Unser Retter?

Eben noch beflegelt, jetzt unsere ganze Hoffnung. Auch solche Geschichten schreibt Corona.

Das Leben macht sich manchmal schon eine ziemliche Gaudi mit uns. Es ist nicht einmal ein Monat her, als in den meisten deutschen Fußballstadien hässliche Banner auftauchten. Man sah einen Mann im Fadenkreuz, er wurde unter anderem als „Hurensohn“ beschimpft, mehreren Spielen drohte der Abbruch, das Match TSG Hoffenheim gegen FC Bayern München musste zweimal unterbrochen werden. Als der deutsche Fußballbund mit der Räumung von Fanblocks drohte, reagierten die Ultras mit neuen Spruchbändern. „Wir entschuldigen uns bei allen Huren, sie mit Herrn Hopp in Verbindung gebracht zu haben“.

So wirklich klar wurde nie, warum sich der Zorn so auf einen Mann fokussierte, der in seiner Heimat als Mäzen gilt, aber vielleicht reichte es den Fans auch einfach, dass Dietmar Hopp reich ist, sehr reich. Er ist Mitbegründer von SAP und war zehn Jahre lang Vorstandvorsitzender des Software-Unternehmens. Laut aktueller Forbes-Liste besitzt der 79-Jährige ein Vermögen von 11,2 Milliarden Euro, das brachte ihn auf Platz 96 der reichsten Menschen der Welt. Zwei Drittel seines Geldes hat er allerdings in eine Stiftung eingebracht, die gemeinnützige Projekte unterstützt, Bildung, Medizin, Soziales, Sport. Und er ist Gründer einer Klimastiftung. „Hurensohn“, also ich weiß nicht.

Ein Unternehmen aus Tübingen (Deutschland) mit dem Namen CureVac forscht derzeit intensiv nach einem Impfstoff gegen Covid-19. Der Pharmabetrieb dürfte recht erfolgreich sein, denn vor ein paar Tagen lud US-Präsident Donald Trump den Chef des Unternehmens ins Weiße Haus ein, als einzigen Manager einer europäischen Pharmafirma übrigens, und unterbreitete ihm dort ein Angebot: eine Milliarde Dollar für die Exklusivrechte am Impfstoff gegen Corona. Ich habe vergessen zu erwähnen: Der Mehrheitseigentümer hatte zuvor angekündigt, dass seine CureVac eventuell schon im Herbst ein Mittel gegen das Virus auf den Markt bringen könnte. Der Name des Mehrheitseigentümers: Dietmar Hopp, der „Hurensohn“ aus der Fankurve.

CureVac war im Jahr 2000 gegründet worden. Fünf Jahre später stieg Hopp mit 80 Prozent ein, seit 2015 hat das Unternehmen 450 Mitarbeiter und einen schillernden Miteigentümer, die „Bill und Melinda Gates Foundation“. Ob es bald mit dem Impfstoff soweit sei, hänge von der Zulassung ab, sagte Hopp nun Sport 1. „Es müssen ja erstmal Tests gemacht werden, an Tieren und dann an Menschen. Ich denke aber zum Herbst müsste das verfügbar sein und dann käme möglicherweise die nächste Welle erneuter Infektionen“. 

Ist das nicht ein Treppenwitz? In einem halben Jahr werden sich die Verfasser der „Hurensohn“-Banner bei den Gesundheitsämtern anstellen, um sich den Impfstoff vom „Hurensohn“ spritzen zu lassen. Erste Fanklubs, höre ich, denken jetzt über eine Strategieänderung nach. Ach ja, das Angebot von Donald Trump hat der „Hurensohn“ übrigens dankend abgelehnt.

Hopp, Hopp!

Es werden natürlich auch Menschen in den Genuss des Wirkstoffes kommen, die momentan noch eher in die Gegenrichtung arbeiten, nämlich daran, dass Corona so richtig die Sau rauslassen kann. In den Skigebieten von Salzburg etwa wurde noch am vergangenen Wochenende heftig gefeiert, in den Bars ging es rund, Gruppenkuscheln war angesagt. Corona mag das, nicht in jedes Hirn war das bis dahin vorgedrungen, vielleicht dachten sich auch manche, das Virus sei in Tirol auf Urlaub und auch so ein Virus kann ja unmöglich gleichzeitig an zwei Orten sein. 

