„Knackfinger Unchained“

Der Kanzler per Du mit New York, der Innenminister per Sie mit seinem Vorvorgänger. 

Dieser Tage war ich im Baumarkt, mir waren die Rasenmäher ausgegangen. Ich machte es so wie alle Männer, ich fuhr hin. Frauen planen solche Sachen, studieren Angebote, vergleichen Daten, checken, in welcher Filiale welches Gerät vorrätig ist, zuletzt schauen sie sogar nach, wie man am besten dort hinkommt. Männer nie. Die fahren einfach los, ich auch. Vielleicht ist das etwas Genetisches, eine Urwaldsache, unter Paaren soll sich darüber schon die eine oder andere Debatte entzündet habe. Urlaube eignen sich besonders gut dazu, da hat man Zeit füreinander, was sich nicht immer als Vorteil erweist.

Ich fuhr also zu einem Baumarkt an der Wiener Stadtgrenze, ich habe es beim Einkaufen gern grün rundherum. Ich kam gut hin, musste aber vor Ort feststellen, dass mein gewünschtes Gerät ausverkauft war. Das hätte ich selbstverständlich vorab telefonisch erfragen können, aber möglicherweise hätte das eine nachhaltige Veränderung in der DNA eines ganzen Geschlechts nach sich gezogen und daran wollte ich nun auch wieder nicht schuld sein. Eine nette Verkäuferin konnte auf Nachfrage feststellen, dass es den Rasenmäher in Stadlau noch gab, ich war selig, wie üblich genügte dafür ein Funke. 

Was mir auffiel: Im Baumarkt im G3, knapp vor der Stadtgrenze, trug niemand Maske, nicht FFP2, nicht MNS, nichts. Nicht das Verkaufspersonal, nicht die Kunden, nicht die Zierfische, nicht die Buchsbäume in der Gartenabteilung. 17 Autominuten entfernt in Stadlau, im Baumarkt derselben Kette, hatten alle FFP2 auf, ausnahmslos. In einem Baumarkt waren offenbar alle geimpft, im zweiten keiner, der eine liegt in Niederösterreich, der andere in Wien. Es war, als hätte ich eine unsichtbare Staatsgrenze überfahren, in dem einen Land wies man sich mit Masken aus, in dem anderen, indem man seinen Mund herzeigte.

Erleichterungen anzukündigen, das heißt in Österreicher häufig Erschwerungen zu ermöglichen. Kann man „sich nicht auskennen“ eigentlich steigern? Schon bisher war schwer durchschaubar, wann welcher Mundschutz aufgesetzt werden muss, nunmehr ist das eine Wissenschaft, vielleicht kann man auf einer FH bald einen Bachelor in Maskeologie machen. Am Dienstag verkündete der Wiener Bürgermeister neue Verschärfungen, die aber gleichzeitig irgendwie auch Lockerungen waren. „Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in der Bevölkerung eine deutliche Unsicherheit gibt, welche Maßnahmen jetzt überhaupt gelten“, sagte Michael Ludwig und beschloss, den Eindruck noch zu vertiefen. 

Wenn ich jetzt also am 1. Oktober in den Baumarkt nach Stadlau fahre, dann muss ich eine FFP2-Maske aufsetzen, obwohl ich doppelt geimpft bin und so viele Antikörper habe, dass ich Coronaviren bis zum Wechsel hinauf terminieren könnte. Die Angestellten aber, sofern geimpft, müssen gar nichts tragen, nicht einmal Mund-Nasenschutz. Ich, mit Maske, stehe also einem Verkäufer, ohne jede Maske, gegenüber. Ich hoffe, man unterrichtet das Virus rechtzeitig über die neuen Umstände, nicht dass es verwirrt ist und in Panik auch noch einen Rasenmäher kauft.

Fahre ich zum selben Baumarkt ins G3, um vielleicht einen Zweitrasenmäher zu kaufen, dann müssen weder der Verkäufer noch ich was tragen, wenn wir beide geimpft sind, was aber niemand kontrolliert. Wenn ich in der Gegend zum Heurigen gehe, um mit meinem neuen Rasenmäher auf seinen Kauf anzustoßen, dann brauchen wir beide dort 3-G, müssen also geimpft, genesen oder getestet sein, ein Antigentest reicht, auch für den Kellner, außer er trägt FFP2, dann benötigt er gar keinen 3-G-Nachweis. Der Koch braucht sowieso nichts.

