Töchter & Söhne

Dykris

In Wien geboren, aber trotzdem merkt man recht schnell, dass man nicht ganz dazugehört. Die Sprache ist anders, der Nachname ist anders. Sängerin Dykris hatte schon etliche Höhen und Tiefen durchmachen müssen. Und zwar schon von Kindheitstagen an.

Ihre Eltern kommen aus Bosnien. Erst mit 21 Jahren zog ihre Mutter nach Wien, in den 20. Bezirk, in die Dresdner Straße. Dort blieb die Familie aber nicht lange: "Meiner Mutter waren dort zu viele Ausländer".

Die einzigen Ausländer in der Stiege

Das meinte sie aber gar nicht böse. Sie wollte sich einfach möglichst schnell integrieren und deutsch lernen. "Deshalb sind wir in die Donaustadt gezogen", erinnert sich Dykris. Damals sei der 22. Wiener Gemeindebezirk eine "rein österreichische Gegend" gewesen, so die Sängerin: "Meine Mutter wollte, dass ich mit Österreichern aufwachse".

Die Sängerin weiß noch, dass sie mit ihrer Familie die einzigen Ausländer im Stiegenhaus waren. Damals war ihr ihre Herkunft sogar unangenehm. Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. "Kunderbunt", nennt es Dykris.

Mit der Musik hatte Dykris zunächst gar nichts am Hut. In der Schulzeit drehte sich ihr Leben vollkommen um Sport. Täglich nahm sie ihr Skateboard, fuhr zur Kirche und bretterte dort die Stiegen hinunter. Oftmals zum Ärger des Pfarrers.

Ihr Traum war es zunächst Leichtathletin zu werden. "Ich war groß, ich wollte zu den olympischen Spielen", schwelgt sie in Erinnerungen. Aufgrund von mehreren Verletzungen platze ihr Traum jedoch in der Jugend. Sie konnte irgendwann nicht mehr mithalten und verlor sich selbst ein wenig.

Ein Schulkollege brachte sie durch einen Zufall zur Musik. In einer Pause trällerte die Wienerin vor sich hin. Ihr Freund packte sie am Arm und zog sie zum Musiklehrer. Dieser stellte sie direkt vor die Klasse und wollte ihre Stimme hören: "Sing!" Und Dykris sang.

Plötzlich die Schule abgebrochen

Ihre unverkennbare Stimme konnte man ihr schon damals nicht absagen. Ihre Klassenkameraden sahen die Musikerin plötzlich mit anderen Augen. Auch ihre Lehrer nahmen sie auf einen Schlag anders wahr.

Zuvor wurde sie schon ein wenig ausgeschlossen. "Schaut mal, der Tschuschenpflaum", sagte man zu ihr. Auch ihren Nachnamen zogen die Kinder ins Lächerliche: Statt Knezevic nannte man sie "Käsesandwich". Wirklich persönlich nahm Dykris die Sticheleien nie: "So sind Kinder halt, da denkt man nicht darüber nach."

In der HAK schmiss Dykris dann plötzlich hin. Von einem Tag auf den anderen brach sie die Schule ab. Ihre Mutter akzeptierte ihre Entscheidung. Sie meinte lediglich: "Es ist dein Leben."

Die Musikerin legte sich aber nicht auf die faule Haut. Sie fing umgehend in einem Eissalon zu arbeiten an: "Das war auch immer so ein Traum von mir. Eisverkäuferin."

In Wahrheit sammelte sie aber Geld für einen großen Plan, der sich letzten Endes als großes Unglück entpuppen sollte. "Ich habe Teller gewaschen, gekellnert, alles. Ich habe dann auch einen Kredit augenommen, die Koffer gepackt und ab in den Balkan!", so Dyrkis.

Sie wollte in der Heimat ihrer Eltern Fuß fassen. Sie wollte dort ein Star werden. Der Haken: Am Balkan hat man ein gewisses Bild von Sängerinnen. Und auch Dykris wollte man in den Rahmen pressen: "Man sagte mir, sei weiblicher. Zieh Stöcklschuhe an." Sie weigerte sich jedoch in der Hoffnung herauszustechen. Das Gegenteil war aber der Fall. Man legte ihr immer mehr Steine in den Weg. "Ich war so enttäuscht. Ich habe zwei Jahre dann gar keine Musik mehr gemacht", erinnert sich die Sängerin.

Outing? Tabu-Thema am Balkan

Jahre später wollte ich am Balkan Fuß fassen, war vlt nicht mein größter Fehler, weil ich hab mich nicht verändert, kredit aufgenommen, wollte dort ein Star werden, bin aufgewacht und hab gesagt, ich will das nicht mehr, sei weiblicher, zieh stöcklschuhe an, ich war so enttäuscht, ich hab zwei Jahre gar keine Musik gemacht. Heute ist sie überzeugt, ihren Musikstil gefunden zu haben und freut sich auf die künftigen Releases.

Im Bezug auf den Balkan hat sie die Hoffnung, dass die Toleranz in den kommenden Jahren wächst. So erklärt sie, dass sie dort mehr gehänselt wird als in Österreich. Der Grund: Ihr Kreuz, welches sie um den Hals trägt. "Meine Mutter ist Muslima, mein Vater römisch-katholisch. Wir sind immer zusammen am Tisch gesessen. Das war nie ein Problem für uns", erzählt Dykris. In Bosnien sieht die Sache anders aus. Dort verlangt man von ihr, dass sie die Kette abnimmt - was sie aber nicht macht.

"Ich liebe es zu provozieren", freut sich Dykris schon fast. Ein interessantes Thema ist ihre Sexualität: "Wenn ich mich am Balkan outen würde, das will ich mir gar nicht vorstellen. Das zählt dort noch immer als Krankheit." Sie ist aber überzeugt, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird: "Es braucht seine Zeit. Aber es kommt schön langsam. Es kommt".