Ein Erdbeben und erschütterte Migranten

Wie ich nach Bosnien reiste und auf der Intensivstation landete.

Strand, Sommer, Sonne, Meer. Ich war in den vergangenen Tagen im Urlaub - geistig zumindest. Die Fotos auf meinem Smartphone führten mich zu Festivals in Barcelona und auf Geburtstagsfeiern in Kroatien. Ich trank Cocktails am Strand von Zypern und aß die beste Pasta meines Lebens in Italien. Am Dienstag landete ich dann durch ein Erdbeben in Bosnien. Wie einige von Ihnen vielleicht mitbekommen haben, bebte in der Nacht auf Dienstag, genauer gesagt eine Stunde nach Mitternacht, die Erde im Raum Neunkirchen. Dabei wurden auch einige Wiener:innen aus dem Bett geschüttelt. Ich war keine davon. Nicht weil ich im Grunde genommen keine Wienerin bin, sondern weil ich das Erdbeben verschlafen hatten. Dennoch berichtete ich meiner Mutter während unseres täglichen Telefonats von der Erschütterung. Das Gespräch sorgte für ein Nachbeben, welches sogar am Balkan zu spüren war. Keine Stunde nach dem Telefonat mit Mama bimmelte mein Handy. Ich hatte eine Nachricht von meinem Onkel aus Bosnien bekommen. Besorgt schrieb er mir, er hätte vom Erdbeben gehört und wollte wissen, ob es mir gut geht. Ich erklärte ihm, ich hätte es eh verschlafen und das alles ok sei. Er antwortete: „Ok, pass trotzdem auf dich auf. Es kann ja ein Nachbeben kommen.“ Ganz nach unserem Familien-Motto: Schlimmer geht’s immer.

Der kurze Austausch mit meinem Onkel bewegte mich dazu, während ich meine vegetarische Lasagne zubereitete, Musik von Dragana Mirkovic (meine Lieblingssängerin als Kind), Halid Bešlić, Senidah, Djogani, Maya Berović und Lepa Brena durch die Wohnung dröhnen zu lassen. Ein Balkan-Beben quasi. Nichts Ungewöhnliches für den 16. Wiener Bezirk. Durch die Lieder machte ich mich auf die Reise in ein Land, das ich seit bald zwei Jahren nicht mehr besucht habe. Dieselbe Musik dröhnte das letzte Mal im August 2019 aus den Autolautsprechern, während meine Schwester und ich Richtung Bosnien unterwegs waren und lauthals mit Dragana mitsangen. Am Dienstag aber legte ich in meiner Küche eine Solonummer hin. An dieser Stelle ein Danke an meine Nachbar:innen, die sich nicht beschwert, oder gar die Polizei gerufen haben. Während ich die Lasagne in den Ofen schob, schossen mir plötzlich Tränen in die Augen. Die musikalische Balkan-Überdosis hatte bei mir ein emotionales Erdbeben ausgelöst. Schon lange hatte ich Bosnien nicht so sehr vermisst, wie an diesem Dienstag. Jeder Song sorgte für Gänsehaut und traf mitten ins Herz.

Balkan-Überdosis

Mein nostalgischer Abstecher wurde aber durch einen Blick in die sozialen Medien schlagartig unterbrochen. „Ich koche echt schon vor Wut. Meine Eltern reißen sich den Arsch in diesem Land auf. Halten sich an jedes verdammte Gesetz, so dass sich jeder Bürger dieses Landes ein Beispiel an ihnen nehmen könnte. Am Ende des Tages sind sie trotzdem Ausländer, Migranten und Sündenbock“, schrieb die Srebrenica-Überlebende Selma Jahić auf Twitter. Was war passiert? Auf Twitter & Co. kursierten Gerüchte, wonach die Hälfte aller Intensivbetten mit Migrant:innen belegt sei. Auslöser für die Behauptungen war ein Posting des FPÖ-Politikers Gottfried Waldhäusel. Auf seiner Facebook-Seite schrieb dieser: Mehr als 50 Prozent der Covid-19-Intensivbetten sind aktuell mit Migranten belegt. Das sagen Gesundheitsexperten und Ärzte aus Deutschland und Österreich. Allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Zu groß ist die Angst vor Rassismusvorwürfen.“ Das Internet explodierte. Waldhäusels Beitrag wurde knapp 2.000-mal geteilt, die Kommentare überschlugen sich. Ein Faktencheck der APA zeigte jedoch: Die Aussagen des FPÖ-Mannes stimmen so nicht. Wie ein Pressesprecher der Gesund Österreich (GÖG) der APA auf Anfrage mitteilte, wurden von 1. Jänner 2020 bis 28. Februar 2021 insgesamt 5.790 Menschen aufgrund von Covid-19 intensivpflichtig. Davon seien 88,3 Prozent österreichische Staatsbürger gewesen. 8,5 Prozent stammten aus Drittstaaten und 3,2 Prozent aus weiteren EU-Staaten. Zusammengerechnet 11,7 Prozent der Menschen, die bis Ende Februar intensivpflichtig wurden, hatten also nicht die österreichische Staatsbürgerschaft.

