"Voltaire High": Geniale Teenie-Serie im Zeichen der Emanzipation

Credit: Amazon.com

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Die neue französische Amazon-Serie "Voltaire High" bringt uns zurück in das Jahr 1963. An einem Gymnasium werden erstmals Buben und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Dies führt zu allerhand Spannungen.

Heutzutage ist es völlig normal, dass Mädchen und Buben gemeinsam zur Schule gehen. Das war allerdings nicht immer so. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Koedukation an öffentlichen Schulen in Österreich erst 1975 eingeführt wurde.

Frankreich setzte diesen Schritt schon etwas früher. Genau diese Thematik hat sich Drehbuchautorin Marie Roussin zum Vorbild für ihre neue Serie genommen und landete damit einen echten Überraschungshit.

Schulklassen im 60er-Jahre-Flair

"Voltaire High" (Originaltitel "Mixte 1963") ist die erste Serie, die vollständig in Frankreich für Amazon produziert wurde und führt die Zuseher und Zuseherinnen zurück in die frühen 60er Jahre. In einer kleinen französischen Gemeinde öffnet das Burschengymnasium erstmals auch für Mädchen. Spannungen und Chaos sind damit vorprogrammiert.

Konrektor Paul Bellanger (Pierre Deladonchamps) und die Englischlehrerin Camille Couret (Nina Meurisse) im Lehrerzimmer (Credit: Amazon.com)

Konrektor Paul Bellanger (Pierre Deladonchamps) und die Englischlehrerin Camille Couret (Nina Meurisse) im Lehrerzimmer (Credit: Amazon.com)

Nicht alle Lehrkräfte sind mit der Entscheidung des Schulleiters einverstanden. Konrektor Paul Bellanger (Pierre Deladonchamps) sorgt sich etwa um die moralische Verwahrlosung seiner Schüler.

Die 15-jährige Michelle (Léonie Souchaud) wird von ihrem älteren Bruder angekeift, dass sie für die Arbeit in der Fleischerei der Eltern gar keinen Schulabschluss brauche. Und die clevere Annik (Lula Cotton-Frapier) wird vom strengen Lateinlehrer konsequent ignoriert, obwohl sie als einzige im Unterricht die richtige Antwort weiß.

Sexismus und Vorurteile

Die Serie wandelt zwischen Teenie-Romanze, Komödie und Historiendrama. Dies ist auch eine ihrer größten Stärken. Zwischen den klassischen Highschool-Konflikten bietet die Produktion in allen acht Folgen genügend Raum um Sexismus, Klassenunterschiede, Vorurteile und die Unterdrückung von Homosexuellen in der damaligen Zeit aufzuzeigen.

Immer wieder wird das Publikum herausgefordert, patriarchalische Strukturen, veraltete Muster und Geschlechterrollen, die heute noch bestehen, zu überdenken. Gleichzeitig vermittelt die Serie nostalgische Gefühle und lässt die Zuseher und Zuseherinnen lächelnd auf die eigene Schulzeit und Jugend zurückblicken.

Es ist ein wahres Vergnügen dem jungen Cast bei all den Turbulenzen zuzusehen. Michelle, die voller Vorfreude auf das neue Schuljahr blickt, steht im Zentrum der Handlung. Sie freundet sich schnell mit der fröhlichen und lebenslustigen Simone (Anouk Villemin) an, die ein Auge auf Michelles Bruder Jean-Pierre (Baptiste Masseline) geworfen hat.

Annik ist vor allem bei den Jungs beliebt, verhält sich aber zunehmend distanziert. Dazu gesellen sich noch der schüchterne Henri (Nathan Parent), der zu Beginn aufgrund seines Aussehens gemobbt wird, Außenseiter Alain (Gaspard Meier-Chaurand), der im Heim aufgewachsen ist und Rüpel Joseph (Vassili Schneider), der immer wieder Unruhe stiftet.

Zwar sind die jungen Darsteller und Darstellerinnen noch weitgehend unbekannt, wirken dabei aber in jeder Sekunde glaubwürdig und authentisch.

Überzeugender Cast, rockiger Soundtrack

Auch die Lehrer und Lehrerinnen an der Schule haben mit den gesellschaftlichen Normen zu kämpfen. In der Ehe von Konrektor Paul Bellanger und seiner Frau, der Schulkrankenschwester Jeanne (Maud Wyler), ist nichts wie es scheint. Die neue Englischlehrerin Camille Couret (Nina Meurisse) verkörpert hingegen eine moderne Frau, die sich von ihrem Mann scheiden lassen will und auch im Unterricht auf innovative Methoden setzt.

Die neue Schulklasse am Lycée Voltaire (Credit: Amazon.com)

Die neue Schulklasse am Lycée Voltaire (Credit: Amazon.com)

Schulkrankenschwester Jeanne (Maud Wyler) und Konrektor Paul Bellanger (Pierre Deladonchamps) hüten ein Geheimnis (Credit: Amazon.com).

Schulkrankenschwester Jeanne (Maud Wyler) und Konrektor Paul Bellanger (Pierre Deladonchamps) hüten ein Geheimnis (Credit: Amazon.com).

Vor einigen Tagen wurde die Serie beim "Cannesseries"-Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnet (Credit: VALERY HACHE / AFP / picturedesk.com).

Vor einigen Tagen wurde die Serie beim "Cannesseries"-Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. (Credit: VALERY HACHE / AFP / picturedesk.com).

Neben dem starken Ensemble wird die Serie mit einer besonderen Visualität und einem fetzigen Soundtrack perfekt abgerundet. Die Songs von Beth Ditto, Courtney Barnett oder den Libertines sorgen vor allem bei Indie-Rock-Fans für einen wahren Hörgenuss.

Zweite Staffel in Planung

Bleibt zu hoffen, dass "Voltaire High" nach den acht Folgen fortgesetzt wird. Beim "Cannesseries"-Festival wurde die Produktion unlängst mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Pierre Deladonchamps hat bereits seine Bereitschaft zur Teilnahme an einer zweiten Staffel zugesagt. 

Auch Schöpferin Marie Roussin macht den Fans Hoffnung, wie sie in einem Interview mit der französischen Zeitschrift "Premiere" verriet: "Die Serie wurde entwickelt, um diese Charaktere für lange Zeit zum Leben zu erwecken. Wir werden sehen, wie sie mit Staffel 1 schon reagieren. Aber danach möchten wir gerne bis zum Ende der Highschool gehen. Und vielleicht sogar noch weiter bis 1968."