Jenseits von Malle

Wieder Aufregung, wieder um eine Insel,
wieder gibt es es keine Impfung dagegen.

Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Was ist mit Martin Kocher los? Der Arbeitsminister trat Montagabend in der ZiB 1 auf und sah aus als käme er direkt von einem Casting für Käpt’n Iglo. Bartstoppeln verdeckten weite Teile des Gesichts, das fiel umso mehr auf, als die Frisur am Kopf sonst eher durch Übersichtlichkeit glänzt. Kocher ist erst seit 11. Jänner im Amt, nicht einmal zwei Monate also. In der Politik ist es üblich, dass man gegangen wird, nicht dass man sich gehen lässt, also vermutete ich weitergehende Pläne. Vielleicht hat man vergessen, dem Minister zu sagen, dass die Drogeriemärkte nie zu hatten, eventuell will er auch als Ajatollah Kocher in die Zeitgeschichte eingehen.

Gestern war dann alles wieder gut. Bei der Präsentation der Arbeitsmarktdaten, die irgendwie besser waren als gedacht, aber doch irgendwie auch schlecht, erschien der Minister glattrasiert wie ein Kinderpopo. Vielleicht ist es nichts geworden aus dem Job als Käpt’n Iglo, obwohl der ja neuerdings die einfachen Dinge mag und da gehört ein Rasierapparat eindeutig dazu.

Kocher trat gemeinsam mit Margarete Schramböck auf, die dasselbe Ressort leitet wie er, es hat nur einen anderen Namen. In der Mitte stand Gernot Blümel, bei dem die Haare so unerbittlich wachsen, dass es sich mit den Friseurterminen schwer ausgeht zwischen den Lockdowns. Kocher, Schramböck und Blümel, Österreichs Antwort auf den „Marshallplan“, gaben bekannt, dass es erstmals seit Weihnachten weniger als eine halbe Million Arbeitslose gibt. Trotzdem sind immer noch 490.000 Menschen ohne Job oder in Schulung, dazu 478.000 in Kurzarbeit, fast eine Million also alles in allem. Viel Arbeit für Ajatollah.

Kocher hat seinen Master offenbar bei Anschober gemacht, auch er brachte gestern ein paar Skizzenblätter mit, die er auf einem Fernseher einspielen ließ. Leider hatte das auch diesmal vorab niemand dem Filmteam gesagt. Deshalb sah man auf Facebook den Minister mit einem Klicker in der Hand, der sich durch Charts zappte und sehr liebevoll über sie sprach, für uns blieben sie Geister, keine dieser mystischen Gestalten war zu sehen.

Es war überhaupt so ein Tag der Phantome gestern. Sebastian Kurz zum Beispiel wurde an einem Ort gesehen, an dem er nie gewesen sein will. Der Kanzler hatte Journalisten Montag sehr spät am Abend zu einem Hintergrundgespräch für den nächsten Tag einladen lassen (also nicht mich, aber andere). Das Thema für das Hintergrundgespräch blieb so im Hintergrund, dass es gar nicht erst verraten wurde.

Gestern um 9.30 Uhr klärten sich dann im Kanzleramt die Nebel. Es gibt neue Anschuldigungen gegen Kurz. Er soll im Frühsommer 2018 fünf Tage lang gemeinsam mit seiner Freundin in der Mallorca-Villa von Gabriela Spiegelfeld genächtigt haben und zwar für lau. Im Gegenzug habe er der Wiener Unternehmerin ein Büro in der ÖVP-Zentrale gecheckt, kostenlos, so der Vorwurf. Die Wirtschafts- und Korruptionsanwaltschaft, dem Kanzler mittlerweile recht freundschaftlich verbunden und er mit ihr, ermittelt wegen eines Anfangsverdachtes der Geschenkannahme.