Die Debatte um die Intensivbetten versetzte mich in den Sommer 2020 zurück. Damals hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz in einer Pressekonferenz erklärt: „Wir hatten im Sommer sehr sehr niedrige Ansteckungszahlen nach dem Lockdown und haben dann durch Reiserückkehrer, und insbesondere auch durch Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben, uns Ansteckungen wieder ins Land hereingeschleppt.“ Diese Aussage brachte viele Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zum Beben. Nun, Monate später, versucht man überlastete Intensivstationen auf Migrant:innen zu schieben. Warum eigentlich? Sollte es nicht egal sein, ob ein Mustafa oder ein Max am Sauerstoff-Gerät hängt? Das Virus interessiert der Migrationshintergrund nicht. Und selbst wenn mehr Migrant:innen auf den Intensivstationen liegen würden – sollte man nicht nachfragen, warum das so ist und wie man das verhindern kann? Spoiler: Ja, sollte man. Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der Wirtschaftsuniversität Wien stellte mit Hinweis auf eine OECD-Studie fest, dass Migrant:innen überdurchschnittlich stark von Covid-19 betroffen seien. In einigen Ländern hätten sie ein etwa doppelt so hohes Infektionsrisiko. Die Gründe dafür: beengte Wohnverhältnisse, Sprachbarrieren, Vorerkrankungen. Weiters haben Migrant:innen weniger Möglichkeiten fürs Homeoffice, da sie verstärkt in Berufen wie Pflege oder Einzelhandel arbeiten. Erinnern Sie sich? Vor einem Jahr hat man diese Pfleger:innen und Verkäufer:innen noch beklatscht. Statt ihnen mit fairen Gehältern zu danken, schiebt man ihnen nun die Schuld an überfüllten Intensivstationen zu.

Kochen mit Krämpfen

Wenn ich meiner Mutter von diesen Debatten erzähle, sagt sie nur „typisch.“ In ihren Augen wird sie sowieso nie eine echte Österreicherin sein, nie richtig dazugehören. Sie hat sich damit abgefunden. Den Eltern meiner Bekannten geht es ähnlich. Sie wollen nicht auffallen und schweigen lieber über die Schlagzeilen hinweg, auch wenn sie durch diese verletzt werden. Die Kinder dieser Eltern sind dafür aber umso lauter. In meinem Umfeld bemerke ich, wie immer mehr Menschen mit und ohne Migrationshintergrund das „Ausländer-Bashing“ nicht mehr hinnehmen. Sie trauen sich aufzustehen und kontra zu geben. Apropos aufstehen. Gestern wies der Nationalratsabgeordnete Laurenz Pöttinger (ÖVP) die Forderung der FPÖ nach mehr Intensivbetten zurück. Ob die FPÖ die Betten für Migrant:innen forderte wurde leider nicht kommuniziert. Pöttinger jedenfalls erklärte, dass mehr Intensivbetten „eine Erhöhung der Toten“ bedeuten würde. Nachdem der Politiker seine Aussage sacken ließ, ruderte er zurück und schob nach, man hätte ihn falsch verstanden. Natürlich seien die Intensivbetten wichtig, aber Prävention wäre laut Pöttinger wichtiger. Bei der bundesweiten Auslastung der Intensivstationen sagen Expert:innen bis 5. Mai einen minimalen Rückgang von 28 auf 25 Prozent voraus. In absoluten Zahlen sollen in exakt einer Woche noch rund 497 Intensivbetten mit Corona-Patient:innen belegt sein. Aktuell werden 557 schwer kranke Patient:innen intensivmedizinisch behandelt. Österreich beklagt mittlerweile über 10.000 Covid-Tote seit Pandemiebeginn. Ja, Hände waschen, Masken tragen und Abstand halten sollten mittlerweile zu unserer Routine gehören. Ausreichend Intensivbetten, sowie mehr und besser bezahltes Personal wären aber auch nicht schlecht.

Bevor ich Ihnen ein schönes und sonniges Wochenende wünsche, möchte ich kurz auf meine letzte Kolumne zurückblicken. Ich hatte mir ein paar Gedanken zu Instagram-Filtern und den Periodenhandschuh der Firma „pinky gloves“ gemacht. Nach einem massiven Shitstorm haben sich die beiden Unternehmer dazu entschlossen, den pinken Handschuh vom Markt zu nehmen. „Wir entschuldigen uns bei allen, deren Gefühle und Emotionen verletzt wurden,“ erklärten sie in einem Instagram-Posting und baten Kritiker:innen damit aufzuhören „unsere Familien und Unterstützer:innen anzugreifen und zu bedrohen.“ Dem muss ich zustimmen. Anstatt sich weiterhin auf die zwei Unternehmer einzuschießen, sollte man Systemkritik üben. Denn es gibt noch genug Firmen, die mit Produkten, die Frau nicht braucht, massiv Geld verdienen. Seien es Menstruationsprodukte, Gesichtscremes, Bodylotions, Duschgels, Haarshampoos, Haarsprays, Rasierer, Rasierschaum, Waxstreifen, Faltencremes, Gesichtsmasken, Entgiftungskuren, Haarkuren, Gesichtskuren, Nagelkuren – nur eine kleine Auswahl. So, jetzt wünsche ich aber wirklich ein schönes Wochenende. Heute um 13 Uhr will der Kanzler in einer Pressekonferenz die geplanten Öffnungsschritte verkünden. Man darf gespannt sein. Ich gebe Ihnen noch etwas zum Schmunzeln mit. Der TikToker Darius Covington hat sich einen Perioden-Simulator geholt, um zu testen, wie sich Menstruationsschmerzen anfühlen. Das Video hat über acht Millionen Aufrufe. Reinschauen lohnt sich.

Fotocredits:

Bosnien-Besuch 2019, Ausflug nach Jajce, privat

Screenshot TikTok Darius Convington