RAF Camora

Die Therapie, die Palmen, der Zenit

Ein mattschwarzer Maserati. Ein Speedboat. Eine Stadt außer Rand und Band: Das ist RAF Camora.

Kündigt er ein neues Album an, dann ist das nicht irgendein PR-Auftritt, sondern ein Spektakel, das die halbe Stadt lahmlegt. So geschehen am vergangenen Donnerstag am Donaukanal. Die Fans wollen jetzt noch so viel RAF, wie sie nur kriegen können. Denn sie wissen: Bald ist Schluss.

Der Rapper aus Wien-Fünfhaus ist am Zenit seiner Träume angelangt. Er hat alles erreicht, wovon er je geträumt hatte: Top Platzierungen in den Charts, ausverkaufte Touren, Immobilien und eben: Autos. Jetzt will der Rapper der Bühne den Rücken kehren. Im Dezember 2020 endet nämlich die "Zenit-Phase".

"Heute.at" hat mit dem Rapper über seinen spektakulären Aufstieg, sein Privatleben und seine Zukunftspläne gesprochen.

"Ich stellte viel Blödsinn an", erinnert sich der Rapper im Gespräch mit "Heute.at" an seine Jugendzeit. "Mittelgroße Diebstähle, Drogen und solche Sachen."

Aber spulen wir doch nochmals ganz zum Anfang zurück: 1984 wird Raphael Ragucci in Vevey, in der französischen Schweiz, geboren. Mutter eine Italienerin, Vater aus Vorarlberg.

Beide Elternteile befinden sich noch in der Ausbildung. Ihrem Sohn können sie nur wenig bieten. Um die finanzielle Situation ein wenig aufzubessern, pendeln die zwei immer wieder zur Arbeit in die Schweiz, leben jedoch in Österreich.

Finanzielle Probleme belasten die junge Familie. Das führt immer wieder zu Streitereien. Raphael flieht vor den Auseinandersetzungen. Ihn zieht es auf die Straße. Dort gefällt es ihm auch besser als in der Schule.

Die darauffolgende Zeit war geprägt vom Hip Hop der 90er Jahre, Schulverweisen, Kleinkriminalität und Identitätskrisen.

In der Schule verschlechtern sich die Noten zunehmend. Teilweise tragen die Lehrer schon gar keine Bewertungen mehr in sein Zeugnis ein. Stattdessen liest man dort ein "nicht beurteilt". Zwei Mal wird er deshalb von der Schule geworfen. Was die Harmonie daheim auch nicht sonderlich begünstigt.

Irgendwann kriegt er aber dann doch die Kurve. "Zum Glück", meint RAF und man merkt, dass er in Erinnerungen schwelgt. Wie sein Weg verlaufen wäre, wenn er sich nicht zusammengerissen hätte, weiß er selbst nicht. Er ist sich jedoch sicher, dass er heute nicht da wäre, wo er nun ist. Er schließt seine Schule ab, studiert dann sogar ein paar Semester, macht den Bachelor in Audio Production und Musikmarketing. Denn Musik war immer das, was RAF machen wollte.

"Klar habe ich hin und wieder auf der Baustelle gearbeitet, aber das war nichts für mich. Ich bin kein guter Handwerker. Man sagte mir immer, geh und mach lieber deine Musik", lacht der Rapper. Doch wirklich Anklang findet er zunächst nicht in der Szene. Vielmehr muss er sich die Aufmerksamkeit erkämpfen.

Die ersten Schritte in der Musik macht der Rapper unter anderem gemeinsam mit der Gruppe "Family Bizz" und "Balkan Express". Auffällig: RAF rappte damals noch auf Französisch. Lange Zeit klappt aber so gar nichts, weshalb sich der Wiener entschließt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mit einer selbstgebrannten CD in der Hand marschieren er und seine Jungs einfach zum damaligen Major-Label EMI auf der Mariahilfer Straße.

Weit kommen sie jedoch nicht, denn bereits an der Tür werden sie von den Securities abgepasst. Der Rapper will sich aber nicht aufhalten lassen und macht solange Radau, bis eine A&R-Managerin rauskommt und die CD entgegen nimmt.

