Üben für den Untergang

Für manche ist es ein Hobby, andere wollen stets auf das Schlimmste gefasst sein: Prepper legen Vorräte an, viele trainieren das Überleben auf eigene Faust.

wochit/Getty Images

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Sogenannte Prepper gibt es zwar auch in Österreich, Schlagzeilen machen aber meistens die skurrileren Angehörigen dieser Zunft – und die sind in den USA beheimatet. Sie wollen auf jeden Notfall bestmöglich vorbereitet sein und malen in Gedankenspielen die absurdesten Szenarien an die Wand. Sie diskutieren darüber, wie bei einer Naturkatastrophe, einem Atomunfall oder ähnlichen Szenarien vorzugehen ist, bei denen die öffentliche Infrastruktur kollabieren könnte und die Menschen sich auf eigene Faust durchschlagen müssten. Was, wenn sich die magnetischen Pole der Erde plötzlich umdrehen? Was, wenn eine Währungskrise die Anarchie ausbrechen lässt? Prepper machen sich darauf gefasst, legen Lebensmittel- und Benzinvorräte an und trainieren Fähigkeiten wie Feuermachen, Navigation nach Kompass und Karte, Erste Hilfe und das Überleben in der Wildnis. Für manche ist es ein Hobby, andere haben das Bedürfnis, in jeder Situation für sich und ihre Angehörigen sorgen zu können.

"Prepper"

Jemand, der auf ein Ereignis wie eine Naturkatastrophe vorbereitet ist oder danach strebt, darauf vorbereitet zu sein.

Jemand, der sich darauf konzentriert, auf verschiedene Worst-Case-Szenarien vorbereitet zu sein.

Auch bekannt als Überlebenskünstler, oder Doomsday-Prepper (abwertend).

www.urbandictionary.com

Neben einem Vorrat an Lebensmitteln hat jeder Prepper, der etwas auf sich hält, zwei Dinge in seinem Besitz: Einen "Bug Out Bag" – eine stets griffbereite Tasche oder ein Rucksack mit einer Notration an Nahrung, Werkzeugen, Kartenmaterial, Geld und weiteren Utensilien, die das Überleben für die ersten Tage einer Katastrophensituation sichern sollen. Und ein EDC – das Kürzel steht für "Everyday Carry", also eine wohlüberlegte Ausrüstung aus alltäglichen Begleitern wie Schlüsseln, Smartphone, Taschenlampe, Taschenmesser und in Nordamerika oft eine Waffe.

Die Begriffe stammen wie Vieles in der Community aus den USA. Dort sind "Survivalists" und "Prepper" (von "to prepare", vorbereiten) kein neues Phänomen – und werden kritisch beäugt. Ihre Wurzeln finden sich während der Zeit des Kalten Kriegs, als Amerikaner aus Angst vor sowjetischen Atomraketen Bunker in ihren Gärten aushoben und Lebensmittelvorräte für Jahre anlegten. Heute vermischen sich bei manchen Angehörigen dieser informellen Bewegung Verschwörungstheorien, Rechtsextremismus und Paramilitarismus zu einer paranoiden Gedankenwelt, der mit Hamsterkäufen und Waffenlagern entgegengetreten wird.

Die Doku-Serie "Preppers – bereit für den Weltuntergang" gab zuletzt Einblicke in die skurrileren Blüten der Bewegung in den USA.

In Deutschland wurden Prepper vor kurzem mit dem ominösen Tag-X-Netzwerk in Verbindung gebracht. Die Behörden entdeckten 2017 WhatsApp-Gruppen, in denen sich (Ex-)Soldaten, Polizisten und Beamten auf einen Tag X vorbereiteten, an dem die staatliche Ordnung zusammenbricht – Tötungslisten von "Feinden" inklusive.

