Ein Leben am Limit

„A Schupferl, a Gaberl, a Scheiberl, a Goal“: Warum Österreich mit seinem Verkehr verkehrt verkehrt.

Ich traf ihn Anfang 1995, er wartete auf mich in einem Kaffeehaus beim Kölner Dom, ich kam eine halbe Stunde zu spät, Stau, er lächelte meine Entschuldigung weg. Wir gingen zum WDR, dem Westdeutschen Rundfunk, ein hässlicher Betonblock, innen wie außen, er lag ganz in der Nähe. Der Schlaks moderierte zu dieser Zeit im deutschen Fernsehen eine weitgehend spaßbefreite Gameshow namens „Pssst…“, an diesem Nachmittag waren mehrere Folgen am Stück aufzunehmen, eine Qual für alle. Er war mir aufgefallen, weil er ein loses Mundwerk hatte, ungemein schlagfertig war, in Österreich kannte ihn kaum jemand, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits eine große Samstagabendshow grinsend in den Sand gesetzt hatte.

Er war die Lässigkeit in Person. Während andere bei Aufzeichnungen alle mit ihren Allüren nerven, vom Regisseur bis zur Maskenbildnerin, zog er sich in seine Garderobe zurück. Ich klopfte, bevor ich eintrat, er lag der Länge nach auf einer Sitzgarnitur, im Fernseher lief „ran“, damals Kult unter Fußballfans. „Warum“, fragte ich ihn später, „machen Sie eigentlich keine Talkshow?“ Die Antwort kam, kaum dass ich zu Ende gesprochen hatte. „Weil mich die Antworten der Leute einfach nicht interessieren“.

Nur ein paar Monate später hatte Harald Schmidt glücklicherweise umgedacht. Seine Late-Night-Show auf Sat.1 sorgte acht Jahre lang für große Fernsehmomente, mir blieb der Satz bis heute in Erinnerung. „Weil mich die Antworten der Leute einfach nicht interessieren“.  Ich bekenne, dass ich selbst seit jeher sehr selten Interviews lese. Die meisten Antworten kann ich mir selber geben, nichts überrascht, fast alle Gesprächspartner wollen eine bestimmte Botschaft vermitteln, irgendwas verkaufen oder loswerden. Ich fände es kurzweiliger, sie würden eine Mail schreiben, eine WhatsApp schicken oder irgendwas Lustiges auf TikTok machen, es käme aufs selbe raus und würde viel Zeit sparen, beiden.

"Interessiert mich nicht"

An das Gespräch mit Harald Schmidt musste ich denken, als ich am vergangenen Wochenende auf ein Interview mit Hubert Burda stieß. Es ist auf so vielen Ebenen anders als alles, was ich gewohnt bin und wenn Sie eine Viertelstunde erübrigen können, dann empfehle ich Ihnen es ebenfalls zu lesen, es ist geschenkte Zeit. Das Gespräch aus dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ist eigentlich fünf Jahre alt, aber es wurde quasi neu aufgelegt, im Internet sagt man jetzt wohl anders dazu, jedenfalls ist es nun wieder auffindbar, weil der Chef des Burda-Verlages am vergangenen Sonntag 80 Jahre alt wurde.

Hubert Burda geht nach wie vor jeden Tag ins Büro, was etwas kokett klingt, so nach mittelständischem Betrieb, tatsächlich hat der Verlag („Focus“, „Bunte“) 12.000 Mitarbeiter, macht 2,7 Milliarden Euro Umsatz, er ist seit 33 Jahren der Chef, verheiratet mit „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler, spricht jeden Morgen bis zu 20 Minuten in ein Diktaphon, was, das soll erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Zu erzählen hat Burda genug. Er hat jeden Fehler gemacht, den man in der Branche machen kann, er weiß es und steht dazu.

Das Interview beginnt deshalb auch weniger mit einer Frage als mit ein paar Feststellungen und zwar so: „Herr Burda, die Ehe Ihrer Eltern hätte eine 1-a-Geschichte für die Bunte abgegeben. Ihr Vater Franz, einer der Titanen des deutschen Wirtschaftswunders, hatte von seiner zehn Jahre jüngeren Sekretärin ein Kind, das neun Monate nach Ihnen geboren wurde. Seine Geliebte machte er zur Chefredakteurin der Zeitschrift Effi Moden, die er für sie gekauft hatte. Seine Ehefrau Aenne feuerte die Nebenbuhlerin mit dem Satz, ,ich lass mich nie und nimmer scheiden!‘, übernahm das Heft selbst und baute daraus das weltumspannende Imperium Burda Moden. Um ihre Revanche zu würzen, nahm sie sich auf Sizilien einen Liebhaber mit dem klangvollen Namen Giovanni Panarello, mit dem sie fortan in ihrer Villa in Taormina die Ferien verbrachte. Nachdem sie ihren Italo-Lover bei ihrem Geburtstagsfest öffentlich vorgeführt hatte, rächte sich ihr Ehemann mit noch wilderen Affären. Mittendrin in diesem Tollhaus: Sie.“

Burda hätte jetzt den Interviewer ohrfeigen (wobei, er ist nur 1,70 Meter groß), das Interview abbrechen, alles dementieren können, aber er reagierte so: „Mein Vater hat sich nicht gerächt. Ihm war der Liebhaber sehr willkommen. Er wusste genau, dass er die Mutter mit seinem unehelichen Kind in einem Maße desavouiert hatte, dass ihr Affären vollkommen zustanden“. Es sind nicht die einzigen Sätze, die staunen machen.

