"Über das Ergebnis hinaus"

Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Francesco Lettieri

"Was ist aus uns geworden? Wir sind alt, Barà! Schau dich an!"

Die Geschichte eines alternden Ultras

Seit dem 20. März 2020 ist der Debütfilm von Francesco Lettieri "Über das Ergebnis hinaus" auf Netflix zu sehen. Bereits in der ersten Woche gelang es dem 109 minütigen Film etwa in Spanien, Deutschland, Holland oder Italien unter die Top Ten der meistgesehenen Filme des Streaming-Giganten zu klettern.

In der englischen und italienischen Version ist der Titel des Films "Ultras". Um jene Gruppe gewaltbereiter Fußballfans, genauer gesagt die fiktive Gruppierung "Apache" des SSC Neapel, geht es auch. Sandro (Aniello Arena) ist ein in die Jahre gekommener Fußball-Ultra, Boss der Gruppe "Apache". Doch wegen eines Stadionverbots (Daspo: Divieto di accesso alle manifestazioni sportive" - ein Zutrittsverbot zu Sportveranstaltungen) müssen er und seine "Brüder" der jungen und wilden Generation mit Pechegno (Simone Borrelli) die Führung in der Kurve überlassen. Sandro zieht mit seinen 50 Jahren Resümee: Was hat er in all den Jahren der vielen Schlägereien gemacht? Was ist von seiner Zeit auf der Reservebank übrig geblieben? Wie soll er jetzt den Alltag meistern? Er muss sich seiner Vergangenheit stellen, auch den düsteren Kapitel, wie etwa, dass sein Sohn vor Jahren bei einem Zusammenstoß von radikalen römischen und neapolitanischen Fans verstorben ist.

Der Konflikt zwischen der jungen und älteren Generation der Ultras scheint in Neapel immer mehr zu eskalieren und mittendrin befindet sich auch Sandros jüngster Zögling Angelo (Ciro Nacca). Sandro muss sich also noch einmal zwischen die Fronten stellen.


Francesco Lettieri (34) gewährt in seinem Film Einblick in eine aggressive, der Medien eher unbekannten Gruppe der Ultras, und das von Innen heraus. Gewalt, Sex, gefährliche Männerbilder, Gruppendynamik und Charaktere, mit realen Konflikten, für die man durchaus eine zwiespaltige Sympathie empfinden kann. Lettieri zeigt einen Film über fanatische Fans, über einen Sport der die süditalienische Stadt regiert, ohne das Stadion von Innen oder je einen Ball zu zeigen. Es geht um die Menschen und ihre Beweggründe. Lettieri bedient sich theatralischen Mitteln, inszeniert die Geschichte in einem rauen Neapel. Seine Filmsprache ist oft kontrastreich, erinnert an eine Mischung der Serie "Gomorrha" und enthält Szenen, die an "La grande Bellezza" des italienischen Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino erinnern. Italienische Medien berichten, dass der Film an den Mord eines jungen neapolitanischen Ultras, der 2014 von einem römischen Hooligan vor dem italienischen Pokalfinale erschossen wurde, erinnert. "Heute" hat Francesco Lettieri zu seinem Debüt, seiner Vita und seiner Beziehung zu den Ultras einige Fragen gestellt.

Wie bist du zum Film gekommen?

Mit 18 Jahren beschloss ich in Rom Film zu studieren. Ich hatte keine Leidenschaft dafür. Zuhause wurden nie viele Filme angesehen. Aber während meines Studiums wurde klar, dass es die richtige Entscheidung war. Mein Mitbewohner war Sänger, ich begann seine Musikvideos zu drehen. Ich habe zahlreiche Videos gestaltet und wurde durch meinen Stil bekannt. In den letzten Jahren habe ich auch die Musikvideos des anonymen neapolitanischen Sänger Liberato gedreht. Durch diesen Erfolg bin ich schließlich zu meinem ersten Film gekommen.

Wie ist es dann dazu gekommen diesen Film zu drehen?

Verschiedene Produktionsfirmen sind auf mich zugekommen und ich hatte dieses Drehbuch fertig in meinen Händen. Als dann plötzlich Nicola Giuliano, der Produzent von Paolo Sorrentino, auf mich zukam, war es wie Liebe auf den ersten Blick. Auch er ist aus Neapel und sah das Potenzial des Films.