Und tatsächlich zahlt sich die Dreistigkeit aus. Am nächsten Tag klingelt das Telefon. Die Rap-Gruppe wird eingeladen und darf einen Deal unterschreiben. Family Bizz gelingt es, als eine der wenigen österreichischen Hip-Hop-Gruppen einen Major Deal zu unterschreiben. Der große Durchbruch lässt jedoch weiter auf sich warten.

RAF beschließt, sich voll und ganz auf seine Karriere zu konzentrieren. 2007 zieht er nach Berlin und liefert einen Feature-Part auf Chakuzas Debütalbum "City Cobra". Erst 2009 kommt es zum ersten Solo-Album.

Doch auch "Nächster Stopp Zukunft" bringt nicht den Erfolg, den sich RAF gewünscht hätte. Die Klickzahlen auf Youtube steigen zwar an, der Lebensstandard eher weniger. "Sale und ich mussten sogar mal warmes Wasser mit Salz essen, weil gar nichts mehr da war", so RAF. Er beschreibt, wie er teilweise keinen Strom hatte und deshalb die Steckdose aus dem Stiegenhaus abzapfte.

Drei Jahre und drei Releases später veröffentlichte er 2012 als "RAF3.0" die gleichnamige Platte, die es zum ersten Mal in den Charts schaffte. Platz 7 in Deutschland, Platz 5 in Österreich. Im Jahr darauf folgt "Hoch2". Der Durchbruch. Zum ersten Mal steht RAF auf Platz eins der Albumcharts. Und das noch dazu in Deutschland. Im Folgejahr bekommt er den Amadeus Award in der Kategorie "HipHop/RnB" und wird auch für den Echo in Deutschland nominiert.

"10 Jahre schon meinen Erfolg ignoriert,
natürlich verletzt es mich, Bruder"

In den österreichischen Medien stößt das kaum auf Resonanz. RAF ist wütend, dass seine Erfolge "totgeschwiegen" werden, wendet sich von der hiesigen Medienszene ab.

"Jeder macht seinen Job. Ich war prinzipiell nie gegen Medien. Die sind ja gut, um seine Sachen an die Leute bringen. Aber als ich in Deutschland auf der 1 war, hat niemand darüber geschrieben. Stattdessen wurden kleine regionale Erfolge von Schlagersängern hochgepriesen". Bis heute gibt RAF nur sehr selten Interviews.

Nach seinem ersten großen Erfolg wird es dann auch still um RAF. Er zieht sich zurück, um einen neuen Stil zu entwickeln und meldet sich 2016 mit "Ghost" zurück. Auf dem besagten Album findet sich auch die erste Single mit Bonez MC: "Geschichte". Der Song setzte einen Grundstein für den Sprung in den Rap-Olymp.

Gemeinsam mit Bonez MC veröffentlicht er das Album "Palmen aus Plastik". Und das schlägt ein wie eine Bombe. Es folgen mehrere Nummer 1 Hits, sowie ein Gold- und Platin-Regen. Im deutschen Sprachraum ist es in dem Jahr das erfolgreichste Album überhaupt.

Plötzlich kann RAF Camora nicht mehr ungestört durch die Stadt spazieren. In Restaurants wird er besser behandelt als andere Gäste. Hotelangestellte versuchen ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Der Traum eines jeden Künstlers möchte man vermuten. RAF Camora denkt jedoch ein wenig anders darüber: "Es ist eine harte Probe für deinen Charakter. Deshalb ist es mir wichtig, meine alten Freunde immer nah zu halten, denn sie halten dich am Boden. Wer abhebt, der hat verloren.

Er mache an die hundert Fotos pro Tag, "egal in welchem Zustand ich mich gerade befinde". "Leute vergessen manchmal, dass man kein Fotoautomat ist und hin und wieder fehlt dann das Verständnis. Aber so ist der Job."

