Wiens erstes Fernzug-Reisebüro

Vater und Sohn wollen Fernzugreisen in Europa und von Wien nach Asien anbieten.

Sohn Elias (19) und Vater Matthias (48) Bohus sind auf die Bahn gekommen

Vater Matthias (48) und Sohn Elias (19) Bohun

Vater Matthias (48) und Sohn Elias (19) Bohun

Schüler wollen nicht mehr mit dem Flugzeug fliegen, sie bevorzugen den Zug“, erklärt der Deutsch-Lehrer Matthias Bohun. „Und die Kinder entscheiden heutzutage, wir sehen das bei den Klimaprotesten.“


Die Idee von Vater Matthias (48) und Sohn Elias Bohun (19) das erste Reisebüro für Fernzug-Reisen „Traivelling“ (= Train & Travelling) in Wien auf Schiene zu bringen, trifft den Nerv der Zeit. Klima liegt im Trend. Das Wort "Flightshaming", Flugscham, belegte 2019 den dritten Platz als das Deutschschweizer Wort des Jahres. Es steht für ein neues Klimabewusstsein, denn jeder Flug wirft einen Schatten auf das ökologische Gewissen. „Bereits 1.000 Anfragen haben wir erhalten“, erzählen die "Traivelling"-Gründer. Von Schulklassen, aber auch von Flug-ängstlichen Diplomaten. Und das, obwohl das Reisebüro erst Anfang 2020 durchstarten will.



Die Idee für die Gründung des Reisebüros kam dem 19-jährigen Chemie-Student nach seiner Matura-Reise. Die trat er nämlich im Zug nach Laos an: "Es hat sich als extrem schwierig herausgestellt. Man musste in jedem Land andere Leute finden, die einem Tickets kaufen und diese auch hinterlegen. Als ich dann nach dieser tollen Erfahrung zurückgekommen bin und alles gut gegangen ist, dachte ich mir, ich würde das gerne allen ermöglichen!"

"Traivelling" will einen komplett neuen Service anbieten. Elias Bohun erklärt: "Bei uns kann man ein Ticketpaket von Wien nach Vietnam kaufen. Vor Ort werden dann Tickets hinterlegt oder man bekommt sie vor Reiseantritt zugeschickt. Wir machen es einfach möglich, weltweit mit dem Zug zu reisen, was so noch niemand macht. Wir kaufen Tickets zum lokalen Preis und verrechnen dann eine kleine Provision (zehn bis 20 Prozent der Ticket-Preise). Wir wollen keine Luxusreisen anbieten, sondern Bahnreisen für Jedermann/Jederfrau ermöglichen."

Vater und Sohn, die in Mödling wohnen, betonen, dass sie mit dem Projekt, mit dem sie den mit 30.000 € dotierten Preis für Niederösterreichs beste Geschäftsidee gewonnen haben, ein neues Reisebewusstsein zu schaffen.


Auch Elias Bohun musste sein Bahn-Bewusstsein erst erlernen: "Ich war ein Jahr in einem Internat in England. Ich habe nie daran gedacht, dass es möglich wäre, mit dem Zug zu fahren. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen. In Wahrheit fährt man 12 Stunden mit dem Zug nach London. Ich fände es cool, wenn Leute einfach die Möglichkeit sehen, andere Verkehrsmittel zu nützen."

Vater Matthias Bohun (48) vergleicht Reisen mit Essen. Unsere Gesellschaft erlebt eine Bewusstseinsveränderung. Der Fast-Food-Hype sei längst vorbei: "Das Konzept 'Erlebnis' im Urlaub sollte getrennt werden von 'Ich fliege schnell wohin'. Das ist auch beim Slowfood-Essen so. Ich denke, man kann mehr erleben, wenn man nicht nur maximal schnell wohin- oder durchrauscht."


Für den Start im Jahr 2020 bieten sie zwei Reisen in Europa und drei in Asien an: Lissabon, Barcelona, Hanoi, Bangkok und Tokio. Auch ganz individuelle Reiseanfragen sind erwünscht, meinen die enthusiastischen Gründer.

"Wissen Sie, wie lange es von Wien nach Barcelona mit dem Zug dauert? Sie fahren am Abend weg und kommen am nächsten Abend an. Wenn Sie fliegen, ist es doch Stress: zum Flughafen, Sicherheitsscheck, Warten, Verspätung. Dann kommen sie außerhalb von Barcelona an. Das ist auch ein Reisetag. In 22 Stunden sind Sie in Barcelona. Europa ist uns ein großes Anliegen", sagt Matthias Bohun. Derzeit stehen die Traivelling-Gründer in Verhandlungen mit der österreichischen Bundesbahn ÖBB sowie mit der spanischen Staatsbahn. Und sie haben im Gefühl, dass das der Anfang einer längeren Reise sein könnte.

Elias Bohun will jetzt nicht mehr fliegen und resümiert mit einem Plädoyer für die Bahn: "Wenn man aus dem Flugzeugfenster blickt, sieht man nichts, außer vielleicht Berggipfel. Wenn man am Boden fährt, dann ist es eine andere Erfahrung. Man merkt dann erst, wie groß oder wie klein die ganze Welt ist. Man sieht die sie nämlich vorbeiziehen, das ist eine besondere Erfahrung."