Das Virus und wir

Abrechnung mit einem Unbekannten. Achtung, nicht witzig!

Es gibt Tage, da vergeht einem der Humor. Nicht weil gestern Montag war und ich Montage nicht mag, was mehr an mir liegt als an den Montagen, die können genau genommen gar nichts dafür. Würde die Woche etwa mit einem Dienstag beginnen, würde ich den Dienstag nicht leiden können, der Montag wäre aus dem Schneider. Vielleicht sollte man die Wochentage rotieren, sonst hat immer einer das Nachsehen, das erscheint mir ungerecht. Wir wechseln ja auch zwischen der Sommer- und der Winterzeit hin und her, da fiele es nicht ins Gewicht, wenn einmal der Mittwoch der Montag wäre und in der Woche darauf der Samstag. Ich könne da jetzt noch ein paar Beispiele anhängen, aber ich glaube Sie verstehen worauf ich raus will.

Nein, an meiner üblen Laune ist einfach das Virus schuld, das unser Land angesteckt hat, aber noch ehe es uns so richtig und flächendeckend anstecken konnte, hat es uns infiziert mit Sorgen, mit Ängsten, es belastet uns, es drückt uns nieder. Wir spüren, dass irgendetwas näher rückt, was wir nicht kennen und von dem wir viel zu wenig wissen. Das Unbekannte erzeugt stets am meisten Furcht.

Die Zahl der Erkrankten steigt rapide an, besorgniserregend rapide, aber wenn man am Wochenende in Wien unterwegs war, dann war es die Stimmung, die vielen mehr in die Glieder gefahren schien als es Fieber jemals könnte. Wie eine Smogglocke liegt das über der Stadt und dem Land, die Menschen reden ehrfürchtig über Corona, einige witzeln natürlich auch, weil sie sich so leichter tun mit der Verarbeitung, aber das Leben ist merkbar langsamer geworden, getragener, in sich gekehrter. Jeder weiß: Das ist erst der Beginn.

Ich möchte eigentlich jetzt gar nicht so viel sagen über das Krisenmanagement der Regierung, das ich nicht so überragend finde wie viele. Wir haben die Angewohnheit entwickelt, Politiker in den Himmel zu heben, um sie dann recht schnell wieder von der Wolke zu holen, die wir ihnen kuschelig hergerichet haben, wir nehmen gar nicht mehr viel Notiz davon. Rudolf Anschober, der jetzt der Held für viele ist, weil er sich besonnen und ruhig zeigt, kann in ein paar Tagen oder in ein paar Wochen der Buhmann sein, dem man allerlei an den Kopf wirft, wofür man ihn derzeit hochlobt. Aus Besonnenheit wird dann Untätigkeit, aus Ruhe Lethargie, auch Umsicht fehlender klarer Blick. Schon oft erlebt, nicht nur die Grippe kehrt jedes Jahr wieder.

Ein paar Gedanken aber trotzdem dazu, wie wir mit der Krise derzeit umgehen. Ja, ich halte es nach wie vor für falsch, dass es keine(n) zentralen Krisenmanager(in) gibt, ich halte das nicht für einen Job, den ein Kanzler, ein Minister oder ein Konsortium aus beiden zu erledigen haben und das dann auch noch nebenbei. Dafür braucht man eine Person, die nicht im politischen Tagesgeschäft steht, die nicht all dem Hickhack ausgesetzt ist, sondern jemand, der krisenerprobt ist, bestenfalls Kompetenz im Gesundheitsbereich hat (und nicht für alles Experten fragen muss), eine Person, die breite Anerkennung genießt oder sich diese schnell erarbeitet und – vor allem – eine Person, die nichts anderes tut als Krise. Man muss der Corona-Bekämpfung ein Gesicht geben.

Nebenbei bemerkt, halte ich die Corona-Krise für ein gesamtösterreichisches Problem, nicht allein für eine Zuständigkeit der amtierenden Regierung. In solchen Situationen wäre ein nationaler Schulterschluss schön, die Einbindung aller konstruktiven Kräfte, also auch der Opposition, die an den Tisch gehört. Man wird auch ihre Kraft und Unterstützung nötig haben in den nächsten Wochen, vermute ich, es ist jetzt nicht die Zeit der Macho-Gesten und des Ego-Shootings. Dem Virus ist ziemlich egal wie wir zuletzt gewählt haben, es nimmt, was es kriegen kann.

Ja, ich wundere mich über vieles, schon seit Wochen. Warum hat man einer chinesischen Airline erlaubt, jede Woche Hunderte Touristen ins Land zu bringen? Warum hat man dem Iran gestattet, Wien weiter anzufliegen? Warum hat man diese lächerlichen Fiebertestes am Flughafen allein für Passagiere aus China gestartet, wo die doch Besucher auf viele andere Wege ins Land kommen konnten, ganz simpel, indem sie etwa in Deutschland zwischenlandeten? Warum starten die Grenzkontrollen erst heute? Norditalien ist seit Tagen „rote Zone“, wir warten ein Wochenende ab, um tätig zu werden. Das Virus ist viel schneller als wir, wir hecheln hinterher, nicht gut.