Zum Job gehört auch, weiter Musik zu machen. Die Messlatte liegt hoch. "Anthrazit" erscheint - sein absoluter Solodurchbruch. Mit Liedern wie "Andere Liga" und "Vienna" gibt er vor allem dem 15. Wiener Gemeindebezirk international eine Identität. Das Album sammelt zahlreiche Gold- und Panslatinplatten.

Was dann passiert, hätte sich RAF wohl selbst nicht erträumt. Denn "Palmen aus Plastik 2" übertrifft alle bislang bekannten Maßstäbe in der Musik-Szene. Gleich 13 Songs landeten in der Release-Woche in den Top 14 der Ö3-Charts. Der Radiosender weigerte sich jedoch, die Lieder zu spielen. Stattdessen gibt es eine Sondersendung über Chart-Phänomene.

Er sagt: "Die Sache war Scheiße, aber das ist Politik. Die können auch nicht wirklich was dafür. Ich hätte sehr gelacht, einfach unser komplettes Album inklusive 'Kokain' auf Ö3 durchzuhören. Sowas musst du erstmal schaffen." Radio an sich findet RAF wichtig. Was ihm daran besonders gefällt: Es gehe nur um die Musik, nicht um die Schuhe oder das Shirt, das er trage.

Dennoch legt der Wiener sehr viel Wert darauf, was er anzieht und wie er sich präsentiert. Er fährt mit auffälligen Luxus-Autos durch Wien, kauft sich eine Immobilie nach der anderen und baut im Hintergrund seine Firma auf. Als unbedingt materialistisch sieht er sich dennoch nicht. Angesprochen auf seine Rolex, antwortet er: "Es ist für mich einfach ein Symbol, dass ich etwas Bestimmtes erreicht habe und andere es auch schaffen können."

Man kann auch nicht leugnen, dass der Wiener immens viele Leute beeinflusst. Allein auf Instagram folgen ihm 1,7 Millionen Fans. Die Videos auf Youtube überschreiten gerne mal die Grenze von 100 Millionen Klicks. Ob sich RAF Camora seiner Vorbild-Funktion bewusst ist? Denn in den Texten von "Palmen aus Plastik" werden Frauen häufig zu Objekten gemacht, Gewalt verherrlicht und Drogen sind generell Thema Nummer 1. Die Texte waren auch einer der Gründe, weshalb Ö3 sich letzten Endes weigerte die Songs von RAF zu spielen – obwohl sie die Charts dominierten.

Der Wiener verweist darauf, dass in Kinos ebenfalls Filme aus Hollywood gezeigt werden, die in seinen Augen menschenverachtend sind. Da müsse man sich fragen, wo Zensur beginnt und wo sie aufhört. Die Jugendlichen auf der Straße würden seine Sprache schon verstehen. Anderen müsse er sowieso nichts beweisen.

"Bald endet all das am Zenit"

Wem er aber immer wieder was beweisen möchte, ist seiner Stadt: Wien. Vor den zwei Shows in der Wiener Stadthalle verspürt er deshalb auch eine besondere Nervosität, obwohl er schon hunderte Shows spielte. Wien sei dennoch immer etwas Besonderes: "Wenn du in München versagst, dann denken sich die Leute ihren Teil und gut ist. Aber in Wien verlierst du dein Gesicht vor allen, die du kennst, wenn du abkackst."

Der Grund dafür sind die Fans. Denn anders als in anderen Städten, stünden viele im Publikum, die er persönlich kennt. RAF hat gefühlt mit der ganzen Bundeshauptstadt bereits ein Selfie gemacht. Hinzu kommt noch die "Ekipa" (zu Deutsch: Mannschaft), mit der RAF Camora bereits seit Tag eins unterwegs ist: "Ich habe vor kurzem eine Facebook-Erinnerung bekommen. Ein Foto von einer Show von vor acht Jahren. Meine Entourage war eins zu eins dieselbe. Die kennen mich. Denen muss ich etwas beweisen."