Ob ein Urlaub auf Mallorca generell und grundsätzlich ein Geschenk sein kann, müssen andere beurteilen, aber es soll auch schöne Flecken dort geben. Bilder im Kopf tauchen auf. Kurz zieht mit Ikke Hüftgold um die Häuser, singt mit Mikkie Krause im „Bierkönig“ zunächst „Schatzi schenk mir ein Foto“, danach mit Tim Toupet „Allee Allee“. Anschließend, davor und zwischendurch gibt es Sangria, gezuzelt mit einem Strohhalm aus einem Kübel. Die Schinkenstraße tobt. Ich glaube meiner Phantasie gehen gerade wieder die Gäule durch.

Es erscheint jedenfalls vernünftig, mit Sicherheit aber sparsamer, die Regierung und die WKStA zögen in eine Bürogemeinschaft, der Kanzler und sein Team müssten im Falle neuerlicher Vorladungen keine beschwerlichen Reisen mehr auf sich nehmen und wenn man sich etwas zu sagen hat, könnte man das direkt tun und müsste nicht den Umweg über die Medien nehmen.

Offenbar stammen die Vorwürfe gegen den Kanzler von zackzack.at, dem Online-Medium von Peter Pilz. Kurz wirft dem Ex-Grünen nun „Dirty Campaigning“ vor, die sprachlich erhabene Form von „anpatzen“. Pilz reichere Fakten mit Erfindungen an, erstatte dann Anzeige und spiele den Akt an die Medien. Er sei jedenfalls nicht gratis auf Malle-Urlaub gewesen, war nie in der Villa von Spiegelfeld, habe sie nicht einmal für einen Kaffee betreten, als Beweis könne er eine Hotelrechnung vorlegen, die er extra herausgesucht habe. Ich gebe zu: Das Bild des Kanzlers, der mitten in einer Pandemie daheim in der Schuhschachtel mit den Rechnungen kramt, verstört mich fast noch mehr als ein möglicher Auftritt mit dem König von Mallorca in El Arenal.

Erstaunlicherweise dementierte Kurz etwas, das noch gar nicht öffentlich geworden war. Thomas Walach, Chefredakteur von zackzack.at, behauptet nämlich, er habe gar nicht geplant gehabt, die Mallorca-Sause zu publizieren. Das muss man nicht glauben, aber es gibt den Ereignissen diesen typisch österreichischen Extrapatzen Schlagobers auf die Torte. Walach jedenfalls hatte sich am 15. Februar an die WKSta gewandt, überraschend flott, nämlich nur zwei Tage später, wurde er einvernommen und will da die Bemerkung über den Kurz-Urlaub fallengelassen haben. Er sei darauf angesprochen worden, twitterte er gestern, das Ganze sei bei der Befragung nur „für circa fünf Sekunden“ Thema gewesen. Ob es entscheidende Sekunden gewesen sind? Wir werden sehen. Die Geschichte wirkt jedenfalls etwas konstruiert.

Was man mit Sicherheit jetzt schon sagen kann: Kurz war tatsächlich im Frühsommer 2018 auf Mallorca. Und: Österreich hat wirklich kein Glück mit Inseln.

Kocher Krocher

Mit der Impferei haben wir auch Pech. Gestern durfte ich Ihnen an dieser Stelle ein bisschen was über die Sitzung der Länderchefs am Montag mit dem Kanzler und dem Gesundheitsminister erzählen. Sebastian Kurz wies dabei, wie berichtet, auf den Lagerbestand an Impfungen hin. 140.000 Dosen seien bisher von den Ländern nicht abgerufen worden. In der Sitzung wurde anschließend ernsthaft darüber diskutiert, ob es nicht besser wäre, diese Zahl vielleicht in Hinkunft besser unter der Tuchent zu behalten. Man kam davon ab, denn die EU-Gesundheitsbehörde ECDC weist aus, wie viele Impfungen an die Länder verschickt werden, jeder könne sich die Differenz ausrechnen. Es ist schon ein Jammer. Manchmal wird Österreich direkt zur Transparenz gezwungen.

