Frittösterreich

Bürger und Burger, Ameisenbären und ein Mail von Werner Kogler.

Die wichtigste Frage des Tages habe ich für sie vorab klären können, nichts zu danken. Muss man eigentlich ein Auto haben, um zu einem McDrive fahren zu dürfen, oder kann man, sagen wir einmal, auch hinreiten? Bevor ich mich der Lösung des Rätsels auf seriöse Weise nähere, darf ich anfügen: Das mit dem Pferd wäre gestern nicht ratsam gewesen, eventuell hätte jemand Reiter oder Reiterin recht unsanft vom hohen Ross geholt. Die meisten Österreicher sehen nämlich nur harmlos aus, haben es aber faustdick hinter den Ohren, manche von uns haben es auch faustdick hinter dem Unterleiberl, vor allem seit wir im Corona-Gefängnis einsitzen, den Kühlschrank immer vor der Nase.

Fünf Wochen dauert unsere Haft schon, oder sind es bereits sechs? Dazwischen gab es irgendein Fest, Ostern vielleicht oder war es doch Weihnachten? Eventuell haben wir das mit der Ausgangssperre auch falsch verstanden, oder haben zu ernst genommen, was uns der Kanzler gesagt hat. Viele in diesem Land nehmen den Kanzler zurzeit sehr ernst, ob zurecht wird erst die Geschichte zeigen, die Umfragen sind da ein zu zwielichtiger Kumpan. Sebastian Kurz nannte vier Gründe, warum man vor die eigene Wohnungstür gehen darf, nicht drei und nicht fünf, die Regierung war in letzter Zeit recht streng mit uns, zurecht natürlich, wir sind ja doch ein wilder Haufen Hippies. Wir durften folglich raus, um einzukaufen, um jemanden zu pflegen, um Sport zu machen oder arbeiten zu gehen, wegen der vier großen M also: Markt, Mutti, Mucki, Mörtel.

Wenn keiner passte, dann hat man halt Pech gehabt, dann blieb man drin. Die ganzen fünf oder sechs Wochen lang, auch rund um Weihnachten. Der Kanzler wird schon wissen, was er sagt. Und wenn nicht, wer soll das beweisen? Die Opposition? Ich weiß, sie haben es gern lustig.

Warenausgabe

Jedenfalls gestern war es soweit, plötzlich hatten alle einen neuen triftigen Grund um rauszugehen, denn gestern sperrte McDonald’s auf. Also eigentlich sperrte er nicht auf, sondern er öffnete eine Luke, ein Fenster zum Hof wie die Cineasten vielleicht eher sagen würden, und über dieses Fenster zum Hof wurde Essen gereicht. Sackweise.

Die Österreicher, gut genährt, aber trotzdem hungrig und durstig nach Wochen im verschärften Arrest, stürmten das Food aber so was von Fast, dass man direkt Angst bekommen konnte selber nichts mehr zu kriegen, auch wenn man gar nichts wollte. Nach Engpässen bei Klopapier und Germ droht nun der Burgernotstand, es geht immer noch eine Stufe absurder in diesem Land. Überall gab es lange Staus vor der Essensausgabe, sogar der Verkehrsdienst im Radio warnte, manche Blechkolonne war bis zu einem Kilometer lang. Eine Stunde und mehr benötigte man in vielen Filialen, man wartete sich zum Laberl, ehe man eines in die Hände gedrückt bekam, wobei gedrückt ein guter Begriff ist, denn das passt zur Ware. Weil Zeit etwas ist, das derzeit nichts kostet, blieben die meisten geduldig, es wurde matt gehupt, wenn sich wieder jemand nach vorne schwindelte. Ein paar Mal kam die Polizei. Aber so ist das halt bei Mittagessen in Österreich.

Mit dem Fahrrad, einem Schlauchboot, einem Dixie-Klo, einer Badekabine oder gar zu Fuß darf man nicht zum McDrive, nur damit ich dieses Rätsel auch noch auflösen darf. Es muss schon etwas sein, dass auf einer Fahrbahn bewegt werden darf und einen Motor besitzt, so steht es tatsächlich in den Hausregeln. Aber probieren kann man natürlich alles. Etwa hinradeln (oder reiten), Motorengeräusche nachahmen, „brbrbrbr“, sagen „Moment, ich stelle nur kurz den Motor ab“, bestellen, vorfahren, also vorgehen bis nahe ans Fenster zum Hof, „brbrbrbr“, fertig. Leider wird man von Kameras gefilmt, fliegt also auf. Aber wir sind natürlich in Österreich. Etwas ist ausdrücklich verboten, also ist es ausdrücklich erlaubt. Gestern kamen ein paar Hungrige tatsächlich mit dem Radl, selbstredend bekamen sie Ware ausgehändigt. Alles andere wäre auch etwas mäcwürdig gewesen.

