Wie Google die digitale Landkarte formt

Show, don't tell: Der Mann weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Eric Tholomé, Senior Director im Product Management bei Google, kämpfte bei der "Geburtstagsfeier" des hauseigenen Kartendienstes vor Journalisten mit jener altmodischen Papierkarte, die ihn einst über verschlungene Wege zu seinem neuen Arbeitsplatz in Zürich lotste.

Das Navi, damals in Autos noch mit Seltenheitswert, hatte den Geist aufgegeben. Heute trägt fast jeder seinen persönlichen Wegweiser in der Hosentasche – woran Tholomé nicht unschuldig ist. Der IT-Spezialist begleitete Googles Maps-Dienst von den Anfängen als Online-Karte 2005 – damals wurden Ausschnitte meistens noch zum Mitnehmen auf Papier ausgedruckt – bis zur Anwendung, die auf Smartphones nicht wegzudenken ist.

So sah Google Maps 2005 aus.

So sah Google Maps 2005 aus.

In der Schweiz ziehen Tholomé und seine Kollegen Bilanz und geben einen Ausblick auf das, was noch kommen soll. Ihr Produkt ist heute viel mehr als eine interaktive Landkarte. Es zeigt unzählige Fotos und Rezensionen, fungiert als Navi, warnt vor Staus und lotst Fußgänger mit "Augmented Reality" ans Ziel.

Und: Während das soziale Netzwerk "Google+" deutlich unter den Erwartungen blieb und abgeschaltet wurde, gedeiht die Maps-Community prächtig. Millionen teilen in den Karten ihre Bewertungen von Restaurants und Filmen, laden Fotos hoch und weisen auf Sehenswürdigkeiten hin. Mit dem "Local Guides"-Programm wird dieser Aspekt der App noch gefördert, allein der fleißigste Guide in der Schweiz teilte schon mehr als 3.000 Bilder mit Maps.

Eric Tholomé

Eric Tholomé

Zu den größten Sprüngen, die den Maps-Entwicklern in den letzten 15 Jahren gelungen sind, zählt sicherlich die Verwendung von Satellitenbildern. Mit den Aufnahmen aus dem Weltall machte Google die Welt vom Computer aus beschaubar; mit "Street View" wurden weite Teile des Planeten virtuell begehbar. Der nächste Schritt: Die Grenzen zwischen digitaler und physischer Welt verschwimmen, Informationen wie etwa die Route zum Flughafen werden direkt im Kamerabild des Smartphones gezeigt.

Diese Entwicklungen im sogenannten Augmented-Reality-Sektor treibt Petra Ehmann (Global Product Partnerships) voran. Schon jetzt können sich Fußgänger über die Handykamera den Weg zeigen lassen; dazu sucht Google im Live-Bild nach markanten Punkten und gleicht sie mit Datenbanken ab, um Standort und Blickrichtung des Nutzers zu berechnen.

Live View zeigt den Weg im Kamerabild.

Live View zeigt den Weg im Kamerabild.

In Zürich verrät Ehmann: Derzeit arbeitet man an einer weiteren Möglichkeit, Augmented Reality intuitiv zu bedienen. In Zukunft können Maps-User demnach auch jederzeit eine virtuelle Stecknadel in die Karte klicken, das Smartphone hochhalten, den "Pin" in der Kamera sehen und Richtung sowie Distanz ablesen.

Eine Krux, die große Teile der Weltbevölkerung betrifft, löst Programmierer Rasťo Šrámek. Auch das kann Maps: Plus Codes sind Zahlen- und Buchstabenkombinationen, mit denen Häuser und Orte ohne eine herkömmliche Adresse identifiziert werden. Davon profitieren etwa die Einwohner von Slums und Menschen in Dritte-Welt-Ländern, aber auch Bewohner ländlicher Gegenden in den USA. Denn: Ohne Adresse wird keine Post zugestellt, Einsatzkräfte finden den Weg nicht, der Zugang zu demokratischen Wahlen ist eingeschränkt und sogar das Bestellen von Ausweispapieren kann zum Problem werden.

Sao Paulo hat im Rahmen einer Kooperation mit Google Adressen für zwei Millionen Brasilianer kreiert. (Foto: Regierung von Sao Paulo)

Sao Paulo hat im Rahmen einer Kooperation mit Google Adressen für zwei Millionen Brasilianer kreiert. (Foto: Regierung von Sao Paulo)

Augmented Reality, Plus Codes, Street-View – die Stoßrichtung ist klar. Google trachtet danach, den einzelnen Nutzer nahtlos in seine Infrastruktur einzubinden. Das bringt wie Datenschützer betonen nicht nur Komfort, sondern auch Risiken. Unterm Strich hat sich Google Maps in den letzten 15 Jahren aber zu einem konkurrenzlos wertvollen Recherche-Tool entwickelt, das die Grenzen des technisch Möglichen und praktisch Umsetzbaren Schritt für Schritt verschoben hat.