Das passierte gestern dann tatsächlich und es machte die Sache nur noch schlimmer. ECDC nämlich gab bekannt, bisher 825.315 Dosen an Österreich geliefert zu haben. Verimpft (um genau zu sein, an die Bundesländer zum Verimpfen übergeben) wurden in Österreich allerdings mit Stand gestern Abend bisher nur 653.382 Impfungen. Es haben also nicht 140.000 Impfungen, sondern gleich 171.933 bisher nicht den Weg in einen Oberarm gefunden, jede fünfte Impfung liegt auf Eis. Das ist betrüblich, aber das ist die Realität oft.

Nun aber wird alles besser, denn der Kanzler will gemeinsam mit Dänemark und Israel eine Impfstoffproduktion aufziehen, ohne EU, gestern gab es die erste Arbeitssitzung dazu. Es gehe darum „möglichst eigenständig gerüstet zu sein“. Ich sehe so eine Art Kaufhaus Österreich vor mir, nur mit lauter Spritzen halt. Vielleicht könnte man einmal mit einem Dashboard beginnen.

Wobei, vielleicht ist das auch keine brillante Idee. Gestern am Vormittag geschah auf der Datenseite des Gesundheitsministeriums nämlich Ungewöhnliches. Die Zahl der Geimpften war plötzlich höher als die Zahl der ausgelieferten Impfdosen. Diesmal gab es nicht ein einziges Phantom, also keinen Kanzler in keiner Mallorca-Villa, nein, es irrlichteten 8.031 Geister herum. 656.670 Menschen hatten laut E-Impfpass ihren Stich bekommen, aber nur 648.639 Dosen waren ausgeliefert worden. 8.031 Menschen hatten also eine Impfung erhalten, die es noch gar nicht in die Länder geschafft hatte. Das Gesundheitsministerium erklärt das damit, dass aus einer Ampulle nicht wie ursprünglich gedacht fünf Spritzen aufgezogen werden können, sondern sechs, sieben, oder sogar bis zu zehn. Politik ist in diesem Land immer auch ein bisschen eine Glaubensfrage.

Ich war noch niemals bei Gabi

Ich wünsche einen wunderbaren Mittwoch. Heute muss der Kanzler packen, morgen geht es nach Israel, Impfungen abstauben. Offiziell wird das natürlich in Abrede gestellt, aber es würde mich wundern, wenn Kurz von Netanjahu nicht ein paar Paletten Pfizer/BioNTech überantwortet bekommt. Vielleicht ergibt sich für den Kanzler vorab noch die Gelegenheit, sich auch noch zu rasieren, sein Bartwuchs erreichte gestern noch nicht ganz Kocher-Dimensionen, war aber auf dem besten Weg dorthin. Läuft da im Hintergrund eventuell ein Wettbewerb, eine Art „Rübezahl-Challenge“ etwa, von der ich nichts weiß?

Jetzt hätte ich es fast vergessen. Bei „Hygiene Austria“ fand gestern in Wien und Niederösterreich eine Razzia statt. Die gemeinsame Tochterfirma von Palmers und Lenzing soll billigen Mundschutz aus China umetikettiert und als teure österreichische Masken verkauft haben. Ein abgehörtes Telefonat im Zuge von Ermittlungen gegen einen Menschenhändlerring löste den Einsatz aus, wieder wurde die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft tätig. Das Unternehmen dementiert Verfehlungen. Ich frage mich ja, ob man als Firma out ist, wenn man noch keine Razzia hatte? Und ob der Opernball 2022 nicht wegen Corona abgesagt werden muss, sondern weil ein großer Teil der potentiellen Gäste gerade verhört wird, im Häfn sitzt oder mit einer Fußfessel daheim?

Fotos:
Impf-Sitzung: "Heute", Helmut Graf
Martin Kocher: "Heute", Helmut Graf, ORF
Sebastian Kurz: "Heute", Helmut Graf

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