Wenn ich nach Wien zum Heurigen weiterfahre, obwohl der Rasenmäher vielleicht schon einen Rausch hat, dann brauche ich 2,5-G, muss also geimpft oder genesen oder getestet sein, es muss aber ein PCR-Test sein, Antigen reicht nicht. Für den Kellner gilt dasselbe, er kann sich in Wien aber nicht mit einer Maske freikaufen. Wenn wir, mein Rasenmäher und ich, ein bisserl sitzenbleiben und der Heurige wird zur Nachtgastro, dann brauchen wir 2-G, müssen also geimpft oder genesen sein, ein Test reicht nicht, nicht einmal PCR. Für den Kellner schon, für ihn gilt 2,5-G. Er kann also einen PCR-Test bringen, Antigen genügt nicht.

Ich könnte Ihnen jetzt noch ein paar Beispiele nennen, etwa was bei Veranstaltungen zu beachten ist, aber ich denke ich habe ausreichend genug Verwirrung gestiftet. Suchen Sie die Schuld nicht bei sich! Auch der Pressesprecher von Stadtrat Peter Hacker musste dreimal beim Rathausjuristen nachfragen, was denn nun tatsächlich im Handel gelten soll. Ich schreibe absichtlich soll, denn ich denke, das kommt in dieser Form nicht. Ludwig, der meiner bescheidenen Meinung nach in der Wahrnehmung des Virus richtig liegt, wird sich das noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Außer die Lobau-Demonstranten, die ihm gestern einen Baum aufstellten, fesseln ihn an die Fächerpalme in seinem Büro.

Auch der Handelsverband ist verwirrt, er protestierte in einer Aussendung gegen etwas, das es gar nicht geben wird: „Für die geimpften und genesenen Beschäftigten im Non-food-Handel, die bisher keine Masken tragen mussten, gilt wieder eine MNS-Pflicht“, wetterten die Funktionäre. Das stimmt nur nicht. Sie müssen weiter keine Masken tragen, nicht einmal ein Stofffetzerl, wenn sie geimpft sind. Der Handelsverband kann das bis heute nicht glauben. Er schickte uns gestern extra ein E-Mail, bestand darauf, dass der Bürgermeister dem Verkaufspersonal aufgetragen hatte, zumindest Mund-Nasenschutz anzulegen. Hat er nicht! Jeder Unternehmer kann natürlich selber verschärfen und in seinem Laden festlegen, wer welche Maske zu tragen hat. Übersichtlicher macht das die Sache nur bedingt.

Wo wollte die Lobau denn hin?

Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt Sebastian Kurz in New York und ist mutmaßlich sehr busy. So busy, dass er sogar ein Interview mit der „Krone“ abbrach, es wurden schon Kanzler wegen geringerer Frevel medial des Amtes enthoben. Der mitgereiste Reporter-Altspatz Kurt Seinitz befragte den Kanzler über dessen Befragung durch einen Richter über die Befragung im U-Ausschuss. „Die ganze Affäre hängt wie ein Damoklesschwert über ihnen. Wird dadurch ihre Arbeit erschwert?“, wollte Seinitz kess wissen. Kurz ergriff kein Damoklesschwert, sondern die Flucht. „Ich lasse mich nicht von der Arbeit abhalten“, antwortete er. „Entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss zu US-Präsident Joe Biden …“

In Wien hat das Sägen am Kanzlersessel schon längst begonnen. In derselben „Krone“-Ausgabe, in der erzählt wurde, wie der Kanzler einem Reporter die kalte Schulter zeigte, um sich in die Arme von Joe Biden zu flüchten, urteilte Michael Jeannée, Kurz nicht gerade in inniger Feindschaft verbunden, über die gemeinsame Reise von Kanzler, Bundespräsident und Außenminister nach New York so: „Was haben die drei Polit-Kapazunder dort verloren, während daheim die Pandemie ihr Volk quält und dieses von der Staatsspitze zu Recht erwartet, dass etwas getan wird?“ Ich habe vor ein paar Tagen etwas Ähnliches geschrieben, es war natürlich nicht so elegant formuliert.