Nach dem Aufsperren der Baumärkte ist das Fenster zum Hof unser zweiter Schritt in Richtung Normalität. Man könnte jetzt einwenden, dass es für ein Kulturland wie Österreich vielleicht schmückender wäre, wenn es Festspiele gäbe statt Festessen, aber wenn man fest isst, dann ist das ja auch eine Art Event und schon ist wieder alles im Lot. Mitte Mai sperren dann die restlichen Gastro-Lokale auf, man darf ungeschützt rein, auf Dauer wäre es auch mühsam gewesen, mit Maske zu trinken und zu essen. Vor allem bei Backerbsensuppen.

Überfall?
Nein, ich bin
der Kellner

Es war gestern überhaupt ein Tag, am dem sich vieles zum Besseren wendete. Wir erfuhren auch, dass sich „Set“ und „Flody“ gut erholen. Kennen sich nicht? Das sind die zwei Ameisenbären vom „Weißen Zoo“ in Kernhof, denen die Eurofighter Kopfzerbrechen bereitet hatten und das im wahrsten Sinn des Wortes. Die Flieger waren vergangenen Freitag in Niederösterreich zu tief gekommen, der Höllenlärm verschreckte die Tiere, die das auf unterschiedliche Art verarbeiteten. Die Kängurus überhüpften einen Zaun und mussten eingefangen werden. „Set“ und „Flody rannten in Panik mit dem Kopf gegen die Gehegemauer, beide verletzten sich. „Set“ ist wieder auf dem Damm, „Flody“ erwischte es schlimmer, er ist immer noch verstört, seine Kopfwunde heilt aber gut. Das Bundesheer hat sich inzwischen entschuldigt. Die Ameisenbären haben kein Wort verstanden.

Für Österreich sind die Eurofighter so etwas wie Corona in der Luft, „Set“ und Flody“ sehen das jetzt wohl ähnlich. Sie kosten viel Geld und keiner weiß so genau, wofür sie gut sind, also die Flieger, nicht die Bären. Jetzt stellte sich heraus, dass sie noch weniger taugen als man das schon immer vermutet hatte. Der Neos-Abgeordnete Douglas Hoyos-Trauttmansdorff stellte eine parlamentarische Anfrage an die neue Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, die ich erneut richtig schreibe, der Burger wirkt schon. Man kann es kurz machen: Die Eurofighter sind nachtblind, aber es ist gar nicht so einfach festzustellen, was Tag und was Nacht ist in Österreich. Der Grund dafür heißt „bürgerliche Morgendämmerung“.

Hoyos-Trauttmansdorff fragte, ob die „Eurofighter Jets tagsüber voll einsatzfähig“ seien, wie „Tag definiert“ sei und ob es zur „vollen Einsatzfähigkeit gewisser Lichtverhältnisse“ bedürfe. Tanner beantwortete die Frage nach der Einsatzfähigkeit mit einem schlichten „Ja“, holte dann aber weiter aus. „Die Tageslichtphase beginnt mit der bürgerlichen Morgendämmerung und endet mit der bürgerlichen Abenddämmerung. Zur Erfüllung des vollen Einsatzspektrums ist eine visuelle Zielidentifizierung notwendig. Diese kann auf Grund der fehlenden Nachtsichtfähigkeit durch technische Systeme ausschließlich bei ausreichenden Tageslichtverhältnissen erfolgen“. Kurz: Wenn es düster wird, dann wird es für die Eurofigher finster. Verrate ich hier jetzt ein militärisches Geheimnis?

„Bürgerliche Morgendämmerung“ heißt das übrigens nicht, weil ORF-Reporter Hans Bürger immer zu einer gewissen Uhrzeit aufsteht. Nein, zu dieser Tageszeit befindet sich „der Mittelpunkt der Sonnenscheibe höchstens 6 Grad unter dem Horizont,“ entnehme ich der Fachpresse. Es gibt auch noch eine „nautische Dämmerung“ und eine „astronomische Dämmerung“. Irgendwann ist dann aber wirklich finster und der Eurofighter geht schlafen.

Ihr schenkt
euer Gehalt her?