Warum durften in den letzten Tagen weiter Flieger aus Norditalien in Österreich landen und bei niemandem wurde Fieber gemessen, wenn man schon auf Symbolik setzt? Warum wurde man, wenn man nach Italien flog, dort kontrolliert, aber bei der Rückreise nicht? Weshalb waren bis gestern etwa weiter Flüge nach Venedig buchbar? Warum kann man ÖBB-Tickets nach Italien und retour kaufen, auch für die nächsten Tage, nur die Nachtzüge wurden eingestellt, nicht wegen der Virusgefahr, nein, weil die Italiener kein Personal mehr haben?

Warum sagt man Österreichern, sie sollen Norditalien verlassen, wenn doch Norditalien seit einigen Tagen Sperrgebiet ist, das man eben nicht mehr verlassen darf? Wie will man „punktuell“ italienische Autos kontrollieren? In Italien kann man frei wählen, ob man seine Region am Nummerntaferl angezeigt haben will oder nicht, viele entscheiden sich dagegen. Wie erkennen wir, wo die Insassen her sind, oder ist das jetzt ohnehin egal, weil ganz Italien Sperrzone ist? Das Virus war wieder einmal schneller. Warum checkt man nur an drei Grenzübergängen, in Thörl-Maglern, wo täglich Tausende Autos über die Grenze fahren, aber finden nicht einmal jeden Tag Kontrollen statt, sondern nur „mehrmals pro Woche“, von einer Person, das ist fast schon Slapstick.

Warum durften sogar noch in der vergangenen Woche Schulklassen nach Rom oder Venedig oder Mailand fahren? Warum sind nicht schon längst alle Schulveranstaltungen und Schulreisen, auch in Österreich, abgesagt? Warum werden nach wie vor Skikurse veranstaltet? Man karrt Kinder in Skigebiete, vielleicht um gröberen, wirtschaftlichen Schaden in den Feriengebieten hintan zu halten, aber wenn die Kleinen dann heimkommen, dann sind sie weniger eine Gefahr für sich, sondern für Oma und Opa, bei den Alten ist Covid-19 nämlich gnadenlos.

Die Ärztinnen und die Ärzte in den Spitälern und außerhalb, das gesamte medizinische Personal, die Pfleger und die Krankenschwester, das Rote Kreuz und die anderen Rettungsdienste, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergessen, leisten großartige Arbeit, sie sind die eigentlichen Helden dieser Zeit und auf sie wird noch viel Arbeit zukommen. Aber warum werden Menschen in Quarantäne gesteckt und der Partner, der im selben Haushalt lebt, kann sich frei bewegen?

Ich könnte noch viele Fragen anhängen, aber es nutzt ja nichts, in die Vergangenheit zu schauen. Die Informationen, die aus Norditalien kommen, sind besorgniserregend, die Epidemie wird jetzt sehr schnell eine Pandemie sein und wir werden nicht mit symbolischen Akten wie Fiebermessen an ein paar Autokarosserien Herr oder Frau dieser Situation werden, es wird wohl radikaler gedacht werden müssen.

Ich war bis zu seinem Tod mit Christiaan Barnard gut bekannt, ich habe sein letztes Buch geschrieben. Am 3. Dezember 1967 hatte Barnard im Groote Schuur Hospital in Kapstadt (Südafrika) die erste Herztransplantation der Geschichte durchgeführt, der Patient überlebte nur 18 Tage, aber es war ein medizinischer Meilenstein. Wann immer ich mit Barnard debattierte und er merkte, dass ich begann, Fakten nicht klar zu benennen, sagte er zu mir: „Face reality, Christian, stell Dich der Realität!“ Er hat mir einmal erklärt, warum er sich selber dazu erzogen hatte. Wenn Menschen um den heißen Brei herumreden, dann nervt das vielleicht. Wenn ein Arzt um den heißen Brei herumredet, stirbt ein Patient. Jeder macht Fehler, der einzige wirkliche Fehler ist es, Fehler nicht schonungslos zu benennen, denn nur so verhindert man ihre Wiederholung.

Wir werden uns in den nächsten Wochen auf einiges einstellen müssen. Natürlich werden auch bei uns alle Veranstaltungen aber einer gewissen Größe, etwa ab 1.000 Personen wie in der Schweiz, bald untersagt werden. Die Uni Innsbruck stellt ab heute auf Fernlehre um, es gibt bis auf weiteres keine Lehrveranstaltungen in Hörsälen mehr, alle Unis werden folgen. Natürlich werden auch alle Schulen schließen, warum sollte das bei uns anders sein als in Italien? Das öffentliche Leben wird weitgehend zum Erliegen kommen.

Aber das Virus wird sich noch mehr von unserem Leben greifen, es werden nicht mehr nur Nadelstiche sein. Wie eine Welle wird das kommen und vielleicht werden wir bald sagen müssen, okay Virus, du hast gewonnen, mach uns nass, aber bitte spül uns nicht fort. Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt wie ich befürchte, aber ich bin da eher pessimistisch, oder sagen wir realistisch. Let's face it!

Achten Sie auf sich, das Leben ist nicht immer wunderbar.

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