Im Hochhaus hoch hinaus

Für den Kanzler wird es jedenfalls eng. Eine Gerichtsvorladung wegen einer möglichen Falschaussage im U-Ausschuss mag ärgerlich sein, aber wenn einmal die „Kronen Zeitung“ Anklage erhebt, dann ist wirklich Feuer am Dach. Auch die SPÖ zündelt. Patsy Widakuswara, Chefreporterin des US-Sender "Voice of America" im Weißen Haus, war aufgefallen, dass der Kanzler während der Rede von Joe Biden vor der UNO unaufmerksam gewesen sein soll. Er habe sein Mobiltelefon gecheckt, seinen Ausweis geprüft und mit den Fingern geknackt, schrieb sie auf Twitter . Die gute Frau weiß nicht, wie der Alltag bei uns im Parlament ausschaut.

Die SPÖ begriff sofort die weltpolitische Bedeutung des Vorgangs. Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch verfasste eine geharnischte Protestnote, sprach von „Showkanzler“, einer „bewussten Provokation“, „unreifem Verhalten“, einem „Akt der Respektlosigkeit“ und einem „Affront gegenüber 193 Ländern“. Na wumm! „Eine Entschuldigung von Kurz nach dieser Entgleisung“ sei „überfällig“, deutschte Deutsch dem Kanzler die Konsequenzen aus. Ich stelle mir das putzig vor, wenn sich Knackfinger Kurz gemäß SPÖ-Auftrag vor Biden hinstellt, den Kopf senkt, mit den Füßen trippelt, als müsse er lulu, und dann fiepst: „Tschuldigung!“

Vielleicht entzieht der US-Präsident dem Kanzler aus Australien dann das Du-Wort, das scheint neuerdings in Mode zu kommen. Im Parlament kam es Mittwoch zu einem Wortgefecht, Ex-Innenminister Herbert Kickl bezichtigte Innenminister Karl Nehammer der Lüge in der Asylpolitik. Der wollte sich das nicht bieten lassen und konterte mit der schärfsten Waffe der österreichischen Politik. „Ich entziehe ihnen somit unser Du-Wort, das wir gegenseitig gern gepflegt haben“, polterte Nehammer. Ich meine, wir regen uns über Masken auf, aber wie brutal muss es sein, wenn sich der Innenminister und sein Vorvorgänger in der Nacht auf der Straße treffen und sich ab jetzt siezen müssen. „Du Sie Du!“

"Du Sie Du!"

Früher hätte man Elisabeth Köstinger als Vermittlerin entsandt, aber sie hat sich in den letzten Wochen heimlich radikalisiert, vielleicht wurde sie von den Hofwochen von „Bauer sucht Frau“ ausgeladen. Zunächst legte sich die Tourismusministerin mit den Supermärkten an, dann mit Billa allein, schließlich strudelte sie Bürgermeister Michael Ludwig an. Wien impfe zu wenig, habe zu hohe Infektionszahlen, die Pandemie verlange „Anpacker und keine Anpatzer“, schrieb sie, meinte aber nicht sich selbst. Ich denke, wir können die nächste Du-Beziehung kübeln.

Ich wünsche ein wunderbares Wochenende. Heute gibt Herbert Kickl um 9.30 Uhr eine „persönliche Erklärung ab“. Martin Thür verdanke ich die Information, dass es seit 2017 in der österreichischen Innenpolitik 16 „persönliche Erklärungen“ gab, 11 davon waren die Ankündigung von Rücktritten. Das wird beim FPÖ-Parteiobmann nicht passieren, ich tippe eher darauf, dass er seinen Antikörperstatus vorlegt und damit quasi notariell beweist, dass er nicht geimpft ist, sondern weiter Bitterstoffen vertraut. Vielleicht kommt aber alles ganz anders. Es konnte schließlich auch niemand damit rechnen, dass Kurz vor der UNO mit den Fingerknöcheln knackt.

Fotos:
UNO-Sitzung: Picturedesk,
Rathaus: "Heute", Denise Auer
Sebastian Kurz: Picturedesk, Dragan Tatic
Karl Nehammer: Picturedesk, Tobias Steinmaurer

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