Wirklich finster schaut es derzeit in Tirol aus, aber so richtig will das keiner dort wahrhaben. Die Tiroler fühlen sich unschuldig, einfach schlecht behandelt, vom Ausland und von den Wienern sowieso. Der meistgehörte Begriff dieser Tage vor Ort lautet „Tourismus-Bashing“, im Wilden Westen die Version von „anpatzen“, ein Wort, das Sebastian Kurz durch zwei Wahlkämpfe trug. Im ORF Tirol trat nun Mario Gerber auf, Hotelier, vor allem aber Hotelier-Obmann der Tiroler Wirtschaftskammer. Eine Moderatorin führte mit ihm eines dieser beinharten Interviews, für die Landesstudios berühmt und berüchtigt sind. Als Einstieg wählte sie die Frage: „Herr Gerber, wie gelassen sind sie?“

Gar nicht, führte Schüler Gerber aus, er sah sehr trotzig drein, stand allein vor einem ORF-Mikro im Studio und polterte, von Fragen oder Zwischenrufen unbehelligt, einige Zeit lang dahin. Das klang so: „Wir erleben zurzeit rabenschwarze Wochen im Tiroler Tourismus und dementsprechend schlecht ist auch die Stimmung. Es ist mir ein besonderes Anliegen, gerade bei dieser schlechten Berichterstattung und diesem Tourismus-Bashing in den letzten Wochen, die Unternehmerinnen und Unternehmer mit ihren Mitarbeitern vor den Vorhang zu holen. Denn auch sie haben in der Krise speziell in den ersten Tagen Übermenschliches geleistet und ich glaube es ist uns auch ein kommunikatives Meisterstück gelungen, 150.000 Menschen davon zu informieren, dass sie abreisen, aber auch 150.000 Gäste zu informieren, dass sie ihren Urlaub nicht bei uns verbringen können“. 

Dieses „kommunikative Meisterstück“ hat dazu geführt, dass sich von Ischgl & Co aus, das Virus wunderbar über ganz Europa verbreiten konnte und dass wir in Österreich alle ein paar Wochen Stubenarrest aufgebrummt bekamen. Aber hallo, dieses „Tourismus-Bashing“, dem Tirol ausgesetzt ist, das ist wirklich übel, von der schlechten „Berichterstattung“ erst gar nicht zu reden. Es gelte „jetzt zusammenzuhalten“, forderte Schüler Gerber und freute sich darüber, dass eine „Expertengruppe mit Wissenschaftern, Medizinern, Virologen, aber auch Praktikern“ eingerichtet worden sei. Die „Wissenschafter, Mediziner und Virologen“ werden sich wundern, dass sie keine „Praktiker“ sind, aber wer schon einmal ein „kommunikatives Meisterstück“ zusammengebracht hat, dem gelingt so schnell kein zweites mehr.

"Bürgerliche
Dämmerung"

Die Tiroler sind arm, aber Werner Kogler ist noch viel ärmer. Als die Grünen 2017 aus dem Parlament flogen, übernahm er den losen Haufen. Weil kein Geld da war, verzichtete er monatelang auf sein Gehalt, aber redete nicht gern darüber. Dann brachte er die Grünen erst in den Nationalrat, schließlich in die Regierung, übernahm das Vizekanzleramt, hatte endlich ein stattliches Einkommen von 19.609 Euro im Monat und jetzt muss er es wieder hergeben. Die Regierung beschloss gestern, dass jedes Mitglied ein Netto-Monatsgehalt spendet. Corona, sie erinnern sich. Es werden so 150.000 Euro zusammenkommen, das Geld soll an Organisationen gehen, an welche, kann jedes Regierungsmitglied frei wählen. Ich glaube CNN wird demnächst wieder für ein Interview anklopfen. Vielleicht verrät uns Sebastian Kurz bei der Gelegenheit, wann er die Schulen aufsperrt.

Am Tag als Werner Kogler sein Geld für den guten Zweck hergab, schrieb er mir ein E-Mail, es langte zur besten Sendezeit ein. Um 20.15 Uhr da fingen früher Krimis an oder Serien, heute beginnen meistens Sondersendungen mit dem Kanzler und dem Vizekanzler und dem Rest des virologischen Quartetts, meistens erzählen sie uns, was heute so passiert ist, vielleicht glaubt die Regierung wir haben Münzfernseher daheim und untertags wären uns die Cent ausgegangen. Kogler wendet sich mit einer Botschaft an mich, es ist fast schon ein Appell: „Nutzen wir die Krise als Chance“. In der Politik ist es ja oft umgekehrt, da nutzt man die Chance gern als Krise.

Ich werde seit Tagen und Wochen verfolgt von Menschen, die mir sagen wollen, dass Corona zwar nicht super war, aber uns geläutert hat. Dass uns das Virus die Augen geöffnet hat und das wir jetzt mit allem neu beginnen sollten, mit einem neuen Denken, einem neuen Handeln. Alles muss auf den Prüfstand, wir werden nach dieser Krise stärker sein und bewusster leben, wir werden die Umwelt schützen und uns. Wir werden sozialer sein und sozialer denken, wir werden einfach bessere Menschen werden. Aber leider: Erstens glaube ich das nicht und zweitens geht es mir auf die Nerven, die Folgen einer Krise schönzureden, während wir noch mittendrin sind.