Mit diesen und ähnlichen Gruppierungen möchte Ben Pichler nicht assoziiert werden. Der 31-Jährige leitet seit 2016 das Forum "Austrian Preppers" mit mehr als 2.000 registrierten Nutzern. Er betont gegenüber "Heute" die Unterschiede der hiesigen zur US-amerikanischen Szene und zu militaristischen Kreisen: "In Österreich ist es normale Krisenvorsorge – nicht das, was man von Netflix kennt. Unsere Großeltern hatte eine gefüllte Speis, die hätten sich aber nicht als Prepper bezeichnet. Es gibt die einen, die schauen sich The Walking Dead an und wünschen sich, dass das Leben so wäre. Das hat man aber sehr selten, die meisten wollen einfach für sich und ihre Familie vorsorgen." Hierzulande setze man sich im Rahmen des Zivilschutzes mit realistischeren Szenarien auseinander, mache sich etwa auf einen Brand, ein Hochwasser oder einen Lawinenabgang gefasst.

Vorsicht vor Panikkäufen

Ob Anhänger einer Weltuntergangs-Phantasie oder besorgter Familienvater – mit den Preppern und ihrer Leidenschaft lässt sich Geld verdienen. Das Geschäft boomt. Sucht man auf Amazon.com nach dem Begriff, werden über 10.000 Ergebnisse ausgespuckt. Bücher über das Überleben in der Wildnis, Wasserfilter, Notrationen, Campingkocher, Uhren, Kompasse, Kleidung und Taschen, Hängematten, DVDs, Radio-Weltempfänger und Survival-Kits – die Liste lässt sich nach Belieben fortführen. Viele Produkte richten sich an Outdoor-Fans oder Camper, manche sprechen die Community aber auch direkt an.

Laut Pichler rümpfen ernst zu nehmende Prepper über viele dieser Angebote die Nase. "Viele bieten Notfallboxen um Hunderte Euro an, aber meistens hat man in so fertigen Geschichten eher minderwertige Produkte. Am Anfang habe ich selbst den klassischen Fehler gemacht und mir eingebildet, ich brauche alles sofort. Ich habe viel gekauft, das absoluter Müll war, das habe ich dann wieder verkauft", erzählt der 31-Jährige. "Heute bin ich ein großer Fan von Minimalismus und nachhaltigem Denken, ich kaufe auch sehr viel über Willhaben. In den letzten fünf Jahren habe ich keine 1.000 Euro für Ausrüstung ausgegeben. Ein kleines Taschenmesser und eine Taschenlampe, das sind die Klassiker, die man immer wieder im täglichen Leben braucht."

So macht "Preppen" Sinn

Einsteigern, die sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben, rät Pichler zur Selbstreflexion: "Auf unserer Webseite gibt es verschiedene Checklisten, die kann ich jedem ans Herz legen. Erst durchlesen und in Ruhe eine Entscheidung treffen. Das Wichtigste ist immer Wasser, und dann kommt gleich Nahrung. Vorräte für 10 bis 14 Tage sind aber absolut ausreichend. Was man nie vergessen sollte, sind Haustiere und Medikamente. Eine alternative Kochmethode wäre auch gut, zum Beispiel ein Gaskocher – aber natürlich nur bei guter Belüftung verwenden."

Wer sich ernsthaft mit dem Preppen befasst, müsse auch lokale Begebenheiten berücksichtigen: "Im Weinviertel brauche ich mir um Lawinen keine Sorgen machen, in einem Tiroler Tal schon. Viele legen sich Vorräte zu Hause an, da gibt es von moderat bis fanatisch alle Abstufungen. Meine Empfehlung: Jedes Mal beim Einkaufen ein Ding mehr mitnehmen. Speziell Sachen, die kaum ein Ablaufdatum haben, wie Reis, Salz, Pfeffer."

Vom Wohnort unabhängig empfiehlt Pichler, einen Fluchtrucksack anzulegen, "denn die Wahrscheinlichkeit einer Evakuierung ist viel höher, als zu Hause eingeschlossen zu sein. Darin sollte man einpacken, was man für ein Wochenende im Hotel brauchen würde."