Offenbar doch. Mit heute Mitternacht nun wurden Bad Gastein, Bad Hofgastein, Dorfgastein, Hüttschlag, Großarl und Flachau unter Quarantäne gestellt. Nur Saisoniers, Fachkräfte und Angestellte dürfen noch abreisen, diese Strategie hat sich schon in Tirol als Volltreffer erwiesen. 20.500 Menschen werden von der Außenwelt abgeschnitten, auch weil ein paar, ich schreibe jetzt nicht Hurensöhne, noch „ein intensives Apres-Ski-Leben“ genossen haben, wie Landeshauptmann Wilfried Haslauer dem ORF sagte. Von diesem „Apres-Ski-Leben“ hat der Bürgermeister von Flachau wiederum nichts mitbekommen, davon „wisse er nichts“, sagte er. Die Nähe zu Skiliften löst offenbar tatsächlich Amnesie aus, wenn das Chaos vorbei ist, sollten sich das Ärzte einmal genauer anschauen.

Tirol selbst nahm sich gestern Abend überhaupt komplett aus dem Spiel. Landeshauptmann Günther Platter, der bisher immer behauptete hatte, „alles Menschenmögliche“ im Kampf gegen das Virus getan zu haben, machte tatsächlich erstmals „alles Menschenmögliche“ und zwar machte er es den Menschen unmöglich, ihre Gegend zu verlassen, er stellte alle 279 Gemeinden seines Bundeslandes unter Quarantäne. Die Orte werden abgeriegelt, man darf nun mit guten Gründen raus, einkaufen im Nachbarort, weil dort die Gurken im Angebot sind, gilt nicht als solcher, nach Tirol einreisen darf nur mehr, wer von dort ist. Vom Image her war das schon mehr wert.

Alkohol killt Corona.
Wussten Sie, oder?

Es ist nicht so, dass es nur in Österreich schlichte Gemüter gibt, mitnichten. Oberwiesenthal ist ein „staatlich anerkannter Kurort“ im deutschen Fichtelgebirge, man kennt die Stadt als Veranstalter von Weltcup-Skispringen. Einmal im Jahr, immer am zweiten Märzwochenende, widmet sich der „staatlich anerkannte Kurort“ der Hochkultur, dann nämlich ist Nacktrodeln. Ich gehe jetzt nicht weiter auf die Regeln ein, aber grob kann man sagen, dass es darum geht, nackt zu rodeln, am vergangenen Wochenende war es wieder soweit. Man sollte dazusagen, dass beim Nacktrodeln traditionell ein mexikanisches Bier ausgeschenkt wird, es trägt den Namen Corona. Es ist also nicht so, dass es keine Hinweise gab.

Als also außerhalb von Oberwiesenthal alle auf ihre Smartphone starrten, auf denen immer wieder neue Horrormeldungen aus Italien aufpoppten und als es in Sachsen, dort liegt der „staatlich anerkannte Kurort“ nämlich, selbst schon 105 Erkrankungsfälle gezählt wurden und als die Grenze zum nahen Tschechien wegen der Virusgefahr längst geschlossen war, trafen sich ein paar Hundert Leute, um auf engem Raum Party zu machen und das auch noch hochoffiziell erlaubt, denn das Gesundheitsamt hatte keinerlei Einwände. 

In der Genehmigungs-Mail liest sich das so: „Da es sich bei der Veranstaltung um eine Freiluftveranstaltung handelt und sicher zu realisieren ist, dass nahe menschliche Kontakte nicht gegeben sind und keine ausländische Beteiligung von ihnen bestätigt wurde, gibt es aus infektionshygienischer Sicht keine Bedenken das Nacktrodeln durchzuführen“. Wir lernen: Wenn man nackt ist, muss das nicht zwingend heißen, dass man kein Gewand anhat, man kann auch im Hirn recht blank sein.

