnen kann warum, dafür geht mein rechtes ständig auf. Dank Wolfgang Mückstein weiß ich aber jetzt, was ich zu tun habe. „Man wird in den sauren Apfel beißen müssen und mit den Taliban das Gespräch suchen“, sagte er der „Krone“. Meine persönlichen Talibans halten die Schuhe zusammen. Oder auch nicht. Wir müssen reden!

Fotos:
Sebastian Kurz: "Servus TV", Florian Wieser
Wolfgang Mückstein: Picturedesk, Tobias Steinmaurer
Ischgl: Picturedesk, Franz Neumayr

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