"Liebschaften gehörten für ihn zur guten Laune"

Harald Schmidt schippert heute mit dem „Traumschiff“ um die Welt, er spielt als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle in der TV-Serie eine seltsame Rolle, in seiner Late-Night -Show hätte er sich über sich selber köstlich amüsiert. Schmidt ist ein großer Freund Österreichs, wir sind einfach die unterhaltsamsten Europäer, das muss man einfach auch einmal anerkennen. Ein Mann mit Humor schätzt das, ein Land wie wir führt dem Spaßabhängigen stetig neuen Stoff zu. Deshalb hätte Schmidt auch seine helle Freude daran, wenn er in Erfahrung brächte, wie Österreich etwa mit seinen Verkehrssündern umgeht. Ich sage einmal so: Die neue, grüne Klimaministerin Leornore Gewessler wird da noch eine steile Lernkurve haben.

Es ist nämlich so: Es gibt Tempolimits, aber auch wieder nicht. An diese Tempolimits muss man sich nämlich nicht genau halten, es gibt Messtoleranzen, die der Staat vorgibt, die schlägt man seiner Fahrgeschwindigkeit einfach zu. Weil wir aber, oh ja, neun Bundesländer haben, legen ebendiese Bundesländer noch einmal eigene Toleranzen auf die Toleranzen drauf, es ist wie beim Gulasch, das man mehrmals nachwürzt. Wie viel jeweils dazukommt, ist geheim, nicht einmal die Autofahrerklubs wissen das, aber das macht das Leben eben so einzigartig in diesem Land, diese präzise Schlamperei, dieses ungefähr Genaue, einfach liebenswert. Das Fußball-Wunderteam würdigte vor fast schon 100 Jahren dieses typisch Österreichische mit einem eigenen Spielstil: „A Schupferl, a Gaberl, a Scheiberl, a Goal“.

Am 1. März stoppt Gewessler Tempo 140 auf Autobahnen. Das kann sie. Bisher gab es zwei Teststrecken, eine in Niederösterreich zwischen Melk und Oed, eine in Oberösterreich zwischen Haid und Sattledt. Die Aufregung ist groß, denn es geht um wertvolle Lebenszeit. Wer die 44 Kilometer in Niederösterreich durchgehend zehn Kilometer pro Stunde schneller fahren darf, spart angeblich 88 Sekunden. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen.

Wir Österreicher fahren aber bei Tempolimit 130 natürlich nicht 130 km/h und deshalb fahren wir bei Tempolimit 140 selbsredend auch nicht 140 km/h, sondern schneller. Ich kenne Menschen, die stellen bei einer erlaubten Geschwindigkeit von 130 km/h den Tempomaten auf 145 km/h (dann zahlen sie nichts, oder doch), und Menschen, die lassen den Tempowarner bei 170 km/h piepsen (darüber ist der Führerschein weg, oder nicht). Zu rasant fahren, kann also Geld kosten, oder gratis sein, das hängt von irgendetwas ab, das geheim ist. Sie erinnern sich – Ländersache. In Oberösterreich also wurde man auf der Teststrecke erst gestraft, wenn man schnell als 160 km/h fuhr, in Niederösterreich reichten auf der lokalen Teststrecke schon 155 km/h. „A Schupferl, a Gaberl, a Scheiberl, a Goal“.

Null Toleranz

Wie komplex diese Straferei sein kann, sei an einem Beispiel demonstriert. Sie fahren in einer 100 km/h-Zone sagen wir einmal 125 km/h. Wegen der amtlichen Messtoleranz ("Mess- und Eichgesetz") werden von diesen 125 km/h einmal 5 Prozent abgezogen, also 6,25 km/h. Also nicht genau 6,25 km/h, sondern 7 km/h, es wird nämlich gesetzlich aufgerundet. „A Schupferl…,. Also müssten Sie jetzt für 118 km/h Strafe zahlen. Müssten sie, müssen sie aber nicht. Denn von den 118 km/h ziehen die Bundesländer nun zusätzlich ihre eigenen Toleranzwerte ab, jeder für sich, keiner gleich, alles geheim.

Die neue Klimaministerin will das ändern, sie möchte die Toleranzgrenzen reduzieren, vielleicht sogar auf null stellen. Im Regierungsprogramm steht auf Seite 131: „Hinwirkung auf die Beendigung des Spielraums im Hinblick auf technisch unnötige Toleranzgrenzen bei Geschwindigkeitskontrollen“. Dieses „Hinwirken“ hat nur einen Haken: Zuständig sind dafür die neun Verkehrsreferenten der Bundesländer. Die Ministerin kann ihnen weder etwas verordnen noch ihnen eine Weisung erteilen. Sie kann bitten, nicht mehr, zweimal im Jahr, sooft treffen sich die Verkehrsreferenten.

Ich höre Harald Schmidt bis hierher lachen, von Bord der „Amadea“. Das Schiff soll derzeit vor den Seychellen liegen.

Haben Sie einen unlimitiert wunderbaren Mittwoch.

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