Filter für die Figur und Handschuhe für die Periode

oder: Sachen, die die Welt nicht braucht

In Österreich wird es wirklich nicht langweilig. Seit meiner letzten „amradar“-Kolumne hat der Gesundheitsminister seinen Rücktritt bekanntgegeben, es kam zu Lieferproblemen bei manchen Impfstoffen, andere wurden dafür vorgezogen. Der Lockdown wurde verlängert, außer im Burgenland, und Männer haben ein Produkt erfunden, mit dem sie Frauen bei ihrer Menstruation helfen wollen. Wobei der letzte Punkt geht an Deutschland. Dort haben die beiden „Frauenversteher“ Eugen und André in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ einen geruchsneutralen Einweghandschuh entwickelt, mit dem Frauen Tampons und Binden entsorgen können. Wie die Herren auf die Idee kamen? Sie selbst hätten mit Frauen in einer WG zusammengelebt und der Blick in den Mülleimer sei ihnen da nicht erspart geblieben. Für die beiden muss das sehr traumatisch gewesen sein.

Um die erlebten WG-Szenen, die, wenn man den Männern zuhört, aus „Shining“ stammen könnten, zu verarbeiten, haben die beiden Jungunternehmer also beschlossen, Frauen vor ihrer eigenen Menstruation zu retten. Ihr "fortschrittliches" Produkt haben sie in einem schrillen Pink gehalten. Verständlich, denn nichts spricht die Frauenwelt mehr an, als die Farbe Pink. In der Sendung bekamen die Männer für ihre „pinky gloves“ ein Investment in Höhe von 30.000 Euro zugesprochen. Die „Erfinder“ hatten wohl mit Jubel und Beifall gerechnet, das Internet sah aber Rot. Zurecht. Denn mit dem Produkt wird suggeriert, die Periode sei ekelhaft, man müsste sich dafür schämen und sollte damit nur mit einem Handschuh in Berührung kommen. Laut den Herren soll der Handschuh auch in die Handtasche passen, um die Entsorgung von Hygieneartikeln unterwegs zu erleichtern – quasi ein „Sackerl fürs Gackerl“ für die Damenwelt. Mir stellt sich da die Frage: Was glauben die beiden, wie Frauen das bisher gelöst haben? Spoiler: Wegen ein bisschen Blut im Monat bleibt für uns die Welt nicht stehen. Nur weil wir unsere Periode haben, verzichten wir nicht auf Clubs, Festivals, Bars oder sonstige Aktivitäten. Und wenn, dann nicht, weil wir keinen Handschuh bei der Hand haben, sondern weil uns Unterleibsschmerzen auf die Couch zwingen.

Das Internet sieht ROT

Anstatt unnötige und umweltschädliche Artikel, die es bereits gibt, zu erfinden, sollten sich Männer wie Eugen und André lieber dafür einsetzen, dass Menstruationsprodukte kostenlos und frei zugänglich werden. Das wäre doch mal eine Idee. Ich verlange dafür auch keine 30.000 Euro, versprochen. Mit katastrophalen Kreationen wie den „pinky gloves“ werden besonders junge Frauen verunsichert, die in der Pubertät mit der Veränderung des eigenen Körpers ohnehin genug zu tun haben. Nach der Kritik erklärten die Handschuh-Herren in einem Statement, dass sie „noch viel lernen müssen und einige Blindspots haben.“ Da kann ich ihnen nur Recht geben.

Wenn wir schon beim Dazulernen sind. Vor Kurzem machte ein Foto von Khloé Kardashian Schlagzeilen. Wenn Sie jetzt nicht wissen, wer Khloé Kardashian ist, dann macht das auch nichts. Ich stelle sie Ihnen kurz vor. Khloé Kardashian wurde mit der Reality-Show „Keeping Up with the Kardashians“ berühmt. Sie ist die Schwester von Kim Kardashian. Kim Kardashian ist mit dem Rapper Kanye West verheiratet, der sich seit Jahren im Dauerstreit mit Sängerin Taylor Swift befindet und US-Präsident werden wollte. Angeblich sollen sich Kim und Kanye vor Monaten getrennt haben und Kim, die gerade die Ausbildung zur Anwältin macht, soll die Scheidung eingereicht haben. Was die Royals für England sind, sind die Kardashians für die USA. Mittlerweile gibt es 19 Staffeln der Reality-Show. Nach Staffel 20 soll Schluss sein. Vielleicht übernehmen danach Harry und Meghan, die mit Los Angeles ihr neues Königreich gefunden haben. Falls Sie noch immer keinen Durchblick haben – Google hilft gerne weiter. Jetzt aber zurück zu Khloé Kardashian.