Obwohl er sich seit 12 Jahren die meiste Zeit in Deutschland aufhält, spürt er eine starke Verbindung zur Bundeshauptstadt. "Ich werde mich immer als Wiener sehen. Ich kann jahrelang in New York leben und ich werde denen trotzdem immer allen sagen, dass ich ein Wiener bin", so RAF. Doch woher kommt diese Liebe zu einer Stadt, die ihm vermeintlich so oft im Weg gestanden ist? "In Wien habe ich alles zum ersten Mal so richtig erlebt. Meine erste Liebe hatte ich in Wien. Meine ersten Freunde hatte ich in Wien. Meinen ersten Joint, meine erste Schlägerei, mein erstes Moped."

Lediglich den ersten Erfolg erlebte er erst in Berlin. "Leider Gottes", meint RAF. Wobei er froh ist, dass es ein wenig dauerte. Er denkt, dass er in jungen Jahren nicht hätte mit dem Erfolg umgehen können. Jetzt ist er gefestigter im Leben: "Ich habe einiges gesehen und viel dazugelernt. Ich glaube, ich bin heute vorsichtiger als früher."

In Bezug auf Wien wird er auch ein klein wenig politisch. Üblicherweise äußert sich RAF nicht über die Politik. Er habe zu wenig Ahnung, meint er. Jedoch betont er, dass Wien eine multikulturelle Stadt ist: "Man soll froh sein, dass die Leute hier sind. Ich will nicht wissen wie es wäre, wenn alle weg sind. Meinen Bezirk kannst du dann wegschmeißen." Besonders der Balkan ist seiner Meinung nach sehr wichtig für die Bundeshauptstadt: "Ohne die Leute würde man so viel Lebensfreude verlieren. Jeder Wiener, der meint, er hätte keinen Balkan-Bezug, der lebt in einer Blase. Denn Wien ist Balkan!"

Apropos Balkan: Der Rapper ist auch dort überaus beliebt. So beliebt, dass er sogar bereits eine Tour durch Bosnien, Serbien, Albanien und Montenegro spielte. Auch aktuell befindet er sich am Balkan für ein paar Shows. "Die singen jede Zeile mit. Ich weiß nicht wie. Abnormal", zeigt sich RAF begeistert.

Warum also will RAF nun alles beenden? Und zwar genau jetzt, wo er am höchsten Punkt seiner Karriere steht? Nachdem er zwei Mal die Stadthalle ausverkauft hat, sei für ihn klar, dass die Zeit reif ist für ein Ende: "Ich möchte schön aus der Sache gehen und nicht stolpernd weitermachen." Im November wird sein letztes Album "Zenit" erscheinen, im Dezember 2020 endet die "Zenit-Phase".

Ganz verabschieden wird er sich aber nicht. Er vergleicht sich dabei mit einem Fußballer: "Wenn du das Feld komplett auseinander genommen hast, dann wirst du Trainer. Ich werde der krasseste Trainer und zerstöre alles." Er möchte sich auf das Managen konzentrieren und auch Musik produzieren wird er natürlich weiterhin. "Erst dann geht es richtig los", kündigt RAF Camora an. In welcher Form er Musik machen wird, steht für ihn in den Sternen, doch aus dem Vordergrund wird er sich zurück ziehen.

Bevor er sich aber aus der großen Öffentlichkeit zurückzieht, saß der Rapper Anfang April diesen Jahres tatsächlich in der Marx-Halle, als ihm der Gamechangers-Award von Puls4 verliehen wurde. Auch seinen HipHop-Amadeus holte er sich dieses Mal selbst ab. Und wer bei der Dankesrede eine Hasstirade erwartete, der wurde enttäuscht. Kein Seitenhieb gegen den ORF. Keine Stichelei gegen Puls4. Gleichzeitig aber auch kein direkter Dank. Der gelte nämlich immer den Fans. Es wirkt so, als hätte RAF mit den verhassten Medien abgeschlossen. Eine Umarmung gibt es nicht, aber ein freundliches Zunicken vielleicht.

Persönliche Träume hat der Wiener übrigens auch, die er nach dem Zenit verwirklichen möchte. Eines davon ist ein Studio mit Meerblick. Noch wichtiger sind ihm aber familiäre Pläne: "Ich wollte früh eine Familie gründen. Aber das musste warten. Das ist der Preis, den ich für meine Karriere bezahlen musste."