Ich will aber nicht unhöflich sein, denn Kogler zählt mich anscheinend zu seinem engsten Umfeld, jedenfalls beginnt sein Schreiben mit „Liebe Freundinnen und Freunde!“ Im dazugestellten Foto trägt er wieder blitzblau, die Hemdsärmel sind aufgekrempelt, klar, jetzt geht es ja darum, dass wir die „Krise als Chance“ nutzen, da ist anpacken gefragt. Die Zahl vier ist offensichtlich der neue Wunderkelch der Regierung. Kurz will uns für die vier M, Markt, Mutti, Mucki, Mörtel, aus dem Haus lassen, Kogler nennt nun vier Bereiche, für die diese Krise eine Chance bedeuten sollte. „Nachhaltiges Wirtschaften“, „soziale Absicherung“, „zukunftsorientierte Arbeitsplätze“, „Klima und Umweltschutz“. 

So lange wie er redet, so kurz ist sein Schreiben. Es endet mit „helfen wir zusammen, halten wir zusammen. Alles Liebe“. Dann gibt Kogler mir noch zwei Videotipps, leider ist nichts von Netflix oder Amazon Prime dabei, sondern die Links führen zu Reden der Umweltministerin und der Justizministerin. Dann lieber Sondersendung im ORF.

Sehen Sie diesen wunderbaren Dienstag als Chance, sonst kriegen Sie die Krise. Mögen Ihre Nuggets aus Gold sein und nicht nur paniert! Bis morgen, wenn es bürgerlich dämmert.

Alle bisherigen Blogs finden Sie gesammelt unter dieser Adresse

Bisher erschienen:
Rambo VI.

Corona wegflexen
Aussicht auf Sport
Anno Baumarkti
Erst Messe, dann Baumarkt

Ein Bild von einem Kanzler

Meer oder weniger
Bildschön, oder?
Koste es, was es wolle

Neuer Kurzbefehl

In Frühlingshaft

Situation Room
Im Namen der Maske
Die Maskenbildner

Verkehrte Welt
Klobuli
Bettman

Das virologische Quartett
Das Leben ist ein Hit
Im Bett mit Kurz
Park mas an!
Unser Retter?
Danke!

Neulich in Balkonien
30 Beobachtungen

Das Ende der Party

Im Teufelskreis

"Happy birthday"

Das Virus und wir

Sternderl schauen

Streicheleinheiten

Ganz große Oper

That's Life

Patsch Handi zam

Rabimmel, rabammel, rabum

Wir sind Virus

Na dann Prost!

Küssen verboten

Unterm Glassturz

Achtung, s´Vogerl!

Olles Woiza, heast oida!

Oblenepp und Stadlerix

Der tut nix

Im Krapfenwaldl
Wohin des Weges?

Es fliegt, es fliegt

Lieber Christian

Ein Leben am Limit

Kurzer Prozess

Hexenjagd am Klo
Ein Land im Fieber

Eine Frage der Ehre

Frühstücken mit Kurz

Von der Lust gepackt

Ein Ball, viele Bälle

Blabla und Wulli Wulli

"Warum steigt's nicht ein?
"
"Servas die Buam"

Die Teufelsaustreibung

Romeo und Julia

Strache, "ich war dabei"

Brot und Spiele

It´s my lei lei life!

Der Zug der Zeit

Der Hauch des Todes

... - .-. .- -.-. .... .
Inselbegabungen
 
Big Bang für einen Big Mac

Auf einen Apfelputz beim Minister

Von Brüssel ins Fitness-Studio

"Es ist alles so real
"
"No words needed"
 
"So wahr mir Gott helfe"

Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne

Fotos:
McDonald's: "Heute", Helmut Graf
Cafe Eiles: "Heute", Sabine Hertel
Andreas Treichl: APA, Roland Schlager
Eurofighter: "Heute", Helmut Graf

"Kopfnüsse" abonnieren

* indicates required

Mit Anklicken der Checkbox stimme ich zu, dass die angegebenen Daten und meine IP Adresse zum Zweck der Zusendung der ausgewählten Newsletter per E-Mail verwendet werden. Diese Zustimmung kann jederzeit widerrufen werden. Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

We use Mailchimp as our marketing platform. By clicking below to subscribe, you acknowledge that your information will be transferred to Mailchimp for processing. Learn more about Mailchimp's privacy practices here.