„Wir hatten sehr viele Besucher, es war eine schöne Party“, sagte der Veranstalter der Sause Joachim Nöske zur „Freien Presse“. Er betonte auch den altruistischen Charakter des Events. Das Virus vertrage keinen Alkohol, also habe man es sozusagen damit bekämpft. Auf diese Begründung sind bisher noch nicht einmal die Hallodris aus Ischgl gekommen. Nöske war mit denen aber offenbar im gleichen Tourismus-Proseminar. Ob er nicht fürchte, dass sich Leute angesteckt haben könnten? Nein, antwortete er, Oberwiesenthal stehe für Urlaub, man genieße die schönen Seiten des Lebens, Corona gebe es hier oben nur in der flüssigen Form. Ich wünsche es ja niemandem, aber möglicherweise genießen ein paar Nacktrodler aus dem „staatlich anerkannten Kurort“ die „schönen Seiten des Lebens“ bald von unter der Erde aus. 

Was kostet es,
wenn es "kostet,
was es wolle?"

Sie erinnern sich noch an den „Öffi-Talk“ von „Heute“ mit dem neuen Finanzminister Gernot Blümel? „Mein Konto war noch nie im Minus“, sagte er. Bis gestern. Prack! Jetzt steht er mit 38 Milliarden Euro in der Kreide. 

Die Regierung beschloss ein Hilfspaket für die unter der Corona-Krise leidenden Wirtschaft, es regnet Geld, aber meine Vermutung ist, dass die Tropfen immer noch zu dünn sein werden, um wieder zum Blühen zu bringen, was das Virus kaputtgetrampelt hat. Vier Milliarden waren schon bisher zugesagt, dazu kommen 15 Milliarden Notfallhilfe, zehn Milliarden Steuerstundungen, neun Milliarden Kreditgarantien. 38 Milliarden Euro, nur zur Einordnung: Die Republik gab im gesamten Jahr 2019 fast 79 Milliarden Euro aus. Corona frisst uns gut die Hälfte der Staatsausgaben eines Jahres weg. Oder er legt die Hälfte oben drauf. Beides übel.

Lange werden wir das nicht aushalten, aber was ist die Alternative? „Alles, was es braucht – koste es, was es wolle“, sagten Kanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Werner Kogler bei der Präsentation gestern. „Koste es, was es wolle“, dieser Satz wird lange nachhallen. „Ein paar Milliarden mehr Schulden bereiten mir weniger schlaflose Nächte als hundertausend Arbeitslose“, hatte Bruno Kreisky einmal seine Budgetpolitik definiert. Seit Jahrzehnten reibt die ÖVP der SPÖ diesen Satz unter die Nase, er soll für die notorische Zügellosigkeit der Roten bei den Staatsausgaben stehen. Jetzt dreht ausgerechnet ein schwarzer, pardon türkiser Kanzler den Geldhahn auf. Wieder so ein Treppenwitz. 

Mama ist die Beste

Die süßeste Geschichte des Tages spielt in Wien-Liesing. Dort bastelten zwei Buben mit ihrem Papa ein Plakat und hängten es an der Hauswand auf. „Liebe Mama“, steht drauf, „danke, dass du eine Krankenschwester bist und für andere sorgst“. Die Mama war kurzfristig zur extra Nachtschicht ins Krankenhaus Wien-Hietzing einberufen worden. Als wir Papa Florian (33) gestern gemeinsam mit seinen Söhnen Raphael (9) und Elias (7) auf der Straße vor dem Haus fotografierten, schlief die Krankenschwester (30) in der Wohnung ihre Erschöpfung aus. Sie ist eine der Heldinnen dieses Landes in diesen Tagen. Ich bin überzeugt, sie wird sich über die Überraschung gefreut haben.

Und, ach ja, wir haben jetzt einen Klopapierrechner auf heute.at und das ist jetzt nicht einfach so eine Rein-Raus-Geschichte, sondern man muss ein paarmal hin und her wischen, um zu einem sauberen Ergebnis zu kommen, ich papierl Sie nicht. Gefragt sind etwa die „Toilettenbesuche pro Tag“ und die „Wischungen pro Toilettenbesuch“, aber auch die Anzahl der Blätter, die sich auf der Rolle der Wahl befinden. Errechnet wird, wie lange man mit seinem Bestand an Toilettenpapier noch auskommt. Wenn das Ergebnis vorliegt, kann es sein, dass Sie flitzen müssen.

Möge Ihre Vorratshaltung wunderbar sein. Ich darf einen klolosallen Donnerstag wünschen.

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Fotos:
Hurensohn: Imago Images, Matthias Koch
Dietmar Hopp: DPA, Uwe Anspach
Nacktrodeln: Anbieter
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Familie: Heute, Sabine Hertel

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