Vor Kurzem landete ein unretouchiertes Bild der 36-Jährigen auf ihrem Instagram-Account. Auf dem Foto trägt Khloé einen Bikini, lächelt, sieht toll aus. Geknipst hatte die Aufnahme Khloés eigene Großmutter. Das Internet feierte Kardashian für ihre Natürlichkeit, diese mobilisierte aber sofort eine Armee an Anwält:innen, um das Bild aus dem Netz verschwinden zu lassen. Was folgte war ein ungefilterter Shitstorm. Anstatt ihren 137 Millionen Instagram-Followern zu zeigen, dass man auf seinen Körper nicht ständig einen Filter klatschen muss, erklärte Kardashian in einem Statement, das Bild sei in ihren Augen nicht „schmeichelhaft“ gewesen. Sie habe das Gefühl, "perfekt" sein zu müssen und es wäre „fast unerträglich“ die Standards, die ihr die Gesellschaft auferlegt hat, zu erfüllen. Und genau hier liegt das Problem. Kardashian wurde jahrelang als die „hässliche Schwester“ abgestempelt, nun prägt sie mit ihrem Aussehen eine ganze Generation von jungen Frauen. Perfekte Brüste, winzige Taille, volle Lippen, großer Hintern dazu noch ein paar Filter und etwas Photoshop und fertig sind die Standards, die Stars wie die Kardashians jungen Frauen vorleben. Die Folge: ein völlig verzerrtes Körperbild, Depressionen, Essstörungen.

Unretouchierter Skandal

Besonders Kinder und Jugendliche trifft die Pandemie hart. Sie kämpfen derzeit mit Social Distancing, Homeschooling und einer ungewissen Zukunft. Die stationäre Aufnahme der Kinder- und Jugendpsychatrie des Wiener AKHs platzt deshalb aus allen Nähten. Neben den beiden großen Pandemie-Symptomgruppen Angst und Depression haben laut dem Kinder- und Jugendpsychiater Paul Plener vor allem Essestörungen zugenommen. Eine große Überraschung? Nicht wirklich. Ich höre aus meinem Umfeld Geschichten, wo sich 13-Jährige bereits durch Diäten quälen, oder von Schönheitseingriffen träumen, um so wie ihre Vorbilder auszusehen. Mein Glück, dass ich mit 13 Jahren kein iPhone, sondern ein Nokia 3310 hatte. Ich hatte nicht die Möglichkeit mich jeden Tag durch Instagram & Co. zu scrollen, um dort mit „perfekt“ bearbeiteten Körpern von Stars und Influencer:innen geflutet zu werden. Das war auch gar nicht nötig. Ich habe mich auch ohne Smartphone oft schlecht gefühlt und war unsicher, was meinen Körper angeht. Auch heute noch. Doch zumindest ist mir klar, dass Bikini-Fotos von den „perfekten“ Körpern nicht der Wirklichkeit entsprechen und "body goals" kompletter Blödsinn sind. Eine 13-Jährige versteht das heutzutage vielleicht noch nicht. Deshalb wäre es enorm wichtig, dass sich Promis wie Khloé Kardashian auch ungefiltert zeigen. Es sollte ihnen wichtiger sein die Psyche von jungen Leuten zu retten, anstatt rund um die Uhr auf ihr inszeniertes Image zu achten.

Laut einem kürzlich veröffentlichen UNO-Bericht wird Millionen Frauen weltweit die freie Entscheidung über ihren eigenen Körper verwehrt. Sie dürfen nicht selbstständig über ihre Gesundheitsversorgung, Familienplanung und ihr Sexualleben entscheiden. „Im Kern sind damit Hunderte Millionen von Frauen und Mädchen nicht die Besitzerinnen ihrer eigenen Körper. Ihre Leben werden von anderen Menschen beherrscht. Die Tatsache, dass fast die Hälfte der Frauen immer noch nicht selbst entscheiden kann, ob sie Sex haben, verhüten oder medizinische Versorgung in Anspruch nehmen will oder nicht, muss uns alle empören", erklärte UNFPA-Exekutivdirektorin Natalia Kanem. Anstatt also nutzlose Produkte zu erfinden und Frauen ein komplett irrsinniges Körperbild einzupflanzen, könnte man auch Folgendes tun: Sich für körperliche Selbstbestimmung und für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit einsetzen. Den weiblichen Körper und die Menstruation enttabuisieren. Auf sexistische Kommentare verzichten. Frauen vor Gewalt schützen.

Ich wünsche ein schönes Wochenende und rate Ihnen, sich von pinken Handschuhen fernzuhalten. Ich bin gespannt, was sich bis zur nächsten Kolumne so tut. Vielleicht schafft es jemand Menstruationsblut in Wein umzuwandeln…

Credits: Picturedesk, iStock, TVNOW / Bernd-Michael Maurer