Wie beschreibst du den Film?

Der Film handelt von den "Ultras", aber der Fokus liegt auf den menschlichen Themen, den Charakteren. Es geht um die Grundbedürfnisse, die Triebe, Liebe, Gewalt, die Zugehörigkeit zu einer Kultur und eines wahren Glaubens, den man in der Mannschaft findet. Es ist ein kollektiver Film, mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten und Geschichten, die zeigen wie Fussball in den unterschiedlichen Generationen gelebt wird.

Wie oder wo hast du über die unbekannte Welt "Ultras" recherchiert?

Ich war selbst immer im Stadion San Paolo. Ich war nie Teil der Ultras, aber ich kenne sie von "außen". Neapel ist eine Stadt, die vom Fußball lebt. Ich habe mir von Freunden, die Ultras kennen, Geschichten erzählen lassen. Ich habe Interviews geführt und ein paar Darsteller sind sogar ehemalige Ultras.

Wie wurden die Darsteller ausgesucht?

Wir haben lange gecastet. Manche Darsteller sind professionelle Schauspieler, andere sind Amateure. Wir haben auch auf der Straße nach passenden Persönlichkeiten gesucht, auch im Gefängnis. Ich habe sogar selbst Menschen auf der Straße aufgehalten und angesprochen.

Was waren die Herausforderungen bei den Dreharbeiten?

Es war kein einfacher Film. Wir hatten viele Szenenwechsel, Massenszenen, Plansequenzen. Ich arbeite mit meinem Team seit meinem ersten Musikvideo zusammen. Wir kennen uns alle seitdem wir klein sind und wir verstehen uns ohne miteinander reden zu müssen. Das hat bei den Herausforderungen geholfen.

Inwiefern hatte der Ausbruch der Corona-Pandemie einen Einfluss auf deinen Film?

Der Film hätte drei Tage bevor er auf Netflix zu sehen war, in den italienischen Kinos gespielt werden sollen. Die Verordnung der Regierung ließ aber alle Kinos kurz davor schließen. Es war schade meinen ersten Film nicht im Kino sehen zu können. Aber ich habe Glück im Unglück. Mein Film konnte fertig gestellt werden und ist auf Netflix zu sehen. Für viele andere ist sich das nicht ausgegangen.

Die Bilder im Film sind schön - auch intensiv. Die Gewaltszenen wirken milder, als erwartet.

Ich wollte keinen Actionfilm machen, der nur aus Schlägereien besteht. Der Protagonist ist ein Ultra mit Verbot das Stadion zu besuchen. Er darf keine Fussballspiele mehr sehen. Und im Film findet er sich damit ab, schön langsam trennt er sich von der "Kurve". Im Zentrum des Films sind die Szenen in der Mohican (Anm.: Spitzname des Protagonisten) eine andere Seite zeigt. In seinem Alltag, in der Rolle des Vaters oder als Verliebter. Seine Ungeschicktheit und seine Naivität haben mich an seiner Persönlichkeit interessiert.

Könnte der Film für dich gefährlich werden? Hast du Angst vor Konsequenzen mit Ultras?

Vergangene Woche gab es Plakate in der Stadt gegen den Film. Die Ultras in Neapel sind darauf bedacht, dass sie dieser Film keines Falls präsentiert und, dass sie nicht Teil der Dreharbeiten waren. Natürlich hat es ihnen nicht gefallen, dass ich diesen Film gemacht habe. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich hier alles korrekt gemacht habe und respektvoll über ein Phänomen erzähle, das oft sofort mit Kriminalität gleichgesetzt wird. Ich habe die Plakate erwartet, aber ich bin entspannt, dass nicht mehr passieren wird.

Inwiefern könnte dein Film das Bild der Stadt Neapel beeinflussen?

Es gibt viele Filme, die in Neapel spielen. Sie haben in den letzten Jahren zahlreiche Serien und Filme hier gedreht. Ich zeige keinen Verfall in der Stadt, wohl eher eine Stadt, die vernachlässigt wurde. Man sieht ein anderes Neapel. Man sieht weder die typischen kleinen Gassen im Zentrum, noch das Stadtviertel mit dem sozialen Wohnbaukomplex Scampia. Ich zeige ein anderes Neapel, ein Neapel so wie es ist.